Tagesschau und etliche Zeitungen geben WMO-Angabe falsch wieder und erkennen nicht das Wesentliche der Meldung

Die Kohlendioxid- (CO2-), Methan- (CH4-) und Distickstoffmonoxid- (N2O-) Anteile der Atmosphäre haben 2013 erneut die Höchstmarke des Vorjahres überschritten. Dies stellte die Weltorganisation für Meteorologie (englisch World Meteorological Organization, kurz WMO) in einem neuen Report fest. Das ist aber an sich nichts besonderes, denn dass die Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre jedes Jahr höher sind wie im vergangenen Jahr passiert in letzter Zeit regelmäßig (siehe Grafik unten). Hinzu kommt, dass viele Zeitungen die Erhöhung falsch wieder gegeben haben. Nach deren Meldungen hat sich nämlich der CO2-Anteil der Atmosphäre seit Ende der vorindustriellen Zeit mehr als verdoppelt. Das ist aber falsch. Die Realität ist trotzdem schlimm genug. Die WMO vermutet außerdem, dass die Treibhausgas-Aufnahmefähigkeit der Ozeane und Pflanzen nachlässt. Diese Gefahr hervorzuheben ist eigentlich viel wichtiger, denn das könnte bedeuten, dass die Treibhausgaskonzentrationen der Luft in Zukunft noch schneller ansteigen wie bisher.


(Grafik: © WMO)

Die WMO ist die tonangebende meteorologische Organisation, insbesondere was den Zustand und das Verhalten der Erdatmosphäre, ihre Interaktionen mit den Ozeanen, den Zustand des Klimas und die resultierende Verteilung der Wasserressourcen anbelangt. 191 Staaten sind Mitglied. Hauptsitz ist Genf. Der nun vorgestellte Bericht dieser Weltorganisation verdeutlicht, dass zwischen 1990 und 2013 eine 34 prozentige Zunahme des Strahlungsantriebs der genannten Treibhausgase festgestellt werden konnte. Im letzten Jahr betrug die CO2-Konzentration 142% des vorindustriellen Anteils. Bezugsjahr ist 1750. Die offenbar von dpa und vielen Zeitungen gemeldete Zunahme um 142% ist somit falsch, wie man der Original WMO Pressemeldung entnehmen kann. Es handelt sich um eine Zunahme um 42% auf 142% des vorindustriellen Wertes. Die Methan- und Distickstoffmonoxid-Konzentration der bodennahen Lufthülle stieg auf 253% bzw. 121% an. Das ist aber alles zusammen schlimm genug und erfordert dringendes gemeinsames internationales Handeln zur Begrenzung der Emissionen um einen gefährlichen Klimawandel zu verhindern.

Die Messergebnisse des weltweiten Atmosphären Beobachtungsprogramm (Global Atmosphere Watch, abgekürzt GAW) der WMO zeigen einen besonders starken Anstieg zwischen 2012 und 2013. Hierzu könnte eine verminderte CO2-Aufnahmefähigkeit der Biosphäre, also der Pflanzen auf der Erde und in den Gewässern, geführt haben, was wiederum ebenfalls seine Ursache in den kontinuierlich zunehmenden Treibhausgaskonzentrationen der unteren Atmosphäre haben könnte. Der WMO-Report betrachtet dabei nur die Treibhausgas-Konzentrationen der Atmosphäre und nicht die Emissionen. Die Atmosphären-Anteile repräsentieren somit das Ergebnis der komplexen Interaktionen der Treibhausgas-Emissionen im Ozean-Biosphären-Atmosphären-System. Ungefähr ein Viertel der Emissionen werden von den Ozeanen aufgenommen und ein weiteres Viertel von der Biosphäre - wie gesagt, mit offenbar abnehmender Tendenz. Die Ozeane puffern also die CO2-Zunahme der Atmosphäre ab. Diese Pufferfähigkeit hat aber schwerwiegende Folgen für sie selbst: Die gegenwärtige Ozean-Versauerung ist beispiellos in den letzten 300 Millionen Jahren, so die WMO-Studie.

"Wir wissen ohne jeden Zweifel, dass sich unser Klima verändert und unser Wetter extremer wird - aufgrund menschlicher Aktivitäten wie der Verbrennung fossiler Brennstoffe," sagt WMO Generalsekretär Michael Jarraud. 1) "Der Treibhausgas-Bericht zeigt, dass weit enfernt von einem Rückgang, die Kohlendioxid Konzentration in der Atmosphäre letztlich schneller als in den letzten 30 Jahren zunimmt. Wir müssen diesen Trend durch das Beschneiden der CO2-Emissionen und der anderen Treibhausgase umkehren," meint Jarraud. "Wir verlieren das Rennen gegen die Zeit." 2) Das CO2 verbleibe viele hundert Jahre in der Atmosphäre und im Ozean sogar noch länger. Die Emissionen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft addieren sich zueinander, was Auswirkungen auf die globale Erwärmung und die Ozean Versauerung hätte. "Die Gesetze der Physik sind nicht verhandelbar" 3), erklärt  Jarraud. Der neue Report stelle eine Basis für Entscheidungen dar. Wir hätten das Wissen und die Werkzeuge um den Temperaturanstieg unterhalb von 2° C zu halten und unserem Planeten eine Chance und unseren Kindern und Enkeln eine Zukunft zu bieten. "Abwehrende Ignoranz kann nicht länger eine Enschuldigung für Nichthandeln sein". 4) Soviel zum Statement des WMO-Generalsekretärs.

Die Aufnahme eines Abschnitts über Ozean-Versauerung im Report der WMO sei wichtig und notwendig, meint der geschäftsführende Sekretär der "International Oceanographik Commission" der UNESCO, und weiter: " Es ist höchste Zeit dass Ozeane, als vorrangige Treiber des Klimas unseres Planeten und Abschwächer des Klimawandels, zu einem zentralen Bestandteil der Klimawandel-Diskuissionen werden." 5)


Die Veränderungen der atmosphärischen Konzentrationen im Einzelnen:

  • Kohlendioxid (CO2) ist zu 80% an der 34%igen Zunahme des Strahlungsantriebs der langlebigen Treibhausgase, zwischen 1990 und 2013, beteiligt. Grundlage hierfür ist der Treibhausgas-Index der U.S. "National Oceanic and Atmospheric Administration" (NOAA). Im weltweiten Maßstab hat das CO2 396 ppm (parts per million=Anzahl Moleküle pro Millionen anderer Moleküle)  in der Atmosphäre erreicht. Die Zunahme des Gases von 2012 auf 2013 betrug 2,9 ppm, was die größte jährliche Zunahme im Zeitraum zwischen 1984 und 2013 darstellt. CO2 Konzentrationen flukturieren jahreszeitlich und sind regional unterschiedlich.
  • Methan (CH4) ist das zweitwichtigste der langlebigen Treibhausgase. Ungefähr 40% des Methans stammen aus natürlichen Quellen (z.B. aus Mooren und Termitenhügeln) und ungefährt 60% haben menschengemachte Ursachen wie Rinderhaltung, Reisfelder, Ölförderung, Deponien und Verbrennung von Biomasse. Das atmosphärische Methan erreichte einen neuen Höchststand von 1824 ppb (parts per billion=Anzahl Moleküle pro Milliarden anderer Moleküle) aufgrund zunehmender Emissionen aus menschengemachten Quellen. Seit 2007 nimmt das Methan wieder zu, nachdem es zuvor stabil war.
  • Distickstoffmonoxid (N2O) kommt ebenfalls sowohl aus natürlichen (etwa 60%) als auch aus menschengemachten Quellen (etwa 40%). Es steigt aus Ozeanen auf, aus dem Erdreich, wird durch Biomasse-Verbrennung erzeugt, durch Mineraldünger und verschiedene industrielle Prozesse. Die atmosphärische Konzentration stieg auf 325,9 ppb (parts per billion=Anzahl Moleküle pro Milliarden anderer Moleküle). Die Wirkung von N2O auf das Klima ist, im Verlauf von hundert Jahren, 298-mal stärker als eine vergleichbare Menge an CO2. Zum Glück ist es in einer wesentlich geringeren Konzentration in der Lufthülle enthalten, dennoch trägt es bereits zum Treibhauseffekt bei. N2O spielt eine wichtige Rolle bei der Zerstörung der Ozon-Schicht welche die Lebewesen vor den gefährlichen ultravioletten Strahlen der Sonne schützt.

Ozean-Versauerung wurde nun zum ersten Mal in einem Report über Treibhausgaskonzentrationen behandelt. Atlantik, Pazifik, Indischer Ozean und andere Gewässer absorbieren gegenwärtig etwa ein Viertel der technischen CO2-Emissionen. Sie verringern somit die Zunahme des atmosphärischen CO2-Anteils welcher sonst aufgrund der Verbrennung von Öl, Kohle und Gas entstünde. Diese CO2-Zunahme im Ozean beeinflusst jedoch den Kohlenstoffkreislauf im Meer und führt außerdem zu zunehmender Versauerung des Wassers dort. Diese ist bereits messbar, da die Ozeane umgerechnet etwa 4 Kilogramm CO2 pro Person aufnehmen. Somit ist die gegenwärtige Zunahme der Ozean-Versauerung beispiellos im Zeitraum von mindestens 300 Millionen Jahren vor unserer Zeit. Dies machen Proxy-Daten die aus Eisbohrkernen, Meeressedimenten und anderen Quellen gewonnen werden deutlich. Die Ozean Versauerung wird bis mindestens 2050 weitergehen, selbst wenn mensch ab sofort große Anstrengungen zur CO2-Verringerung umsetzt. Die möglichen Konsequenzen sind komplex. Große Sorgen bereiten die kalkbildenden Organismen, welche ihre Skelette aus im Meerwasser gelöstem Kalk bilden. Saureres Meerwasser kann diesen Skelettaufbau behindern oder ganz verhindern, was große Auswirkungen auf die marine Nahrungskette hat.

Dass die Ozean-Versauerung die globale Erwärmung sogar verstärken kann haben im letzten Jahr auch Wissenschaftler des Max-Planck-Institutes für Meteorologie (MPI-M) herausgefunden. Nach deren Erkenntnissen kann die Wasserversauerung zu einer Abnahme der biogenen Produktion der marinen Schwefelkomponente Dimethylsulfid (DMS) führen und dadurch eine Verstärkung der globalen Erderwärmung verursachen. Passt zu den Erkenntnissen der WMO.


Anmerkungen:

Das WMO "Global Atmosphere Watch Programme" koordiniert systematische Beobachtungen und Analysen von Treibhausgaskonzentrationen. Fünfzig Länder haben Angaben für den neuen Report beigetragen. Diese wurden vom "World Data Centre for Greenhouse Gases (WDCGG) at the Japan Meteorological Agency" archiviert und ausgewertet. Die Auswertung der Daten zur Ozean-Versauerung erfolgte beim "International Ocean Carbon Coordination Project (IOCCP) of the Intergovernmental Oceanographic Commission of UNESCO (IOC-UNESCO)", dem "Scientific Committee on Oceanic Research (SCOR) und dem "Ocean Acidification International Coordination Centre (OA-ICC) of the International Atomic Energy Agency (IAEA)".

Originalzitate:

1) “We know without any doubt that our climate is changing and our weather is becoming more extreme due to human activities such as the burning of fossil fuels,”

2)“The Greenhouse Gas Bulletin shows that, far from falling, the concentration of carbon dioxide in the atmosphere actually increased last year at the fastest rate for nearly 30 years. We must reverse this trend by cutting emissions of CO2 and other greenhouse gases across the board,” he said. “We are running out of time.”

3) "The laws of physics are non-negotiable."

4) "Pleading ignorance can no longer be an excuse for not acting."

5) "It is high time the ocean, as the primary driver of the planet’s climate and attenuator of climate change, becomes a central part of climate change discussions."

World Metorological Organization