Es ist schon etwas länger her, dass Hans Thie sein Buch "Rotes Grün - Pioniere und Prinzipien einer ökologischen Gesellschaft" geschrieben hat und obwohl ich es schon lange lesen wollte bin ich erst jetzt dazu gekommen. Der Autor räumt in der hervorragenden Analyse der gegenwärtigen Wirtschaft mit dem Mythos eines grünen Kapitalismus auf und entwirft Perspektiven einer ökologisch-sozialen Gesellschaft die von Kooperation, Gleichheit, Planung, selbständigen und selbstbewussten Arbeitern als Produzenten, einem System von Gemeinschaftgütern und echter Demokratie geprägt ist. Für Hans Thie ist völlig klar: Rot geht nur noch mit Grün und umgekehrt. Was heißt, dass dauerhafte soziale Gesellschaften nicht ohne Respekt vor und den Schutz der Natur möglich sind.

Buchtitel
(Grafik: VSA Verlag)

Zur gegenwärtigen Situation schreibt Thie: "Global ist die Menschheit bereits deutlich über die Tragfähigkeit hinaus. Bildlich gesprochen verbraucht sie gegenwärtig 1,5 Erden ((World Wildlife Fund 2012). Der ökologische Fussabdruck zeigt also: Die Störung natürlicher Kreisläufe ist nicht nur ausnahmsweise Übertreibung, sondern eine systematische Überlastung. Substanzverzehr - das ist die ökologische Realität der modernen Welt". Verursacher dessen sind insbesondere die sogenannten "entwickelten" Länder. Würden alle Menschen leben wie Durchschnittsdeutsche brauchen wir bereits 2,6 Erden. Neun Problemfelder sind von besonderer globaler ökologischer Bedeutung:

  • "Klimawandel
  • Versauerung der Ozeane
  • die stratosphärische Ozonschicht
  • Phosphor und Stickstoffkreisläufe
  • die Aerosolbelastung der Atmosphäre
  • die Bereitstellung von Trinkwasser
  • Veränderungen der Landnutzung
  • Verlust biologischer Vielfalt und
  • Verschmutzung durch Chemikalien."

Die Problematik äußert sich unter andem in schmelzenden Hochgebirgsgletschern, schrumpfenden Korallenriffen, auftauenden Permafrostböden in Sibirien und Alaska, global steigender Meeres- und regional sinkender Grundwasserspiegel, Artensterben, Überfischung und Versauerung der Meere, Bodenerosion und Wüstenbildung. Peak Oil und Peak Soil überschreitend sind wir beim Peak Everything angelangt, was zu einer deutlich reduzierten Verwendung von Rohstoffen führen muss. Die notwendigen Veränderungen der menschlichen Gesellschaften wurden aber noch nicht klar beschrieben, Aufrufen zur Revolution fehlt die notwendige Trennschärfe. Deshalb müsse die Botschaft der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ins Gesellschaftliche übersetzt werden.

An dieser Stelle vereinfacht Thie aus meiner Sicht etwas zu sehr, denn es gab schon sehr viele wichtige Ansätze gesellschaftliche Veränderungen zu beschreiben, die durchaus bemerkenswert sind. Im globalen Rahmen fällt mir z.B. "Plan B 4.0" von Lester Brown ein oder auf Deutschland bezogen "Zukunftsfähiges Deutschland" herausgegeben vom BUND. Diese Werke sind durchaus umfassend, aber vielleicht nicht das was Hans Thie als Lösung ansieht, wobei er "Zukunftsfähiges Deutschland" aber kennt und im hinteren Teil des Buches auch erwähnt.

Auf jeden Fall ist Thies Feststellung recht zu geben, dass Adam Smiths Vorstellung, dass Gemeinwohl dem millionenfachen Eigennutz entspringe, nunmehr "endgültig obsolet" ist, denn "in einer Welt mit starken ökologischen Restriktionen ist jeglicher Luxus ein unmittelbarer Anschlag auf das Leben anderer." Heutzutage seien aber nicht nur Smith´s Auffassungen überholt, sondern auch jene von Keynes und Marx, dass materieller Reichtum irgendwann in zwischenmenschlichen Reichtum umschlagen würde. Die gegenwärtige Aufgabe würde eher darin bestehen die "ökonomische Maschinerie" zu zügeln. Diese ist ohnehin nicht mehr in der Lage das gegebene Versprechen des allgemeinen Wohlstands zu erfüllen. Tatsächlich wird nur noch der Wohlstand der Reichen und Mächtigen gesteigert. Die Märkte haben versagt. (Meiner Meinung nach ist die menschengemachte Erderwärmung in diesem Sinne das bedeutendste Beispiel des Markversagens).

Auch die Konservativen sind nicht in der Lage eine Antwort auf die ökologischen Krisen zu geben. Zwar ist der redlich vorgetragene und nicht von einseitigen Interessen geprägte konservative Ansatz des Bewahrens nicht immer falsch, denn Revolutionen enden häufiger totalitär und sind meist nur noch dem Namen nach angeblich fortschrittlich (oder noch nicht mal das). Aber die Konservativen rechtfertigen in der Mehrheit vor allem das bestehenden ökonomische System, welches sie konservieren wollen.

Aber auch Grüne sind nicht in der Lage über das bestehende ökonomische System hinauszudenken. Ihr Ruf nach dem "Green New Deal" ist ebenfalls wachstumsbasiert und verkennt die tatsächlichen Notwendigkeiten und Ursachen. "Alle Signale, ob ökologischer Fussabdruck oder andere" geben aber - im Gegensatz zu den vorherrschenden grünen Auffassungen - zu erkennen: "Schrumpfung, nicht Wachstum ist das Thema". Ein anderer Zweig der grünen Bewegung setzt daher auf das Individuum. Dazu gehören Namen wie Niko Paech, Harald Welzer und Reinhard Loske. "Weil aber das Individuum selbst in vielfältiger Weise von der Grenzenlosigkeit des Konsums geprägt ist, kann der induviduelle Ausbruch auch zur quälenden Hängepartie werden", meint dagegen Thie.

Die Debatte innerhalb der Zivilgesellschaft sei über diese Positionen jedoch bereits hinaus. Es ist weitgehender Konsens innerhalb der bunten Szene von Umweltverbänden, Bügerinitiativen und engagierten Kirchengruppen, dass Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zusammen gehören. Nur wie kann man das erreichen, wenn man die heutige Wirtschaftsordnung mit ihren Machtverhältnissen nicht antastet?

Hier könnte nun die Stunde einer grünen Linken schlagen, denn die Linke alter Prägung hat ebenfalls vor den Herausforderungen versagt, wie beispielsweise die Gewerkschaften deutlich machen. Auch die Partei DIE LINKE ist hier noch sehr von dem Denken durchdrungen, dass die Wachtumsmaschinerie auf vollen Touren laufen muss, um viel Verteilungsmasse zu besitzen. Thie, selbst Mitarbeiter der Linksfraktion im Deutschen Bundestag schreibt: "Die Linke ist derzeit ohne Strahlkraft, weil sie nicht verstanden hat, dass das gesamte sozialistische Erbe nur dann neue Kraft entfalten kann, wenn es im Angesicht ökologischer Grenzen neu buchstabiert wird." Er zitiert Wolfgang Sachs der eine sozialistische Perspektive folgendermaßen beschreibt: "Jeder, der für mehr Gleichheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde auf unserem kleinen Planeten eintritt, ist gezwungen, ökologisch zu sein. Oder: Es kann auch nicht mal die Spur einer sozialistischen Idee geben, ohne ökologisch zu sein. Die Forderung für die nächsten Jahrzehnte lautet, Wohlstandsmodelle zu erfinden, die gerechtigkeitsfähig sind, die Ressourcen schonen und naturverträglich sind". Heute sei die Linke zwar weit entfernt von einer Staatsbesessenheit, aber auch das Gegenteil, die Negation jeglicher staatlicher Ordnung und der Glaube man könne alles selbst in die Hand nehmen sei problematisch. Eine andere Gesellschaft werde auch Mechanismen benötigen die einer gemeinwohlorientierten Vernunft Wege bahnt.

Die neuen Regeln können nur demokratisch geschaffen werden. Zwang, Diktat, Erpressung, angedrohte oder tatsächliche Waffengewalt wären wirkungslos, wenn das Ziel der Erhalt der gemeinsamen Lebensgrundlagen ist. Thies Zauberwort heißt Kooperation und diese wäre ein Ergebniss von Notwendigkeiten. Diese führen zu Größenbeschränkungen und dem Erkennen eines materiell zulässigen Verhaltens. Die natürlichen Grenzen beschreiben die Vorgaben. Ebenso wenig passen Macht, Herrschaft und Imperialismus zu den ökologischen Geboten (in diesem Sinne fällt mir spontan "Land Grabbing" ein, aber sicher gehören auch "cash crops" in diese Kategorie).

Die Menschenrechte müssten um ein ökologisches Menschenrecht nach dem Prinzip gleicher Ansprüche auf die Umwelt erweitert werden: "One (wo)man, one piece of nature". Ergänzend zu der "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" von 1948, die ja hauptsächlich persönliche Rechte der Menschen formuliert, wäre dieses neu aufzunehmende Menschenrecht gleichzeitig "ein hartes Kriterium für die Gestaltung der Welt". Die Folgen wären enorm. Nicht nur Gesellschaften, sondern auch Individuen müssten sich unter diesem Aspekt rechtfertigen. Privates Eigentum, das nicht nachhaltig ist, wäre somit nicht legitim. Zerstörerisches Wirtschaften und Einkommen daraus wären nicht zu rechtfertigen.

Ohne staatliche Planung lässt sich das Problem letztlich nicht lösen. Thie übersieht bei seiner Kritik an den sogenannten Emissionsrechten, dass diese bereits ein Beispiel hierfür sind. Denn die Emissionsrechte des europäischen Emissionshandelssystems werden jährlich um 1,74% reduziert, was auf der Planung beruht, dass die europäischen Emissionen aus Großfeuerungsanlagen und Luftverkehr bis 2030 um 40% reduziert werden sollen. Also, eigentlich ein ziemlich straffer Plan. Ob die Instrumente hierzu wirksam genug sind ist eine ganz andere Frage. Hans Thies positives Beispiel ist das EEG, was auf einer Kombination aus Markt und Plan beruht. Vermutlich wurde es auch deswegen so massiv von der FDP bekämpft und ist nun im Visier der AfD und neoliberaler CDU/CSU- und SPD- Mitglieder.

Die ökologische Krise ist vor allem ein Problem der Produktionsweisen und der Produkte. Thie sieht in einem "Commonismus" auf Basis der Commons einen Beitrag zu Lösung. Commons wie Wikipedia oder Texte und Fotos unter Creative Commons Lizenz die auf Urheberrechte verzichten sind seine Vorbilder. Denn ein Problem bei der Verbreitung technischen Fortschritts, im Sinne natur- und ressourcenschonender Technologien, ist das Patenrecht, welches verhindert, dass der Fortschritt schneller vorangeht - weil die Verwendung der fortschrittlichen Technologie mit hohen Lizenzzahlungen verbunden ist, welche sich arme Gesellschaften nicht leisten können. Produzenten sollen sich in diesem Sinne zu "Produzenten des Gemeinwohls" entwickeln. Dabei wäre das Eigentum der Belegschaften an den Unternehmen wichtig, sowie verschiedene Steuern zum steuern. Hans Thie schlägt vor die Angst der Arbeiter vor Jobverlusten, etwa in der zerstörerischen Autoindustrie, durch ein bedingungsloses Grundeinkommen zu reduzieren. Eine Arbeitszeitverkürzung würde außerdem den veränderten Produktionsweisen durch eine Neuverteilung der Arbeit gerecht.

Thies neues öko-soziales Modell basiert auf egalitären Antworten: "Einkommensgarantien für die vom Wandel negativ Betroffenen, massive Umverteilung von Einkommen und Arbeit, drastische Korrektur der Vermögensverhältnisse und Aufbau von Belegschaftseigentum in den Unternehmen, Ausbau des öffentlichen Sektors." Er schreibt weiter: "Diese harten Einschnitte in tradierte Eigentumsverhältnisse sind auf Dauer unvermeidbar. Sie sind nicht zuletzt ein Mittel, um Produktivitätsgewinne in mehr Muße, mehr Freizeit, mehr Freiheit zu verwandeln." Meiner Meinung nach übersieht Thie hier was Sahra Wagenknecht in ihrem Buch "Freiheit statt Kapitalismus" gut beschrieben hat. Belegschaften sind nicht automatisch Träger ökologischer Belange. Konsequent wäre daher die institutionelle Beteiligung der Vertreter ökologischer Belange an den Unternehmensentscheidungen. Diese Vertreter ökologischer Belange könnten Umweltverbände aber auch Anwohner sein, die unter den Emissionen oder der Ausdehnung der Unternehmen zu leiden haben. Sie nicht an Unternehmensentscheidungen zu beteiligen wäre in der Tat ein Widerspruch zum Commonismus.

Konsequenterweise hat Hans Thie sein Buch ebenfalls unter eine Commens-Lizenz gestellt und ermöglicht somit einen kostenfreien Download des Werkes. Ich möchte vor allem hervorheben, dass in seinem Text noch viel mehr drinsteckt wie in dieser Buchbesprechung. Fast jeder seiner Sätze ist gehaltvoll und wäre diskussionswürdig. Deshalb - unbedingt lesen!

Zum Download des Buches, welches unter CC-BY-NC-ND-3.0 Lizenz steht. Das Buch ist als Druckausgabe im VSA-Verlag unter der ISBN 978-3-89965-552-0 erschienen.

PS: Die Partei DIE LINKE hat inzwischen reagiert und den roten Plan B für einen sozial-ökologischen Umbau erarbeitet

 

Artikelhistorie:
6.12.14: "Aufgäbe" in "Aufgabe" geändert