Tonnenschwere Lasten in über 100 Metern Höhe millimetergenau miteinander verbinden: Das Ziehen des Rotors ist die wohl kniffligste Aufgabe beim Bau einer Windenergie-Anlage. Kein leichter Job für Kranfahrer Christian Fitz.

Zurückhaltung ist nicht seine Sache. Wo immer er auftaucht, ist ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit technikbegeisterter Männer gewiss. Bewaffnet mit Kameras stehen sie am Windpark und hoffen auf spektakuläre Fotos vom Objekt ihrer Begierde: dem Liebherr LR 1600/2, einem der modernsten und größten Raupenkräne, die gegenwärtig auf dem Markt sind. Mit seinem 156 Meter hohen Gittermast ist der 500 Tonnen schwere Stahlgigant nicht nur Publikumsmagnet, sondern auch das weithin sichtbare Zeichen, dass der Bau von Anlage 2 im Windpark Offenbach an der Queich in die entscheidende Phase übergeht: das Ziehen des Sterns, bestehend aus Nabe, Bugkonus und den drei Flügeln.

Ziehen des Sterns
(Foto: © Juwi)

Knapp 70 Tonnen wiegen allein diese Windrad-Komponenten, die nachts zuvor mit Schwerlast-Transportern angeliefert wurden. Während die Nabe bereits auf der geschotterten Montagefläche liegt, warten die drei 58 Meter langen Flügel – geschultert auf drei am Feldweg parkenden Spezial-Lkw – noch auf ihren Einsatz. Das mehr als 80 Tonnen schwere Maschinenhaus ist bereits fest mit dem Turm verbunden. In 139 Metern Höhe thront es über den sattgrünen Feldern der Südpfalz. Schon bald wird es sauberen Windstrom ernten.

Wo der Wind sonst kräftig pustet, weht heute nur ein laues Lüftchen. Genau darauf haben die Spezialisten um juwi-Projektmanager Michael Lüer gewartet. „Wäre der Wind zu stark, hätten wir den Sternzug verschieben müssen. Wir können aber wie geplant loslegen“, freut sich der Zwei-Meter-Mann. Der Pfälzer ist seit sieben Jahren bei juwi als Projektmanager beschäftigt und damit ein alter Hase auf Windrad-Baustellen. Auch in Offenbach ist er für den reibungslosen Ablauf des Projekts verantwortlich. Mit ihm auf der Baustelle ist Matthias Feldner von SSC Wind, einem auf die Montage von Windrädern spezialisierten Unternehmen. Feldners Team hat die Baustelle optimal präpariert: Werkzeuge, Bauteile und Komponenten liegen bereit. Die Nabe wartet darauf, mit Flügeln bestückt zu werden. Längst in Position steht – nach drei Tagen Aufbau – auch der gelbe Riesenkran. Mühelos erreicht sein 156 Meter langer Ausleger jeden Punkt auf der Baustelle. Ein kleinerer Teleskopkran wird ihm beim Zuführen der Rotorblätter assistieren.

Ein Kran mit 500 Pferdestärken

Dann nähert sich der erste Rotorblatt-Transporter dem Turm, den geschwungenen Flügel trägt er huckepack. Es schlägt die Stunde von Christian Fitz. Der 29-Jährige fährt Kräne und anderes Großgerät bereits seit sieben Jahren. Heute ist er Herr über den 500 PS starken Raupenkran. Konzentriert sitzt er in der vollklimatisierten Fahrerkabine auf dem luftgepolsterten Sitz. In jeder Hand hält er einen Joystick, mit dem er den Stahlriesen millimetergenau steuern kann. Die Displays im Armaturenbrett versorgen ihn jederzeit mit aktuellen Informationen: Gewicht, Lage und Höhe der Ladung, Abstand zum Ausleger, Windgeschwindigkeit an der Kranspitze und vieles mehr. Über die Außenspiegel verfolgt er das Geschehen rund um sein Arbeitsgerät. Was er da sieht, ist perfekt einstudierte Choreografie. Vier kräftige Männer lösen die Sicherungen und legen vorne und hinten lange Transportschlaufen um das Rotorblatt. Die mächtigen Haken der beiden Kräne werden herabgelassen – und mit den Schlaufen verbunden.
Per Funk steht Bauleiter Matthias Feldner mit den beiden Kranführern in Kontakt. Dann das vereinbarte Zeichen: Zeitgleich ziehen die Kräne die Seilwinde straff. Synchron und ganz langsam, Zentimeter um Zentimeter, heben sie das 14 Tonnen schwere Blatt an. Sicher vertäut, schwebt es in luftiger Höhe waagerecht über dem parkenden Schwerlast-Transporter.

Christian Fritz
Christian Fitz (Foto: © Juwi)

Christian Fitz ist ganz in seinem Element und steuert hoch konzentriert den Kran. Sachte wandert der Flügel über den Lkw hinweg. Der Flügel senkt sich, bis der Blattanschluss kurz über dem Boden, nur wenige Zentimeter von der Nabe entfernt zum Stillstand kommt. Nun übernimmt Matthias Feldner – Fitz‘ Auge am Boden – das Kommando und dirigiert die Kräne. Millimeter um Millimeter gleiten Dutzende Anschlussschrauben in die vorgesehenen Bohrlöcher. Feldner hebt den Daumen. „Passt!“, schallt es über die Baustelle. Der Flügel verharrt in seiner Position. Monteure mit großen Drehmoment-Schlüsseln ziehen die Schrauben im Inneren der Nabe fest. Zwei Stunden später ist auch die letzte Schraube angezogen und der Flügel fest mit der Nabe verbunden. Die Transportschlaufen am Rotorblatt werden abgenommen, die Kräne bewegen sich zurück in ihre Ausgangsposition. Lkw Nummer zwei steht bereits in den Startlöchern. Die Prozedur beginnt von vorne.

Eine Hochzeit in 139 Metern Höhe

Am späten Nachmittag liegt der komplett vormontierte Stern am Boden. Stolze 120 Meter misst sein Durchmesser. Christian Fitz sitzt wieder in seinem Kran. „Jetzt kommt der anspruchsvollste Teil beim Bau von Windenergie-Anlagen“, erzählt Matthias Feldner und zeigt auf die Turmspitze. „Da rauf muss der Stern jetzt.“ Eine knifflige Aufgabe, die von allen Beteiligten höchste Konzentration erfordert. Das Aufbauteam befestigt den Rotor am Haken. Vom Boden aus kontrollieren die Männer die Ausrichtung des Sterns in der Luft. Dazu haben sie lange Seile an den Rotorspitzen befestigt. „Jetzt müssen alle Handgriffe
sitzen“, erklärt Feldner. Alle arbeiten mit vollem Körpereinsatz, erst recht Kranführer Fitz. Langsam hebt er den tonnenschweren Stern an, Meter für Meter. Ständig steht er in Funkkontakt mit Feldner, der den Ablauf vom Boden aus dirigiert.

Eine Dreiviertelstunde später verrät ihm der Blick auf das Display, dass der Rotor vor der Gondel hängt. „Links. Noch zwei Zentimeter. Stopp. Jetzt langsam vorwärts. Stopp!“ Vom Dach des Maschinenhauses aus dirigieren Monteure Fitz über Funk. Millimeter um Millimeter nähern sich Rotornabe und Rotorwelle an. Ein metallisches Klacken verrät, dass sie perfekt ineinanderliegen. Punktlandung. Mit großer Präzision verbinden die Monteure im Turm Welle und Nabe. Eine gute Stunde später ist ihr Tagwerk vollbracht. Die abschließende Sicherheitsprüfung bestätigt, dass alles vorschriftsgemäß miteinander verschraubt ist. 199 Meter ragt das Windrad nun in den Himmel. Für Christian Fitz und seinen Riesenkran neigt sich ein anstrengender Arbeitstag dem Ende entgegen. Morgen werden sie wieder im Einsatz sein – begleitet von den Blicken technikbegeisterter Männer.

Juwi