Die Forderung nach viel mehr Flächen für den Bau von Einfamilienhäusern kollidiert mit der Notwendigkeit einer Landwende, hin zu einer Verringerung der Flächennutzung und massiver Ausweitung von Naturschutzgebieten.

autofreie Siedlung
Mehrfamilienhäuser, wie diese der autofreien Siedlung an der Hamburger Saarlandstraße, schaffen 4 bis 8-mal mehr Wohneinheiten auf gleicher Fläche als Einfamilienhäuser (Foto: Udo Schuldt)

Wie schnell vergessen wird!

Im November letzten Jahres veröffentlichte der WBGU (Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen) sein neues Gutachten zur Landwende. Keine zwei Monate später regen sich Personen der Konsumentenklasse darüber auf, dass einige politisch verantwortliche Leute fordern, dass weniger Flächen für den Bau von Eigenheimen (Einfamilien- und Reihenhäusern) ausgewiesen werden sollen. Stattdessen sollten weiterhin in großem Stil Eigenheime errichtet werden können, um die Wünsche eines großen Teils der Konsumentenklasse zu erfüllen.

Flächen sind knapp. Um Häuser zu errichten, geht häufig Natur- oder Kulturlandschaft verloren. Im besten Fall sind es bereits brachliegende degradierte Areale, so das Gebiet einer autofreien Siedlung in Hamburg an der Saarlandstraße, welches auf einem Gelände mit ehemals gewerblicher Nutzung entstand und für das nur alte Gewerbegebäude abgerissen werden mussten. Im schlechteren Fall wird Kulturlandschaft zerstört, wie in Hamburg-Oberbillwerder. Im schlechtesten Fall wird Wald gerodet, wie es für das "Spreehafenviertel" in Hamburg-Wilhelmsburg geplant ist.

Es können aber 4 bis zu 8-mal mehr Wohneinheiten auf der gleichen Fläche untergebracht werden, baut man Mehrfamilienhäuser statt Einzelhäuser. Verzichtet man, wie bei den autofreien Wohngebieten, auch auf Parkplatzbau, werden zudem noch gemeinschaftlich nutzbare Flächen frei, auf denen z.B. großzügige Spielplätze und bepflanzbare Areale möglich sind.

Ein weltweites Problem

Dieses Problem der Vernichtung von Natur- und Kulturlandschaft besteht nicht nur in Hamburg, sondern weltweit. Überall müssen diese weichen um Siedlungs- und Verkehrsflächen zu schaffen.

Wegen dieses zunehmenden Flächenverbrauchs - für den der Siedlungsbau nur ein Beispiel ist, andere Beispiele sind Gewerbegebiete, Industrieanlagen, Autobahnen, Flugplätze, Einkaufszentren, Kohleabbau, aber auch Sportstadien und andere Sportanlagen - hat der WBGU im November Alarm geschlagen. Der Flächenverbrauch sei drastisch zu verringern und Landökosysteme seien zu renaturieren. Hierbei solle die Wiederherstellung biodiverser und standortgerechter Wälder, von Feuchtgebieten und Graslandschaften im Vordergrund stehen, um gleichzeitig einen Mehrgewinn durch die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre zu erzielen.

Totes Moor Neustadt Wiederbernässung
Renaturiertes Moorgebiet bei Neustadt am Rübenberge (Foto: Nifoto, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Als Zielgröße strebt der WBGU weltweit deutlich mehr als 350 Mio. Hektar an, die entsprechend zu verbessern seien. Dies entspricht 2 % der Landfläche der Erde. CO2-Entfernung aus der Atmosphäre sei allerdings kein Ersatz für die notwendige massive Reduktion von CO2-Emissionen und sollte daher in Klimaschutzstrategien nicht in einem pauschalen Klimaneutralitätsziel gegen CO2-Minderung aufgerechnet, sondern unabhängig von dieser verfolgt werden.

Wobei eine Transformation der Ernährungsstile, insbesondere eine Abkehr von Tierprodukten, den Zusammenhang zur Landwirtschaft herstellt. Diese müsse von industrieller auf eine ökologische umgestellt werden. Es sei daran erinnert, dass Nutztierhaltung ein großes Problem im Zusammenhang mit der von Menschen verursachten Erderwärmung darstellt.

Die Waldwirtschaft solle den Rohstoff für das "Bauen mit Holz" liefern, dadurch könnte längerfristig Kohlenstoff, durch die hölzernen Gebäude, gebunden werden. "Das Holz dafür muss aber aus standortgerechter, nachhaltiger Waldwirtschaft stammen, die weder Biodiversität noch Ernährungssicherung gefährdet. Dazu sollte mit internationalen Partnern eine weltweite „Mission nachhaltiges Bauen“ initiiert und mit der EU-Initiative für ein "neues europäisches Bauhaus" verknüpft werden." 1)

Modernes Holzhaus in Bad Aibling
Modernes Holzhaus in Bad Aibling (Foto: Y.Hilinci, Lizenz: CC BY 4.0)

Zudem sollen effektive, vernetzte Schutzgebietssysteme das Rückgrat des Ökosystemschutzes bilden. Ausweitung und Aufwertung der Schutzgebiete seien entscheidende Voraussetzungen dafür, die globale Biodiversitätskrise zu entschärfen, so der WBGU.

Strategien für eine globale Landwende

Dazu macht der wissenschaftliche Beirat fünf Vorschläge für Governance Strategien zur globalen Landwende:

"Erstens wird die Anwendung neuer Formen der multilateralen Zusammenarbeit durch die Errichtung von Kooperationsgemeinschaften durch gleichgesinnte Staaten und/oder subnationale Regionen empfohlen.

Zweitens sollte die internationale Zusammenarbeit beim Umgang mit Land verbessert und ein „Global Land Summit“ als gemeinsame Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konventionen zu Klima, Biodiversität und Desertifikation einberufen werden.

Drittens sollte die Europäische Union im Rahmen des European Green Deal neben der Klimaneutralität bis 2050 auch eine Landwende zur Nachhaltigkeit vorantreiben.

Viertens sollten Staaten Rahmenbedingungen schaffen, negative Auswirkungen der Landnutzung auf Ökosysteme konsequent einzupreisen oder etwa durch Standards einzuhegen. Schutz oder Renaturierung von Ökosystemen sollten gesellschaftlich honoriert werden.

Fünftens sollten Pionier*innen des Wandels unterstützt werden, die neue landbasierte Schutz- und Nutzungspraktiken erproben." 1)

Deutschland und die EU müssen vorbildlich sein um glaubwürdig Klimadiplomatie betreiben zu können

International sollten die terrestrischen Schutzgebietssysteme auf 30 % der Erdoberfläche ausgeweitet werden, unter konsequenter Anwendung international vereinbarter Qualitätskriterien, wobei gleichzeitig Klimaschutz - durch Schutz vor Brandrodung und Abholzung - betrieben und die Ernährungssicherheit verbessert wird. Um dies zu erreichen, müsse die EU Vorreiter sein und entsprechende Klimadiplomatie betreiben.

Zurück zur Diskussion über Eigenheime. Auf der einen Seite haben wir also Personen welche die Bedürfnisse von großen Teilen der Konsumentenklasse vertreten. Auf der anderen Seite Forderungen von Menschen die sich Gedanken um Klimaschutz, Natur, Artenvielfalt beziehungsweise allgemein um den Erhalt der Lebensgrundlagen machen. Für diese Gruppe ist der WBGU ja nur Sprachrohr, ein anderes sind die jungen Menschen von Fridays for Future.

Wenn nun im Rahmen der Klimadiplomatie von anderen Ländern gefordert wird, keine Wälder zu vernichten, muss die EU und Deutschland da nicht vorbildlich sein?

Wem sollte man nun politisch entgegenkommen, Menschen, die gerne ein Haus mit Garten ihr Eigen nennen möchten oder Menschen, die gerade erst geboren sind und deren Zukunft sichergestellt werden muss?

Die Entscheidung kann eigentlich nur zugunsten der zukünftigen Generationen ausfallen.

Im Sinne der Eingangsfrage: Tatsächlich ist die Landwende noch nicht zu Ende, sie hat noch gar nicht begonnen!

PS: Vielleicht haben die genannten Angehörigen der Konsumentenklasse den WBGU-Bericht aber auch gar nicht vergessen, vielleicht wollen sie die Probleme einfach nicht zur Kenntnis nehmen.


1) Zitat aus der Presserklärung des WBGU
WBGU-Video zum Thema:


YouTube-Video zum Wilden Wald, der gefährdeten Fläche in Hamburg-Wilhelmsburg: