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Gibt es im Verlauf einer Debatte etwas Schlimmeres als Ignoranz? Die Vertreter der Anti-Atom-Bewegung waren lange Zeit fortschrittlich, aber manchmal kann man von den Anti-AKW-Protagonisten den Eindruck gewinnen, dass sie die Dramatik des Baues und vor allem der Verwendung von Kohlekraftwerken weitgehend ignorieren. Aber auch Kohlekraftwerke müssen so schnell wie möglich abgeschaltet werden.


Anti-Atom-Menschenkette im April 2010 (Foto: Udo Schuldt)

Ein Beispiel: Die große Anti-Atom-Demonstration am 5. September 2009 sollte, nach dem Willen der Veranstalter, ausschließlich auf die Problematik der Atomenergie aufmerksam machen.

„Es wird entscheidend von uns abhängen, wie sich die Parteien nach der Bundestagswahl zur Atomenergie verhalten“, heißt es im Aufruf für den Treck und die bundesweite Demonstration in Berlin, den der Trägerkreis auf seiner ersten Pressekonferenz im Leineschloß zu Hannover vorstellte. Weiter heißt es dort: „Wir wollen raus aus der Atomkraft!“ Kein Wort zur Energie aus Kohle, kein Wort zu den möglichen Alternativen. Obwohl zur selben Zeit auch massive Auseinandersetzungen um Kohlekraftwerke stattfanden. Noch ein Beispiel: Im April 2010 wurde zwischen den Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel eine Protestmenschenkette gegen Atomenergie gebildet. Vorbei an den gigantischen Neubauplanungen von Kohlekraftwerken in Brunsbüttel, Stade und Hamburg-Moorburg. In den meisten Aufrufen zur Menschenkette stand keine Silbe dazu.


Auseinandersetzungen am Bauzaun des Bauplatzes für das Kohlekraftwerk Hamburg-Moorburg (Foto: Udo Schuldt)

Dabei ist es ja nun wirklich kein Geheimnis, dass Tausende Menschen auch gegen die Energie aus Kohle kämpfen. Man kann den Eindruck bekommen, dass bei den Anti-Atom-Initiativen eine gewisse Angst besteht, auch den Ausstieg aus der Kohlekraft und die Hinwendung zur regenerativen Energieerzeugung zu erwähnen. Spricht man namhafte Vertreter der Anti-Atom-Bewegung auf diese Zusammenhänge an, so bekommt man zur Antwort, dass man regionalen Anti-Atom-Initiativen keinen Protest gegen Kohlekraftwerke zumuten könne.


Anti-KoKW-Demo in Emden - Mai 2009 (Foto: Udo Schuldt)

Diesen Eindruck kann man aus der Debatte mit Atomenergie-Gegnern immer wieder gewinnen. Sie sind Feuer und Flamme, wenn es um den Widerstand gegen Atomtechnologie geht, aber gelangweilt bei anderen Themen. Solche Erfahrungen sind natürlich nicht auf die ganze Anti-Atombewegung verallgemeinerbar, aber man macht sie häufig.

Um von Anfang an Missverständnissen vorzubeugen. Der Ausstieg aus der Atomenergie muss erfolgen. So schnell wie möglich - sofort. Dies ist auch realisierbar. 

Die Argumente, die für ein Ende der Atomkraftära sprechen, sind bekannt. Sie reichen von der Problematik niedriger Strahlendosen auf die Bevölkerung, über damit verbundene Leukämiefälle, über Störfallrisiken und extreme Risiken im Falle eines „Größten Anzunehmenden Unfalls“ (GAU) bis hin zur Gefahr durch die horizontale und vertikale Proliferation von Atomwaffen. Also, weg mit dem Dreck.

Eine ebenso große, eventuell sogar größere Gefahr, ist aber die Verwendung und der Neubau von Kohlekraftwerken. Kohle verbrennt zu über 99% zu CO2. Es gibt keine Art der Energieerzeugung, die mehr CO2 erzeugt, als die Verbrennung der Kohle. Selbst wenn ein Teil des Kohlendioxids abgeschieden und unterirdisch gelagert wird, ist Kohleverbrennung immer noch klimaschädlicher als die Verbrennung von fossilem Gas, da es keine sicheren Lagerstätten gibt, die das CO2 wirklich dauerhaft isolieren.


Baustelle des Kohlekraftwerks Hamburg-Moorburg (2009); Foto: Udo Schuldt; Lizenz: CC-BY-NC-3.0

Viele Menschen mögen denken, dass wir Atomkraft abschalten und Kohlekraft solange als Übergangsenergie nutzen können, bis genügend regenerative Energie zur Verfügung steht. Leider ist diese Einschätzung falsch. Kohlekraftwerke, die heute gebaut werden, haben eine Lebensdauer von ca. 40 bis 50 Jahren. Sie werden also auch noch im Jahr 2050 produzieren, wenn in Deutschland – und den anderen fehlentwickelten Ländern der EU, den USA, Kanada, Australien, Japan, Südkorea und anderen die Kohlendioxidemissionen um 90% gegenüber 1990 reduziert sein müssen.

Darüber hinaus sind weitere Gefahren mit Kohlekraftwerken verbunden. So entstehen schwermetallhaltige Abgase und Feinstäube, die die Gesundheit der Menschen in der Umgebung der KoKW beeinträchtigen – in ähnlicher Weise, wie die Niedrigstrahlung der Atomkraftwerke die Gesundheit der Bevölkerung in der Umgebung der AKW beeinträchtigt. Mit der Einführung der CCS-Technologie (CCS = Carbon Capture and Storage – Kohlendioxidspeicherung) nehmen diese Risiken weiter zu. Diese trägt hier insbesondere die Bevölkerung, die in der Umgebung solcher unterirdischen Kohlendioxidlager lebt. Da Kohlendioxid schwerer als Luft, durchsichtig und geruchlos ist, kann ein massiver Austritt nicht mit den menschlichen Sinnen erkannt werden. Unfälle durch Ersticken wegen CO2-Leckagen sind nicht auszuschließen.

Diese unmittelbaren Gefahren für die Gesundheit der Menschen sind aber vergleichsweise gering, gegenüber den Gefahren, die mit der Erderwärmung verbunden sind. Nach übereinstimmender wissenschaftlicher Auffassung hat die Menschheit nur noch etwa 10 Jahre Zeit, um die Treibhausgasemissionen wirkungsvoll zu begrenzen. Erfolgen diese Maßnahmen zu spät, werden die Konsequenzen katastrophal sein. Der Grund hierfür liegt in der Trägheit des Klimasystems und dem überschreiten von Kipp-Punkten. Wie träge sich das Klima verhält, zeigt folgendes Beispiel: Angenommen, es gelänge die Emissionen aller Treibhausgase sofort – also heute – zu beenden, würde trotzdem die Temperatur weiter ansteigen. Von heute 0,8 C Grad, gegenüber dem vorindustrieellen Niveau, auf etwa 1,2 bis 1,4 Grad C. Die Trägheit des Systems ist vor allem in dem komplizierten Temperaturaustausch zwischen Ozeanen und Atmosphäre zu sehen. Ein einmal induzierter „Impuls“ wirkt also noch lange nach.

Das überschreiten der Kipp-Punkte führt zu weiteren Erwärmungen aufgrund von Prozessen, die durch die höheren Luft- und Wassertemperaturen ausgelöst werden. Hierzu gehört die Reduzierung der Wärmeabstrahlung der Erde, weil immer mehr weiße Eisflächen dahinschmelzen, oder das Entweichen von im Permafrost enthaltenem Methangas – einem 25-mal so starkes Treibhausgas wie CO2. Von einem bestimmten Punkt an ist es dann völlig egal, wie sich die Menschheit verhält, sie wird die große Klimakatastrophe nicht mehr aufhalten können. Mit großer Klimakatastrophe bezeichne ich hier den „global wipeout“ genannten Vorgang, der fast vollständigen Auslöschung aller gegenwärtig bekannten Tier- und Pflanzenarten, inklusive von Milliarden Menschen. Die verbleibende Tragfähigkeit der Erde reicht dann möglicherweise nur noch für 500 Millionen Menschen, irgendwo im hohen Norden, im tiefen Süden und in Höhenlagen. Dieser Zustand könnte bereits gegen Ende des 21. Jahrhunderts bedeutsam werden.

Der langen Rede kurzer Sinn. Es ist notwendig, die Potentiale des Widerstands gegen die Atomenergie und gegen die Kohlekraft zusammenzufassen, damit eine starke Bewegung entsteht, eine Bewegung, die für ein menschengerechtes Energiesystem und ebensolche Strukturen kämpft. Die Technologien sind vorhanden. Man kann heute Häuser bauen die mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Wind und Solarenergieerzeugung sind entwickelt. Es gibt also keinen Grund mehr für den Bau und Betrieb von Atom- und Kohlekraftwerken.

Gute Umweltpolitik zeichnet sich durch Weitsicht und Verzicht auf Sparten-Interessenpolitik aus. Das Ziel ist die Versorgung aller Menschen mit Energie und eine Politik, die auf menschliche Sicherheit vor Gesundheitsgefahren und vor allem vor der Gefahr der Zivilisationszerstörung durch einen Atomkrieg oder den „global wipeout“ gerichtet ist.

In diesem Sinne, lasst uns die Höllenfeuer einig und gemeinsam bekämpfen.