"Die Erdölkonzerne sind ein Schurkenverein, rücksichtslos wie keine andere Macht auf Erden, der Hauptfeind für das Überleben der Menschheit"
Bill McKibben

Menschen reagieren vor allem auf aktuelle Ereignisse. Da die USA in diesem Jahr unter einer noch nie - seit Beginn der Temperaturmessung - dagewesenen Hitze leiden, steigt dort die Aufmerksamkeit gegenüber dem Klimawandel wieder. Bill McKibben, Autor zahlreicher Bücher über Erderwärmung und erneuerbare Energien, fand, vielleicht auch deshalb, mit einem Artikel in der Zeitschrift "Rolling Stone", US-weite und internationale Aufmerksamkeit. Seine Hauptaussage: Wir dürfen die Zukunft des Planeten nicht den Erdölkonzernen überlassen, sonst führt dies in die "6 Grad Welt".


Waldbrände, aufgrund der Dürre in den USA, im Juni 2011 (Foto: USDAgov)

Gegenwärtig beträgt die vergleichbare globale Temperaturerhöhung 0,8 Grad, d.h. die mittlere jährliche Temperatur der unteren Atmosphäre ist um 0,8 Grad angestiegen, gegenüber der mittleren jährlichen Temperatur vor Beginn der Industriealisierung. Die Veränderungen des Klimas in der "0,8 Grad Welt" sind aber bereits erheblich. Eine "6 Grad Welt" wäre nochmal eine enorme Steigerung dessen was wir jetzt erleben.

McKibben zeigt nun, dass es, wenn es nach den Öl-, Kohle- und Gaskonzernen geht, unaufhaltsam dazu kommt. Drei nüchterne Zahlen sind es, welche diese Veränderung beschreiben:

  • Die Aussage von Wissenschaftlern, dass ein Temperaturanstieg von mehr als 2 Grad katastrophale Folgen für die Menschheit hätte und die Menschen danach machen können was sie wollen, die Temperatur stiege weiter - aufgrund des induzierten Impulses, der dann natürliche Erwärmungsfaktoren anstößt.
  • Der Menge von 565 Gigatonnen CO2 die höchstens noch erzeugt werden dürfen um die 2 Grad-Grenze nicht zu überschreiten.
  • Die 2795 Gigatonnen CO2, die sich ergeben würden, wenn die Konzerne tatsächlich alle Reserven von fossilen Energiequellen verbrennen, über die sie jetzt schon verfügen.

Das Problem ist, dass die Öl-, Kohle- und Gaskonzerne eben genau dies tun wollen, denn das Fördern und Verkaufen der fossilen Energieträger ist ihr Geschäft. Würden sie nun sagen, wir lassen 80% unserer fossilen Vorräte in der Erde, hätte das die Konsequenz, dass sie von einem Tag auf den anderen an Kapital verlören, denn ihr Wert gründet sich auch auf ihren Öl-, Kohle- und Gas-Reserven.

Sehr nachvollziehbar und sehr verdienstvoll, dass McKibben sich mit diesem politisch mächtigen fossil-industriellen Komplex anlegt. Sein Ansatz greift aber zu kurz. Es verdienen nicht nur diejenigen kräftig, welche die Energie fördern und vermarkten, sondern auch diejenigen, die sie verwenden. Dazu gehören die konventionellen Stromerzeuger, aber auch Autohersteller, Transportfirmen oder Reiseanbieter von Kreuzfahrten mit Luxuslinern. Man kann wohl auch unterstellen, dass die meisten Großbanken erhebliche Profite aus dieser Art des Wirtschaftens ziehen. Von den Top 20 der weltweit größten Unternehmen gehören mindestens 18 in diese Kategorie.

1. Royal Dutch Shell Den Haag Niederlande Niederlande Öl und Gas
2. ExxonMobil Irving Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten Öl und Gas
3. Walmart Bentonville Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten Einzelhandel
4. BP London Vereinigtes Königreich Großbritannien Öl und Gas
5. Sinopec Peking China China Öl und Gas
6. China National Petroleum Peking China China Öl und Gas
7. State Grid Peking China China Versorger
8. Chevron San Ramon Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten Öl und Gas
9. ConocoPhillips Houston Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten Öl und Gas
10. Toyota Motor Toyota Japan Japan Automobile
11. Total Courbevoie Frankreich Frankreich Öl und Gas
12. Volkswagen Wolfsburg Deutschland Deutschland Automobile
13. Japan Post Group Tokio Japan Japan Dienstleistungen
14. Glencore Baar ZG Schweiz Schweiz Rohstoffhandel
15. Gazprom Moskau Russland Russland Öl und Gas
16. E.ON Düsseldorf Deutschland Deutschland Versorger
17. Eni Rom Italien Italien Öl und Gas
18. ING Groep Amsterdam Niederlande Niederlande Finanzdienstleister
19. General Motors Detroit Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten Automobile
20. Samsung Electronics Seoul Südkorea Südkorea Technologie
Tabelle aus Wikipedia, Stand August 2012

Bekanntermaßen unterstützen viele dieser Firmen die Verdummung der Bevölkerung, indem sie jene finanzieren, welche die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Klimawandels bestreiten oder seine Folgen verniedlichen. Welche Konsequenzen das haben kann, zeigen auch die USA, denn dort wird der Kongress von Abgeordneten beherrscht, die kein Interesse an Klimaschutz haben, bzw. die sogar den Klimawandel leugnen.

Die Macht des Faktischen, also die Erderwärmung und das Leiden der Menschheit darunter, wird irgendwann den allermeisten Menschen deutlich machen, dass die Klimawissenschaft, wie sie in den Berichten des Weltklimarates zum Ausdruck kommt, doch recht hatte. Aber vielleicht ist es dann schon zu spät. Ein Problem mit der Wahrnehmung des Klimawandels besteht darin, dass er mit jahrzehntelanger Verzögerung spürbar wird. Was wir heute an Veränderungen wahrnehmen, also die Dürren, wie die in den USA, die Feuer, wie jenes in Russland in 2010, oder die Überschwemmungen, wie die in Pakistan, ist das Ergebnis der CO2-Emissionen der 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Mit anderen Worten, selbst wenn es der Menschheit gelänge alle Treibhausgasemissionen, außer dem Atmen, sofort zu beenden, dann würden die Temperaturen trotzdem noch weiter steigen - jahrzehntelang - auf etwa 1,5 Grad.

McKibben hat Deutschland, in seinem Text, als Ausnahmeland dargestellt. An einem sonnigen Tag im Mai wäre mehr als die Hälfte des elektrischen Stroms aus Solarenergie erzeugt worden. Dass nun die Regierungskoalition diese Erfolge des Erneuerbaren Energien Gesetzen zurückdrehen will, weiß er wahrscheinlich nicht. Wirtschaftsminister Rösler und Umweltminister Altmeier sind sich inzwischen einig, dass das EEG überarbeitet werden soll. Seit Monaten erlebt die Bundesrepublik ein Trommelfeuer manipulativer Aussagen, dass das EEG den Anstieg der Energiekosten verursachen würde, was zwar falsch ist, aber aufgrund der ständigen Wiederholungen immer mehr Anhänger findet. RWE und Co. haben hier vermutlich ganze Arbeit geleistet, denn Altmeier und NRW´s Ministerpräsidentin Hannelore Kraft loben nun den Bau neuer Kohlekraftwerke, wie den des KoKW Neurath. Dies macht eigentlich nur deutlich, dass der fossil-industrielle Komplex selbst gegen starke politische Widerstände erkämpfte positive Tendenzen wieder umkehren kann.

Das Problem sind also nicht nur die Öl-, Kohle und Gasförderer, sondern es ist der Kapitalismus an sich, mit seinen Machtstrukturen. Dazu gehört auch der wieder erstarkende Kapitalismus in China, welches inzwischen das Land mit den größten Treibhausgasemissionen ist und dessen pro Kopf-Emissionen inzwischen die von vielen EU-Ländern übersteigen. Also, das Argument, China sei ein sozialistisches Land und da wäre es genauso schlecht, zählt nicht. China ist kein sozialistisches, sondern ein kapitalistisches Land. Auch dort bestimmt die "Wirtschaft" maßgeblich die Richtung. Das Beispiel China macht aber außerdem deutlich, wie wirksam die Masseneffekte, des massenhaft steigenden Energieverbrauchs sind.

Naomi Klein geht einen Schritt weiter als Bill McKibben. Die sogenannte Ikone der Anti-Globalisierungsbewegung hat sich in letzter Zeit auch häufiger mit Artikeln zum Thema Klimawandel zu Wort gemeldet. In einem Text vom November 2011, der unter dem Titel "Klima vs. Kapitalismus" erschien, schreibt sie sinngemäß, dass die Opposition der Neoliberalen gegen die Erkenntnisse der Klimawissenschaft ihre Ursache in der Ablehnung staatlicher Maßnahmen habe. Klimaschutz benötigt aber massive staatliche Eingriffe. Maßnahmen, welche die sogenannte unternehmerische Freiheit beschneiden, da nicht mehr die Konzerne bestimmen wieviel CO2 sie emittieren, sondern die Volksvertretungen, welche die Gesetze machen. Man bekäme von Klimawissenschaftsleugnern daher auch immer wieder Varianten der Auffassung zu hören, "dass der Klimawandel ein trojanisches Pferd mit der Aufgabe sei, den Kapitalismus abzuschaffen und durch irgendeine Art von Öko-Sozialismus zu ersetzen".

Argumentiert werde auch immer wieder damit, dass der Klimaschutz Arbeitsplätze vernichte. Heutzutage seien aber immer mehr Menschen davon überzeugt, dass das kapitalische System es selbst ist, das viele Arbeitsplätze vernichtet und die Staaten in die Schuldsklaverei führt. Die Situation sei also günstig in die Offensive zu gehen. Dabei müsse aber deutlich gemacht werden, dass der Kampf gegen den Klimawandel zentral sei. Naomi schreibt: "Die Fülle wissenschaftlicher Beweise dafür, dass wir die Natur über ihre Grenzen hinaus strapazieren, verlangt nicht nur nach grünen Produkten und marktkonformen Lösungen, Sie schreit geradezu nach einem neuen zivilistorischen Paradigma." In diesem Zusammenhang übt die kanadische Journalistin auch Kritik an der etastatischen Linken. Auch dieser sei schwer zu vermitteln, dass unsere Ansprüche und Bestrebungen an natürliche Grenzen stoßen. Es sei nämlich keineswegs so, dass die staatssozialistischen Staaten besser mit der Natur umgegangen wären, die Sowjetunion beutete beispielweise Bodenschätze in genauso zerstörerischer Weise aus.

Echte Lösungen der Klimabedrohung seien tatsächlich nur mit nachdrücklichem Staatshandeln zu erreichen, wobei Macht und Kontrolle nach unten delegiert werden sollten. In diesem Zusammenhang plädiert Naomi auch für mehr Planung, aber nicht in autoritärer Form, sondern in Form einer Hinwendung zu wirklicher Demokratie. Sie schreibt: "Dem Klimawandel entgegenzutreten, bedeutet, dass wir buchstäblich jedes Marktfreiheitsdogma zu brechen haben – und zwar so rasch wie möglich! Wir müssen den öffentlichen Raum wiederherstellen, Privatisierungen rückgängig machen, die Wirtschaftsunternehmen zurück ins Land holen, die Überkonsumption zurückschrauben, zu einer langfristigen Planung zurückkehren, Großunternehmen energisch regulieren und besteuern, manche womöglich sogar verstaatlichen, die Rüstungsausgaben zusammenstreichen und vieles mehr. Vor allem aber müssen wir anerkennen, was wir dem südlichen Teil unserer Welt schuldig sind." Gerade der letzte Punkt bedeutet aber auch, dass Reichtum, in einer Gesellschaft ohne Wachstum, umverteilt werden muss, d.h., dass die Reichen und Superreichen viel stärker zu besteuern sind.

Bill McKibben und Naomi Klein kommen beide aus unterschiedlichen Sichtweisen dazu, dass die Macht der Konzerne beschränkt werden muss, wenn wir das Überleben der Menschheit sichern wollen. Bill besticht in seiner Argumentation vor allem mit der Kenntnis klimawissenschaftlicher Zusammenhänge, Naomi mit ihrem Wissen über ökonomische Macht und deren Beziehungen. Beide zusammen machen deutlich: Klimaschutz und Kapitalismus sind unversöhnlich.

 

Der Text von Bill McKibben bei "Rolling Stone"
Der Text von Naomi Klein ist bei den "Blättern" erschienen.