Wer ist eigentlich radikal? Diejenigen welche die Umwelt zerstören? Oder diejenigen die gegen die Zerstörung kämpfen?


Für den Straßenbau entwurzelte Bäume (Foto: Udo Schuldt)

Manchmal sagt man mir ich wäre radikal, weil ich die konsequente Verringerung des Autobesitzes fordere oder den Konsum tierischer Produkte erheblich reduzieren möchte. Am meisten stören sich diejenigen, die mir Radikalität vorwerfen, aber wohl daran, dass ich Unternehmensentscheidungen demokratisieren, d.h. den Eigentümern und Managern entziehen will.

"Das Adjektiv „radikal“ ist vom lateinischen radix (Wurzel) abgeleitet und beschreibt das Bestreben, gesellschaftliche und politische Probleme „an der Wurzel“ anzugreifen und von dort aus möglichst umfassend, vollständig und nachhaltig zu lösen."1) Bekanntlich beanspruchen viele Leute aus dem linken Spektrum für sich das Attribut "radikal". In diesen Kreisen ist der Begriff eher positiv besetzt. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er aber anders verwandt, nämlich im Sinne von extrem. Für die meisten Menschen im deutschsprachgen Raum ist ein "Radikaler" eine Person die abzulehnen ist. Gerade darum sollte man weder diese Eigenschaft vereinnahmen, noch den gegenwärtigen Sprachgebrauch akzeptieren, sondern Radikalität denjenigen zuweisen, die wirklich und im wahrsten Sinne des Wortes an die Wurzeln gehen.

An die Wurzel gehen nämlich die Umweltzerstörer. Zum Beispiel:

  • Um Braunkohletagebaue zu erschließen werden unzählige Bäume gefällt, sie werden entwurzelt, mehr noch, die Wurzel wird schließlich auch noch zusammen mit der oberen Erdschicht enfernt um an die Kohle zu kommen.
  • Ebenso bei der Gewinnung von Öl aus Ölsanden in Kanada.
  • Die gleiche Prozedur um Straßen zu bauen, auch da werden Bäume entwurzelt.
  • Bäume werden entwurzelt um Felder für Futtermittel zu schaffen oder für den Anbau von Agrosprit.

Es lassen sich unzählige Beispiele für radikale Handlungen finden, wo entwurzelt wird, im wahrsten Sinne des Wortes.

Im übertragenen Sinne werden Menschen entwurzelt, weil sie ihre Heimat verlieren, in der beispielsweise ein Überleben aufgrund klimatologischer Veränderungen nicht mehr möglich ist, etwa weil der Regen ausbleibt um die Felder zu bewässern, oder weil Naturvölker aus dem Wald vertrieben werden um Flächen für Agrospritanbau, Felder für Futtermittel oder den Stausee eines Wasserkraftwerks zu enteignen, nämlich aus dem Eigentum der indigenen Ureinwohner zu entwenden. Dies sind Folgen der Politik der Konzerne des fossil-industriellen Komplexes, des Automobilismus oder allgemeiner einer Wirtschaftsweise die rücksichtslos entwurzelt, also rücksichtslos radikal ist.

Und wir, die dagegen kämpfen, sollen radikal sein, weil wir die Zerstörer mäßigen wollen? Nein, da wir Mäßigen wollen sind wir gemäßigt. Letztlich muss es bei den Entscheidungen - in den Vorständen, Aufsichtsräten und auf den Eigentümerversammlungen - darauf ankommen was die Naturvölker wollen oder darauf, den Erhalt der Wälder für die zukunftigen Generationen zu gewährleisten und das Klima zu stabilisieren. Keine Entscheidung darf in einem Sinne gefällt werden, die zukünftigen Generationen ihre Überlebensmöglichkeiten reduziert. Dafür muss die Wirtschaft umgebaut werden, hin zu einer angepassten Technologie und einer umweltfreundlichen Produktionsweise. Mit demokratischen Institutionen wie Betriebsräten mit wesentlich mehr Rechten und gewählten Ortsbeiräten in denen auch Umweltverbände sitzen können. Wenn dann Schlüsselindustrien in gesellschaftliches Eigentum überführt werden müssen, um ihre politische Macht zu begrenzen, dann bin ich auch dafür. Wir sind nur konsequent, weil wir die Enteignung der Enteigner fordern, nämlich derjenigen die Naturräume enteignen oder Naturvölker, wir treten auch konsequent für Demokratisierung ein, auch für eine Demokratisierung der Konzerne.

Summa Summarum: Ein System was jedes Jahr Wald und Bäume in einer Größenordnung vernichtet, welche der Fläche von Irland und Belgien zusammen entspricht und Menschen entwurzelt, ist radikal, nicht diejenigen die gegen so ein System kämpfen.

1) Wikipedia (Stand 21.9.2012)