Hätte Umweltminister Altmaier doch mal bei seiner eigenen Behörde gefragt, wie diese den Nutzen und die Kosten der Erneuerbaren Energien einschätzt. Das Umweltbundesamt hat nämlich gerade, in einer im August erschienenen Studie, Zahlen veröffentlicht, die deren Nutzen hervorheben.


Soll nun seltener werden: Der Bau einer Solaranlage (Foto: Udo Schuldt)

Nach Auffassung der Verfasser des Berichts ist die heutige, weitgehend auf fossilen Energien und Atomkraft beruhende, Stromerzeugung "unvereinbar" mit einer nachhaltigen Entwicklung. Weltweit verursache die Herstellung der Elektrizität rund 26 Prozent der Treibhausgasemissionen. Sie sei damit ein Hauptverursacher des Klimawandels. Die Kosten eines ungebremsten Klimawandels könnten 2050 bis zu 14 Prozent des weltweiten Konsums betragen, mit weiter steigender Tendenz. Dagegen betrügen die Kosten einer umfassenden Begrenzung der Treibhausgasemissionen schätzungsweise nur rund ein Prozent. Ohne massiven Ausbau der erneuerbaren Energien werde das 2-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung nicht erreichbar sein. Zur Einhaltung dieses Ziels müssten die Industrieländer ihre Emissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 verringern. Die Treibhausgasemissionen aus der Stromversorgung seien langfristig auf nahezu Null zu senken. Eine nachhaltige Stromversorgung erfordere deshalb den Übergang zu einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien. Dies sei bis 2050 technisch möglich. Dabei spiele Strom aus Wind- und Sonnenenergie in allen ambitionierten Ausbauszenarien die zentrale Rolle.

Der eigentlich Knaller im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion sind aber die Feststellungen der Autoren zu den Kosten der Erneuerbaren:

  1. Die Kosten der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien seien bereits stark gesunken - diese Entwicklung werde sich fortsetzen.
  2. Die konventionelle Stromerzeugung werde künftig teurer, dadurch lohnen sich erneuerbare Energien immer mehr.
  3. Die Kosten für eine Megawattstunde (MWh) Strom aus Photovoltaik- und Onshore- Windenergieanlagen sanken auch in den letzten zwei Jahren stark, für Photovoltaik um rund 44 Prozent, bei der Onshore-Windenergie um rund 7 Prozent.
  4. Im gleichen Zeitraum stiegen die Kosten pro MWh Strom durch Kohlekraftwerke um 9 Prozent.
  5. Die absehbare Verknappung fossiler Brennstoffe wird zu weiteren Preissteigerungen führen.
  6. Eine vergleichende Analyse zahlreicher Studien zum Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland, der EU und in der ganzen Welt zeigt, dass die Aufwendungen für erneuerbarer Energien durch Lernkurveneffekte zukünftig weiter sinken.
  7. Bis zum Jahr 2050 werden sich die Investitionskosten bei Photovoltaik um 75 Prozent und bei Offshore-Windenergieanlagen um 50 Prozent verringern.
  8. In 2030 werden die durchschnittlichen Stromgestehungskosten erneuerbarer Energien in Deutschland voraussichtlich rund 7,6 ct/kWh betragen.
  9. Strom aus neuen Erdgas- und Kohlekraftwerken schlagen dann voraussichtlich mit über 9 ct/kWh zu Buche.
  10. Die Umweltkosten der Stromerzeugung aus Braunkohle sind in Deutschland mit rund 11 ct/kWh höher als die Stromgestehungskosten aus Onshore-Windenergieanlagen mit rund 7,5 ct/kWh.

Je stärker die Märkte für erneuerbare Energien wachsen, umso größer sind die Kostensenkungen durch Lerneffekte. Forschung und Entwicklung, Innovationsförderung und Instrumente zur Förderung der Marktdiffusion sind wichtig, um den Ausbau und die Kostensenkung bei den erneuerbaren Energien zu beschleunigen. Die Erfahrungen in Deutschland mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien sind positiv, so die Studie des Umweltbundesamtes:

  • Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Strombereitstellung verdreifachte sich in den letzten 10 Jahren auf rund 20 Prozent im Jahr 2011.
  • Zwischen 2004 und 2011 hat sich die Zahl der Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien von 160.000 auf rund 382.000 mehr als verdoppelt.
  • Netto entstanden im Jahr 2009 etwa 70.000 bis 90.000 Arbeitsplätze.

Schätzungen zufolge wird der in Europa angestrebte Ausbau der erneuerbaren Energien bis 2020 zu leicht positiven Wachstumseffekten führen und unterm Strich 400.000 neue Arbeitsplätze schaffen. Weltweit arbeiten bereits 5 Millionen Beschäftigte im Bereich erneuerbarer Energien – Tendenz weiter steigend. Bis 2025 soll der Weltmarkt für umweltfreundliche Energien um 747 Milliarden Euro wachsen. Erneuerbare Energien spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sind Schlüsseltechnologien für die Energieversorgung der Zukunft und daher ökonomisch sehr relevant. Länder, die den Ausbau der erneuerbaren Energien vorantreiben, haben Wettbewerbsvorteile auf diesen Märkten. 

Ein Schlag ins Gesicht der Bundesregierung sind auch die folgenden Sätze aus der Veröffentlichung des Umweltbundesamtes: "Von zentraler Bedeutung für den Ausbau der erneuerbaren Energien sind marktbasierte Fördermechanismen." Und "Einspeisevergütungen für erneuerbare Energien schaffen Planungssicherheit für Investoren, verringern das Investitionsrisiko und damit die Finanzierungskosten und beschleunigen über Learning-by-Doing sowie Skaleneffekte die Marktdiffusion der erneuerbaren Energien." Wettbewerbsverzerrungen zu Lasten der erneuerbaren Energien seien abzubauen. Dies erforderte auch den Abbau klimaschädlicher Subventionen und die Internalisierung externer Kosten in der Stromerzeugung. Umweltschädliche Subventionen und die mangelnde Berücksichtigung gesellschaftlicher Folgekosten durch die fossile Stromerzeugung und Atomkraft verzerrten massiv den Wettbewerb zu Lasten der erneuerbaren Energien.

Die Studie macht auch klar, dass die deutsche Förderung, durch die Ankurbelung der Massenproduktion der Erneuerbaren und die damit verbundenen Preissenkungen bei den Modulen, weltweite Auswirkungen hat, denn in vielen Gebieten in Afrika, Indien, Südostasien und Teilen des Mittleren Ostens ist schon heute der Betrieb von Photovoltaikanlagen wirtschaftlich, im Vergleich zu einer Versorgung durch Dieselgeneratoren. Dennoch sind auch die globalen Hemnisse groß:  "Weltweit beliefen sich Subventionen für fossile Energieträger auf 409 Milliarden Dollar in 2010, davon entfallen 122 Milliarden Dollar auf die Stromversorgung. Die finanziellen Förderungen bei der Markteinführung erneuerbarer Energien betrugen dagegen in 2010 weltweit lediglich 44 Milliarden Dollar." Auch hier wieder ein deutlicher Kostenvorteil für die Erneuerbaren, sogar im globalen Maßstab.

Dies ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was von der Bunderegierung rüberkommt. Dort werden nur die Kosten der regenerativen Energien einseitig dargestellt, ohne diesen Kosten den Nutzen gegenüber zu stellen. Statt die Energiewende zu beschleunigen und anstatt klima- und umweltschädliche Subventionen abzubauen, beschränkt die Regierung die Erneuerbaren. Die Vorsitzende des Umweltausschusses des Deutschen Bundestages, die linke Politikerin Eva Bulling-Schröter erklärte zur Abkehr der Bundesregierung von der bisherigen Förderung der Erneuerbaren: "Altmaier will bei der Energiewende auf die Bremse treten, um dem Strompreisanstieg zu begegnen. Das ist rückwärtsgewandte Politik im Interesse der Stromriesen." Als erste Fraktion des Bundestages legte die LINKE gestern ein Konzept vor, mit dem die Energiekosten der Haushalte um 4 Cent gesenkt werden können, anstatt diese fortwährend zu erhöhen, bei weiter uneingeschränkter Förderung der Erneuerbaren.  Auch Umweltverbände wie der BUND wenden sich gegen die Pläne der Bundesregierung dem Ausbau der regenerativen Energien Fesseln anzulegen und fordern stattdessen eine Beschleunigung des Ausbaus von Wind- und Sonnenenergie. "Die Bundesregierung lässt sich von einer aufgebauschten Kostendebatte treiben und alles was dem zuständigen Bundesumweltminister einfällt, ist das Ausbremsen der erneuerbaren Energien. Die EEG-Umlage ist nicht der einzige Grund, warum die Strompreise in den letzten Jahren gestiegen sind. Der Staat und die Energiekonzerne greifen vor allem den privaten Stromkunden in die Tasche. Hingegen erhalten Großverbraucher der Industrie Rabatte, die dann alle anderen schultern müssen", so der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger. Am Samstag veranstaltet auch der Bundesverband Windenergie eine Demonstration in Berlin unter dem Motto "Wir tragen die Energiewende!"

Aus Klimaschutzsicht darf es jedenfalls keine Verlangsamung des Ausbaus der Alternativ-Energien geben. Im Gegenteil er muss zügig voran schreiten, denn wie bemerkte Erik Assadourian sehr richtig:

"Eine jüngst veröffentlichte Studie kam zu dem Schluss, dass die Welt in jeder Sekunde 200 Quadratmeter Solarmodule und ebenfalls in jeder Sekunde 100 Quadratmeter Solarthermen und stündlich 24 Drei-Megawatt-Windkraftwerke bauen müsste (und das 25 Jahre lang ohne Unterbrechung), um genug Energie zu produzieren, dass die heute durch fossile Brennstoffe produzierte Energie abgelöst werden könnte ..."

 


Der Link zur Studie "Nachhaltige Stromversorgung der Zukunft - Kosten und Nutzen einer Transformation hin zu 100 Prozent erneuerbare Energien" des Umweltbundesamtes