Vor zwei Wochen erschien in der ZEIT ein Artikel unter der Überschrift "Klimawandel - Der große Selbstbetrug", welcher sinngemäß die Aussage machte, wir würden uns etwas vormachen, wenn wir annähmen, dass man die Erderwärmung auf "2 Grad Celsius" begrenzen könnte.


Ist der Kampf gegen den Klimawandel schon verloren? (Foto: Oxfam; Lizenz: CC-BY-SA-2.0)

Autor Frank Drieschner versucht uns mit seinem Text die Illusion zu rauben, dass ökologisches Vorleben in Deutschland sinnvoll wäre. Also ein Lebensstil, der so weit ginge, dass wir nur noch in heizungslosen Passivhäusern leben, nur noch biologisch erzeugte Nahrung verzehren, vorrangig Fahrrad und gelegentlich Bahn fahren und nur ganz selten mit einem durch Biokerosin angetriebenen Flugzeug fliegen, böte trotzdem keine Chance, die Erde auf einem für die Zivilisation verträglichen Temperaturniveau zu halten. Diese gerade noch verträgliche globale Durchschnitts-Temperatur wird nach Ansicht der meisten Klima-Wissenschaftler überschritten, wenn sich die Erdatmosphäre, in der Nähe der Oberfläche, um mehr als 2 Grad Celsius erwärmt.

Tatsächlich steuern wir viel eher auf eine "4-Grad-Welt" zu, so seine Schlussfolgerung aus den, ausführlich in seinem Artikel beschriebenen, Tendenzen. Haupttreiber der CO2-Emissionen wären dabei die Schwellenländer wie China und Indien. Sehr prägnant ist dieser Absatz aus dem Text: "Man muss sich die Größenverhältnisse vor Augen führen, um zu sehen, wie aussichtslos es ist, diesen Trend umzukehren. Was die Industrieländer mit vereinten Kräften in den vergangenen zwanzig Jahren an Emissionen eingespart haben, entspricht inzwischen dem, was in den Schwellen- und Entwicklungsländern binnen eines einzigen Jahres hinzukommt. Und ausgerechnet in einer Zeitspanne, da Fortschritte in der Klimapolitik denkbar unwahrscheinlich sind, soll die Welt die Wende schaffen?" Frank Drieschner ist uneingeschränkt Recht zu geben, dass er die Tendenzen und die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft zu handeln, korrekt beschreibt. Seine Aussagen sind in völliger Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Dennoch ist Widerspruch angebracht. Zum einen findet kein Selbstbetrug statt, weil die Mehrheit der Menschen sich überhaupt nicht der Bedrohung durch den Klimawandel bewusst ist. Das gilt auch für die Mehrheit der Politiker und Entscheidungsträger. Man kann sich aber nur selbst betrügen, wenn einem bewusst ist, dass man sich selbst betrügt. Das "Zwei-Grad-Ziel" kennt auch nur eine Minderheit der Menschen in Deutschland, Europa und auf der Erde und von denjenigen, die es kennen, ist auch vielen völlig klar, dass es nicht mehr erreicht werden kann, wenn die Wirtschaft weiterhin auf fossilen Energien fusst. Von daher gibt es keinen Selbstbetrug, jedenfalls nicht in der Verallgemeinerung.

Im Sinne der auf KSN gerade erscheinenden Serie, über verständliche und eingängige Argumentationsweise, ist die Überschrift auch schlecht gewählt, denn wir konnten schon verschiedentlich festgestellen, dass Klimawissenschaftsleugner sich beim bloßen Blick auf die Überschrift in ihrer Auffassung bestätigt sahen, dass die Darstellung eines menschengemachten Klimawandels ein großer Betrug wäre. Aber vielleicht war das Frank Drieschner auch bewusst und er hat es trotzdem in Kauf genommen. Das nur nebenbei. Viel wichtiger ist, dass Drieschner die Dynamik von Veränderungsprozessen unterschätzt und verkennt, welche Beschleunigungsmöglichkeiten es noch gäbe, wenn sie genutzt würden. Beschleunigungsmöglichkeiten, die durchaus von Deutschland ausgehen können.

Veränderungen fanden in der Vergangenheit der Menschheit vor allem deshalb statt, weil neue Technologien zur Verfügung standen. Das gilt im Guten, wie leider auch im Schlechten. Grönland wäre nicht von Erik dem Roten erreicht worden, hätte er kein Segelboot gehabt und die Sonnenenergie könnten wir nicht in elektrischen Strom umwandeln, gäbe es nicht die Photovoltaik und die Windräder, welche die direkte Sonnenenergie und die indirekte Sonnenenergie des Windes in elektrischen Strom konvertieren können. Diese neuen Technologien entwickeln sich aber mit einer ungeheuren Dynamik. In Deutschland sieht man immer mehr Windräder im Binnenland und Solaranlagen auf immer mehr Dächern in Städten und Dörfern. Weltweit geschieht dies in ähnlicher Weise. Diese Dynamik lässt sich nicht mehr aufhalten! Sie lässt sich vielleicht für einige Zeit verlangsamen, indem die Entscheidungsträger, wie aktuell in Deutschland vorgesehen, die Förderung der Erneuerbaren reduzieren. Das wird aber nur dazu führen, dass Sonne- und Wind nach einer kurzen Pause umso kraftvoller umgesetzt werden. Dies hat vor allem zwei Ursachen:

  1. Die weiter steigenden Preise der fossilen Energien aufgrund erschöpfender Vorräte und immer teurerer Fördermethoden aufgrund immer unergiebiger Lagerstätten
  2. und die weiter abnehmenden Preise für Windenergieanlagen und Solarmodule, aufgrund zunehmender industrieller Fertigung und dem Erlernen immer wirtschaftlicherer Produktionsweisen.

Diese Tatsachen bestätigt auch in eine gerade erschienenen Studie des Umweltbundesamtes.

Dabei hat die tausendfache Installation von Solaranlagen und Windrädern in der Vergangenheit dazu beigetragen, dass die Kosten der Anlagen immer weiter sanken, denn ohne die massenhafte Installation gäbe es auch keine schnell abnehmenden Kosten der Alternativenergien. Insofern haben die Menschen, die sich die Solaranlagen aufs Dach setzten und jene die Windräder errichteten, dazu beigetragen, dass Solar- und Windenergienutzung nun auf der ganzen Welt zu günstigen Preisen möglich ist. Dort wo keine nennenswerten Stromnetze existieren sind Solaranlagen bereits günstiger als eine Stromerzeugung mit Dieselgeneratoren. Sie könnten somit dazu beitragen, dass hier von vornherein eine Elektrifizierung auf einer ganz anderen Technologiebasis vollzogen wird. Diese Entwicklung wurde maßgeblich durch das EEG beschleunigt. Es hat somit auch einen wesenlichen Beitrag zu einer globalen Energiewende geleistet. Mit anderen Worten:

"Die Förderung der Erneuerbaren Energien, in Deutschland, wirkt dem oben beschriebenen Anstieg der CO2-Emissionen, in den Schwellen- und Entwicklungs-Ländern, entgegen."

Schade, dass es nun so unter Feuer ist, denn eine Beschleunigung des Wandels ist natürlich, wegen der Klimaproblematik weiterhin notwendig. Da aber sehr viele Staaten der Erde das EEG kopierten und ähnliche Gesetze schufen, braucht uns trotzdem nicht bange, wegen der Zukunft der Erneuerbaren, zu sein. Ob die Module nun aus Deutschland oder aus China kommen ist für den Kampf gegen den Klimawandel belanglos. Die Solarindustrie könnte aber etwa doppelt soviele Solaranlagen installieren, wenn dies gefördert würde. So groß sind die weltweiten Produktionskapazitäten und etwa die Hälfte davon ist ungenutzt. Dies wird bald dazu führen, dass viele Fertigungsstätten schließen müssen. In Deutschland gab es schon Insolvenzen und Entlassungen von Arbeitskräften im Solarbereich.  Auch darum ist es so traurig, dass die Röslers und Altmaiers nun bei den Alternativ-Energien auf die Bremse treten.

Diesen Bremsern sollten wir mutig entgegen treten. Es gibt weiterhin eine Chance dem Klimawandel wirksam zu begegnen. Neue regenerative Technologien eröffnen diese Chance. Es gilt sie zu ergreifen! Die Dynamik der Entwicklung erneuerbarer Energien ist dabei nur ein Beispiel. Ein weiteres ist die Abkehr vom Auto, in der jungen Generation, in Westeuropa. Eine vier-, fünf- oder sechs- Grad- Welt ist also nicht schicksalhaft. Noch können wir gegen die Erderwärmung gerichtete Entwicklungen beeinflussen und beschleunigen.

Aber schon heute gilt, dass der ZEIT-Artikel von Frank Drieschner - zum Glück - diese Möglichkeiten unterschätzt.