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Kürzlich erschienen in der ZEIT zwei Artikel zu dem Thema, jeweils von Frank Drieschner und Oliver Geden. Zum Text von Drieschner - "Klimawandel - der große Selbstbetrug" - veröffentlichte das Klimaschutz-Netz schon eine Replik, auf den Text von Geden - "Das Zwei-Grad-Ziel täuscht Handeln nur vor" - erfolgt nun dieser Beitrag als Reaktion.1) Grundthese von Beiden ist, dass die Erdtemperatur nicht mehr bei einer "2 Grad"-Welt zu stabilisieren ist. Ursache dafür sei, dass der Anstieg der Treibhausgase weitergehe und dieser vor allem von Schwellenländern wie China und Indien durch deren enormes Wachstum angetrieben würde. Es wäre somit egal, wie sich Deutschland und Europa verhielten, die Temperaturen überschritten in jedem Fall die 2 Grad-Grenze. Die folgende Erwiderung widerspricht, so eine Zukunft ist nicht schicksalhaft.

NY Sandy-Blackout
Blackout in Manhattan aufgrund des Hurrikans Sandy (Foto: David Shankbone)

Gegenwärtig leben wir in einer "0,7 Grad"-Welt, d.h. die durchschnittliche globale Temperatur an der Erdoberfläche ist um 0,7 Grad Celsius höher als im vorindustriellen Zeitalter. In unserer "0,7 Grad"-Welt erleben wir bereits eine erhebliche Zunahme von außergewöhnlichen Wetterextremen. Betrachten wir einen der durch den Klimawandel gefährdetsten Staaten, nämlich die USA - mit desaströsen Hurrikans und Dürren in 2012 - so wird klar, welche Veränderungen in einer "2 Grad"-Welt bevorstehen. Wenn wir die gegenwärtige Zunahme der Treibhausgasemissionen zu Grunde legen - die heutzutage hauptsächlich das chinesische Wachstum antreibt - dann ist es viel wahrscheinlicher, dass die Emissionen in eine "4 Grad"-Welt führen. D.h. zunächst in eine "4 Grad"-Welt führen, denn danach steigen sie auch ohne menschliches Zutun weiter, weil natürliche Prozesse angestoßen wurden, die vom Menschen nicht mehr zu stoppen sind.

Zweifellos kommt Drieschner und Geden der Verdienst zu, deutlich gemacht zu haben, was bisher zu wenig benannt wurde, nämlich dass die Menschheit eher auf eine "4 Grad und mehr"-Welt zusteuert, als dass sie die Temperatur bei 2 Grad Temperatursteigerung stabilisieren wird. Aber, sowohl Frank Drieschner, als auch Oliver Geden beschreiben theoretische Möglichkeiten, um eine gefährliche Treibhausgaskonzentration zu verhindern. Drieschner zufolge, müssten die Emissionen weltweit drastisch sinken: um 2,5 bis 3 Prozent im Jahr. Diese Absenkung hält er aber für unrealistisch, da selbst in dem, bei der Reduktion, führenden Deutschland die Emissionen nur ungefähr um 1,3 Prozent im Jahr sinken. Und wenn das in Deutschland nicht gelänge, würde das erst recht nicht in den aufstrebenden Schwellenländern gelingen, deren Ziele vor allem Wachstum zur Steigerung des Wohlstands sind. Geden argumentiert ähnlich, seiner Auffassung nach seien die Emissionen zwischen 2012 und 2020 um rund 15% zu reduzieren. Diese Reduktionsmöglichkeiten sehen beide jedoch nicht, angesichts der Realität der Erdpolitik. Sie erklären die "4-Grad"-Welt bereits für unausweichlich, quasi für schicksalhaft.


Zerstörungen durch Hurrikan Sandy in New York (Foto: Sunset Parkerpix; Lizenz: CC-BY-SA-2.0)

Der Dissens zwischen Drieschner, Geffken und dem Autor dieser Entgegnung besteht auch nicht gegenüber der Auffassung, dass die Menschheit wahrscheinlich auf eine "4 Grad und mehr"-Welt zusteuert, sondern darin, dass dies bereits schicksalhaft wäre. Dass die Menschheit wahrscheinlich die "2 Grad"-Emissionslatte reißt, wenn sie den gegenwärtigen Emissions- und Handlungspfaden folgt, ist kaum zu bestreiten. In dieser Replik geht es deshalb nur darum zu zeigen, dass es Möglichkeiten gäbe innerhalb des "2 Grad"-Korridors zu bleiben, es somit nicht unausweichlich ist, dass die Menschheit über das "2 Grad"-Ziel hinausschießt.

Da Frank Drieschner die drastischere Reduktions-Notwendigkeit definiert soll im Folgenden ausschließlich sein Ansatz betrachtet werden. Dass die Emissionen um über 1,3% pro Jahr zu verringern sind, zeigt eine Zahl aus 2011. Damals sind die Emissionen der gesamten EU um 2,5% gesunken und dies obwohl die EU-Wirtschaft ein Wachstum von 1,5 % verzeichnete. Die meisten derjenigen Länder, welche die stärksten Emissionsrückgänge erreichten, wiesen trotzdem im Jahr 2011 ein positives Wachstum auf. Es geht also und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen EU. Dabei waren sowohl der Winter 2010/2011 als auch der Winter 2011/2012 eher kühler als im Durchschnitt der letzten 10 Jahre und es hätte wegen des verstärkten Heizens eher höhere Emissionen geben müssen.


Verbrannter Wald in Westrussland; Foto: Wikimedia Commons