Für den Klimaschutz ist kein Geld da, dafür hat die Bankenkrise gesorgt. Die folgende Adventsgeschichte handelt vom Geld und von Angela Merkel.

Es ist der erste Weihnachtstag. Angela Merkel und ihr Mann sitzen am Frühstückstisch. Er gut gelaunt und bereits festtäglich gekleidet in dunkler Hose und weißem Hemd, sie mit frisch gewaschenem Haar, aber noch im Morgenmantel und mit mürrischem Gesicht. In einer Ecke des Zimmers strahlt mit elektrischen Kerzen der reich geschmückte Weihnachtsbaum.


(Foto: Dr. Froehlich)

Er: Warum bist du so früh aufgestanden? Gerade heute hättest du mal ausschlafen können.

Sie: Ich hatte so einen furchtbaren Traum. Es war mir unmöglich, danach wieder einzuschlafen, und dann bin ich eben aufgestanden.

Er: Ich hab dich im Schlaf schreien hören, als solltest du ermordet werden. Gleich klopfen die wachsamen Jungs an die Tür und fragen, was los ist, dachte ich.

Sie: Da hat im Traum tatsächlich jemand auf mich eingestochen. Mit so einem Dreizack, mit dem dieser griechische Meergott Poseidon immer dargestellt wird. Eine Gabel mit Haken.

Er: Und mit so einem Ding wollte dich jemand umbringen?

Sie: Ja, so ein Kerl, der aussah wie der Ackermann.

Er: Ach was! Erzähl doch mal!

Sie nachdenklich: Ich war gestorben und…

Er fällt ihr ins Wort: Der Ackermann hat dich umgebracht?

Sie: Nein, die Attacke mit dem Dreizack kam erst später. Der Traum fing damit an, dass ich gestorben war und mich auf dem Weg zum Himmel befand. Wie ich gestorben bin, weiß ich nicht. Daran erinnere ich mich nicht. Das ist vielleicht auch nicht wichtig. Ich war jedenfalls gerade gestorben und lief einen sandigen Weg entlang, der an beiden Seiten mit Apfelbäumen bestanden war und zu einem Wald führte, so einem parkähnlichen Wald mit schönen alten Bäumen. Das war der Weg zum Himmel. Das war mir klar. Als ich am Waldrand angelangt war, versperrte mir plötzlich die Heilige Familie den Weg.

Er: Die Heilige Familie?

Sie: Ja. Maria, Josef und das Jesuskind in der Krippe, wie sie auf weihnachtlichen Gemälden dargestellt werden. Ich bin natürlich überrascht und bleibe stehen und will zu ihnen etwas sagen. Da richtet sich das Jesuskind in seiner Krippe auf und sagt: „Hier kommst du nicht durch“. Ich bin erstaunt und frage: „Warum denn nicht? Ich hab doch alles gut gemacht“. Da hält das Jesuskind ein Zwei-Euro-Stück hoch und sagt: „Gib dem Volke, was des Volkes ist.“ Ich überlege noch, was das bedeuten könnte, da schaut mich die heilige Maria mit zusammengekniffenen Augen durchdringend an, und der Josef grinst auf einmal ganz merkwürdig. Ich bin verwirrt und stehe da wie gelähmt.

Dann bin ich plötzlich ganz woanders, auf einem anderen Weg, und ich weiß, dass das jetzt der Weg zur Hölle ist. Ich laufe auf Gehwegplatten, die aussehen wie Euroscheine. Fünfziger, Hunderter, Zweihunderter, Fünfhunderter, einfach alle Sorten von Papiergeld, über die ich gehe, aber eben hart wie Stein. Ich wundere mich noch darüber, da stehe ich plötzlich vor einer Glastür, die von einem Bewegungsmelder gesteuert auf- und zugeht. Dahinter sehe ich große Stapel von Papiergeld, die lichterloh brennen. Ich schrecke zurück und die Glastür, die sich vor mir schon geöffnet hatte, schließt sich wieder. Ich denke: In der Hölle brennt Papiergeld. Das Höllenfeuer ist brennendes Papiergeld. Das kommt mir merkwürdig vor.

Unwillkürlich mache ich wieder einen Schritt nach vorn und die Tür öffnet sich erneut. Jetzt steht ein Mann in der Tür in einer schwarzen Soutane wie sie die katholischen Priester früher oft getragen haben und mit diesem typischen steifen weißen Kragen. Und der ist dick, ja geradezu fett, mit einem gewaltigen Bauch und einem widerlich aufgedunsenen fetten Gesicht. Er füllt fast die ganze Türöffnung. Und in der rechten Hand hat er eben diesen Dreizack wie der Gott Poseidon. Der blickt mich lächelnd an, als seien wir alte Bekannte. Ich denke noch: Aber die Haare hat der ganz adrett gescheitelt, eine Frisur genau wie der Ackermann. Da macht der plötzlich einen schnellen Schritt aus der Tür, mit einer Schnelligkeit, die man dem Koloss gar nicht zutrauen konnte, und wuchtet mir den Dreizack in die Brust und will mich in die Hölle reinziehen. Ich spüre richtig, wie das Eisen mir ins Herz dringt. Ich bekomme furchtbare Panik und sträube mich und schreie „Nein, nein“. Aber ich komme gegen den Kerl nicht an und rutsche mit steifen Beinen auf die Tür zu. Und dann bin ich aufgewacht. Als letztes, da bin ich schon halb wach, sehe ich noch, wie die Glastür sich wieder schließt und der Dicke dahinter zwischen den brennenden Geldscheinstapeln verschwindet.

Ach Jochen, ich bin so froh, dass ich das alles nur geträumt habe. Aber den ganzen Morgen komme ich von diesem Traum nicht los.

Beide sind emotional bewegt. Es tritt eine nachdenkliche Pause ein.

Er: Und jetzt denkst du darüber nach, was der Traum bedeuten könnte?!

Sie: Und wie!

Er: Mir kommt das vor wie eine Warnung, wie eine Warnung vor einem Herzinfarkt. Diese unendliche Eurokrise wird dich noch umbringen. Ich hab es dir ja schon öfter gesagt. Du arbeitest zu viel. Dazu die vielen Reisen. Ich sehe doch, wie dich das anstrengt, wie fertig du jedes Mal bist, wenn du zurückkommst. Irgendwann klappst du zusammen. Lass doch mal die andern mehr machen, z. B. den Westerwelle.

Angela hat diese Mahnung schon öfter gehört und geht nicht darauf ein. Sie nimmt sich jetzt ein Brötchen aus dem Brotkorb, schneidet es in zwei Hälften und beschmiert beide mit Butter. Joachim beißt wieder in seine mit Schinken belegte Schwarzbrotschnitte, die er, während sie ihren Traum erzählte, nicht angerührt hatte.

Er: Ich bin zwar kein Psychologe, aber in dem Traum steckt meiner Meinung nach noch mehr drin als die Warnung vor einem Herzinfarkt.

Sie schaut etwas verschämt vor sich hin: Darüber denke ich schon den ganzen Morgen nach. Was könnte der Traum denn sonst noch bedeuten?

Er: Wenn du dir schon Gedanken gemacht hast, dann sag doch mal, was du denkst.

Sie: Nein. Sag du erst mal, was du meinst. Ich würde gern hören, wie du ihn unbeeinflusst von meinen eigenen Gedanken verstehst.

Er zögert einen Moment, dann sagt er: Na ja, da sind doch zwei Wege. Der zweite, der mit den Geldscheinen als Gehwegplatten führt in die Hölle. Da wird Geld verbrannt und der Ackermann will dich mit seinem Dreizack aufspießen und reinziehen. Da könnte man jetzt darüber philosophieren, ob damit gemeint ist, dass die heutige Geldwirtschaft die Hölle ist. Aber ich lasse das beiseite. Du sträubst dich, da hineingezogen zu werden, und schreist wirklich wie am Spieß.

Und der andere Weg, der in den Himmel, ist versperrt. Da musst du erst dem Volke geben, was des Volkes ist, bevor der freigegeben wird. So versteh ich das.

Sie: Ist ja eine deutliche Anspielung auf eine Bibelstelle. Ich hab das mal herausgesucht und nachgelesen. Steht fast wortgleich in drei Evangelien, bei Matthäus, Markus und Lukas. Jesus wird von Leuten, die ihm eine Falle stellen wollen, wohl einige von den Pharisäern, scheinheilig gefragt, ob man dem römischen Kaiser Steuern zahlen soll. Da lässt er sich ein Geldstück geben und fragt, wessen Bild darauf eingeprägt ist, und sie antworten: das des Kaisers. Und er sagt dann: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist.

Da geht es also ums Steuern zahlen, ob man einer Besatzungsmacht Steuern zahlen soll. Und genau da komm ich nicht weiter. Was will das Kind in der Krippe mir damit sagen: Gib dem Volke, was des Volkes ist. Wir zahlen doch pünktlich unsere Steuern, und Deutschland ist auch nicht mehr besetzt. Ich soll dem Volke etwas geben. Aber was? Auf jeden Fall etwas, das mit Geld zu tun hat, das ist klar. Das Kind hält ja eine Münze hoch. Soll ich etwa die Sozialausgaben erhöhen oder einen allgemeinen Mindestlohn einführen lassen? Als Weihnachtsgeschenk?

Er: Das ist bestimmt keine Ermahnung, die Steuern pünktlich zu zahlen. Das wäre zu simpel. Vielleicht kommen wir anders weiter.

Sie: Wie denn?

Er: Vielleicht sollten wir uns die Bibelstelle noch einmal genauer ansehen. Lass mal nachdenken: Jesus zeigt den Pharisäern die Münze und sagt zu ihnen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist. Aber die Münze gehörte dem Kaiser doch gar nicht. Sie gehörte doch offensichtlich einem der anwesenden Gesprächspartner. Wieso ist sie dann des Kaisers?

Sie: Na ja, der hat sie halt prägen lassen, mit seinem Konterfei drauf und wahrscheinlich einer entsprechenden Inschrift drum herum. Sie gehört dem Kaiser eben, wie ein Gemälde dem Maler gehört, der es gemalt hat, auch wenn er es längst verkauft hat. Das war immer das Recht der Herrscher damals. Der Kaiser war der Souverän und ließ die Münzen prägen, er hatte das Münzregal.

Er: Und heute? Ist da etwa dein Konterfei auf den Münzen und auf den Euroscheinen und auf den Kontoauszügen? Wer macht denn heute das Geld?

Sie: Na, die Banken und die Zentralbank.

Er: Und die sind nicht der Souverän, oder?

Sie: In der Demokratie ist das Volk der Souverän.

Er: Und dieser Souverän macht nicht das Geld.

Sie nachdenklich: Stimmt. Das Volk macht nicht das Geld. Der Staat macht nicht das Geld.

Er: Da hast du’s! Gib dem Volke, was des Volkes ist! Sorg dafür, dass das Volk das Geld macht und nicht die Banken, dass die Geldschöpfung unter demokratische Kontrolle kommt wie die Gesetzgebung, die Rechtsprechung und die Regierung. Das war früher ja auch alles in der Hand der Kaiser und Könige. Gib die Geldschöpfung in öffentliche Hand. Das könnte es heißen. Jetzt halb ironisch: Vielleicht ist es ein göttlicher Hinweis, wie diese ganze Finanzkrise zu lösen wäre.

Sie: Ach Gott. Wie soll ich das denn anstellen? Wenn ich den Leuten damit käme, würden mich die vereinigten Ackermänner dieser Welt noch tatsächlich aufspießen.

Er: Aber so kommst du in den Himmel, sagt der Traum.

Beide schmunzeln.

Was ist die Monetative?