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Zu Beginn der weltweit größten Landwirtschaftsmesse, der "Internationalen Grünen Woche" in Berlin, haben 25.000 Menschen in der Hauptstadt mit einer Großdemonstration grundsätzliche Reformen in der Agrarpolitik gefordert. Unter dem Motto "Wir haben es satt! Gutes Essen. Gute Landwirtschaft. Jetzt!" zogen bereits im dritten Jahr in Folge die Teilnehmer mit Transparenten und in teils phantasievollen Kostümen vom Berliner Hauptbahnhof durch das Regierungsviertel zum Bundeskanzleramt. 70 Traktoren und Imkerfahrzeuge aus dem ganzen Bundesgebiet begleiteten den Protest.

"Wir haben es satt" - Demo
(Foto: grueneberlin)

Bauern, Umweltschützer, Bürgerinitiativen, Verbraucher und Imker demonstrierten gemeinsam dafür, nicht die Interessen der Industrie in den Mittelpunkt der Politik zu stellen, sondern die Interessen der Menschen in der "3. Welt", von Verbrauchern und Landwirten, der Tiere, sowie des Natur- und Umweltschutzes. Mit Sprechchören wie "Wer Bauern, Tiere, Bienen quält, der wird nicht gewählt!" bekundeten sie ihre Ablehnung der gegenwärtigen Tendenz zu einer immer stärkeren Industrialisierung der Landwirtschaft. Auf ihren Transparenten kritisierten die Demonstranten unter anderem Tierfabriken, Umweltschäden durch den Einsatz giftiger Pestizide, zunehmenden Preisdruck auf die Erzeuger und die negativen Auswirkungen auf die kleinbäuerlichen Strukturen in den Ländern des Südens.

Das evangelische Entwicklungswerk Brot für die Welt erinnerte daran, dass jeder achte Mensch Hunger leidet, obwohl mehr als genug Nahrungsmittel für jeden und jede bereitstehen. „Wir haben es satt, dass andere hungern. Wir haben es satt, dass die Früchte bäuerlicher Arbeit nicht allen zugutekommen“, sagte Klaus Seitz, Leiter der Politikabteilung von Brot für die Welt. Bei der jetzt anstehenden Reform der europäischen Agrarpolitik müssten die schädlichen Auswirkungen unserer Landwirtschaftspolitik auf die Ernährungssicherung in armen Ländern unterbunden werden. „Die Hungernden können sich selbst ernähren, wenn man sie nur lässt. Sie brauchen nicht Nahrungsmittelhilfe oder gefrorene Hühnerflügel aus deutscher Produktion, sie brauchen Zugang zu fruchtbarem Land und die Möglichkeit, ihre Produkte auf lokalen Märkten zu verkaufen“, so Seitz. Seitz erinnerte auch an die Kehrseite deutscher Exporterfolge: „Mehr als 17 Millionen Hektar werden in Übersee allein für den europäischen Bedarf an Soja für die Fleisch- und Milchproduktion beansprucht, auf Kosten der heimischen Nahrungsmittelerzeugung und der Natur.“

Wie positiv sich die konsequente Förderung bäuerlicher Landwirtschaft auf ländliche Regionen auswirkt, stellte Daniele Schmidt Peter vom brasilianischen Brot-für-die-Welt-Partner CAPA vor: „Seitdem mindestens 30 Prozent des Schulessens aus regionaler kleinbäuerlicher Produktion kommen müssen, haben die Kleinbauern ein gesichertes Einkommen.“ Dadurch können sie besser für sich und ihre Familien sorgen und auch in ihren Betrieb investieren.

Uschi Helmers von der Bürgerinitiative gegen einen riesigen Geflügelschlachthof im niedersächsischen Wietze, die mit über 200 Bürgerinitiativen zum Bündnis "Bauernhöfe statt Agrarfabriken" gehört, forderte: "Es darf den Politikern nicht egal sein, wenn ausländische Arbeiter für drei Euro fünfzig Cent Stundenlohn in deutschen Schlachthöfen ausgebeutet werden oder dass für unser Tierfutter der Regenwald in Südamerika abgeholzt wird. Riesenschlachthöfe wie der in Wietze geplante sind tier- und menschenfeindlich und außerdem völlig überflüssig." Mit Blick auf die Landtagswahlen am Sonntag in Niedersachsen forderte Helmers "eine Agrarpolitik zum Wohle der Tiere, der Menschen und der Umwelt."

Hubert Weiger, der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), kritisierte in seiner Rede vor dem Kanzleramt am Schluss der Großdemonstration: "Hoffentlich hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Rundgang auf der Grünen Woche nicht von den potemkinschen Dörfern der Agrarindustrie blenden lassen. Hinter dem schönen Schein der Messestände verbergen sich millionenfaches Tierleid, ein exorbitanter Antibiotikaeinsatz bei Masttieren und enorme Belastungen der Umwelt durch die Massentierhaltung. In der Agrarpolitik Deutschlands und der Europäischen Union sind neue Weichenstellungen überfällig. Die Bundesregierung mit Kanzlerin Merkel und Agrarministerin Aigner muss endlich dafür sorgen, dass bäuerliche Betriebe anstatt vor allem Tierfabriken gefördert werden." Eine solche Politik nütze nicht nur dem Tierschutz und den Landwirten, sie schaffe auch die Voraussetzungen für mehr Umwelt- und Verbraucherschutz.

"Trotz bisher durchgeführter Milchstreiks, dem Bäuerinnen-Camp vorm Kanzleramt und mehrerer Demonstrationen in Brüssel hat sich an der Situation der Milchbauern nichts verbessert", sagte Johanna Böse-Hartje vom Bundesverband der Deutschen Milchviehhalter. "Die Politik geht den Weg der Liberalisierung, den Weg der Vernichtung bäuerlicher Betriebe weltweit. Das breite Bündnis mit dem wir hier heute stehen, ist der Beweis, dass unsere Forderungen nach Marktregeln und einer Umgestaltung der Agrarpolitik in der Gesellschaft angekommen sind. Nur wenn Bauern und Bürger zusammen für eine Reform der Agrarpolitik stehen, können wir unsere Bauernhöfe erhalten und erreichen, dass wir endlich unter fairen Bedingungen gesunde Lebensmittel erzeugen können."