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6.915.000 km² umfasst das Amazonasbecken in Brasilien. Eine Fläche so groß wie von Lissabon bis Warschau und von Palermo bis Kopenhagen. Der größte zusammenhängende Regenwald der Welt. Viele Gebiete sind bis heute gänzlich unerforscht, bislang haben Forscher jedoch 40.000 Pflanzenarten, 427 Säugetierarten.1.294 Vogelarten sowie über 3.000 verschiedene Fischarten identifizieren können. Doch dieser grenzenlose Artenreichtum sieht sich einem mächtigen Gegner gegenüber: Dem Mensch.


Brasilianischer Regenwald (Foto: Cesar Paes Barreto)

Die Abholzung der Regenwälder zur ökonomischen Nutzung schreitet heute schneller voran, als jemals zuvor. Etwa ein Fünftel des des Amazonasdschungels ist bereits unwiederbringlich vernichtet. Satellitenbilder bezeugen, dass zwischen August und Dezember 2007 allein in Brasilien bis zu 7000 Quadratkilometer Wald gerodet wurden. Glücklicherweise befand sich der Stand der Abholzung laut Spiegel Online, 2012 auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Messung 1988. Die Regierung sprach von der „einzig guten Umweltnachricht in diesem Jahr“. Ein Anfang. Ein Schritt in die richtige Richtung. Doch erinnern wir uns an den Mann, der mutig genug war, diesen Weg als Erster einzuschlagen. Ein Mann, der dafür mit dem Leben bezahlte.

Chico Mendez wurde am 13. Dezember 1944 in der brasilianischen Kleinstadt Xapuri geboren. Als Sohn eines einfachen Kautschukzapfers, wurde er früh mit staatlicher Repression konfrontiert. Er erlernte das Handwerk seines Vaters und setzte sich Zeit seines Lebens für die Rechte der Arbeiter sowie den Erhalt des Regenwaldes ein. Er widmete sein Dasein dem politischen, stets friedlichen Kampf und organisierte unter anderem Aktionen, um den Besitz der Landarbeiter zu verteidigen. 1977 gründete er eine Gewerkschaft, die seine Überzeugungen von einer nachhaltigen Bewirtschaftung des Dschungels, den ökonomischen Interessen von Viehzüchtern und Holzindustrie gegenüberstellte. Aufgrund seiner außerordentlichen Bemühungen wurde er zum Abgeordneten der Stadt gewählt und hatte später zudem den Vorsitz der Abgeordnetenversammlung inne. Resultierend aus seinem politischen Engagement wurde Chico Menzes während der brasilianischen Militärdiktatur (1964-1985) mehrfach verfolgt und inhaftiert.


Chico und Ilsamar Mendes im Jahr 1988 (Foto: Miranda Smith)

Am 22. Dezember 1988, unmittelbar nach seinem vierundvierzigsten Geburtstag, wurde er an der Hintertür seines Hauses ermordet. Die Schüsse aus der Schrotflinte des Großgrundbesitzers Darli Alves de Silva und dessen Sohn Darci Aves de Silva, töteten ihn vor den Augen seiner Familie. Die Tat sorgte für internationales Aufsehen. Über zwei Jahre dauerten die Spekulationen um seine Mörder an, obwohl sie gut bekannt waren. Sie befanden sich jedoch außerhalb der Reichweite der Gerichtsbarkeit, da sie von mächtigen Landbesitzern und korrupten Beamten geschützt wurden - eine übliche Vorgehensweise im brasilianischen Grenzland. 1990 kam der Fall infolge des enormen nationalen und internationalen Drucks letztendlich doch vor Gericht. Zum ersten Mal in der brasilianischen Geschichte ist ein Mord an einem Gewerkschaftsführer auf dem Land von der Justiz bestraft worden. Darli Alves de Silva wurde wegen der Anstiftung dieses Tötungsdeliktes zu einer 19jährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Sohn erhielt, für die eigentliche Umsetzung, das selbe Urteil. Als sich aber das Interesse der Medien einige Zeit später allerdings auf andere Geschehnisse verlagerte, gingen die Morde weiter. Es zeigte sich, dass diese Verurteilung ein einmaliger Ausnahmefall blieb. Unter all den Morden an Gewerkschaftsführern seit den späten 70er Jahren war der Mord an Chico Mendes der einzige, der tatsächlich untersucht wurde und zu einer Verurteilung führte. Im Februar 1992 wurde das Urteil gegen De Silva vom Berufungsgericht in Rio Branco revidiert. Er gelangte auf freien Fuß.

Der Gummizapfer Chico Mendes war und ist bis in die heutige Zeit eine der bekanntesten Symbolfiguren im Kampf um den Regenwald. Er wurde zu einem Rädelsführer, der für seine Ideale sein Leben hatte lassen müssen. Es gilt seine Geschichte zu wahren, seinen Mut zu würdigen. Hat der doch den größtmöglichen Respekt verdient. Ein kleiner Teil seines Traumes von Gerechtigkeit ging am 7. April 2008 in Erfüllung. An diesem Tag wurde im brasilianischen Bundesstaat Acre die erste staatliche Kondomfabrik eingeweiht. Jener Betrieb soll mehrere Problem gleichzeitig lösen. Zum einen sorgt er dafür, dass circa siebenhundert traditionelle Kautschuksammlerfamilen ein Einkommen haben, zum anderen wird durch kostenloses Verteilen der Präservative die Ausbreitung von HIV verhindert, sowie die Aufklärung der Bevölkerung gefördert. Weiterhin entsteht durch nachhaltiges Wirtschaften keine Belastung des Regenwaldes. So werden dort nun jährlich 100 Millionen Natur-Latexkondome produziert. Ein weiterer wichtiger Schritt im langen Kampf für die Erhaltung des Amazonas-Regenwaldes.

An dieser Stelle sei an einen ähnlichen Fall erinnert. Die am 7. Juni 1931 in Ohio geborene Dorothy Stang, fiel nach jahrelangem Engagement als Umweltschützerin einem Attentat zum Opfer. Nachdem die katholische Ordensschwester dreißig Jahre in Brasilien gelebt und schließlich die dortige Staatsbürgerschaft angenommen hatte, war sie vermehrt ernstzunehmenden Anfeindungen ausgesetzt und bekam darüber hinaus letztlich einige Morddrohungen. Dies hielt sie jedoch nicht davon ab, von ihrer Unterstützung der Landlosen und einfachen Arbeiter abzusehen. Am 12. Februar 2005 befand sie sich zu Fuß auf dem Weg zu einem Treffen, als sie mit sechs Schüssen aus nächster Nähe getötet wurde. Drei Männer wurden als potentielle Täter festgenommen. Wie auch im Fall Mendes hatte ein Großgrundbesitzer den Mord in Auftrag gegeben. Umgerechnet 15000 Euro für ein Menschenleben. Vitalmiro Bastos de Mauro wurde daher zwei Jahre später zur Höchststrafe von dreißig Jahren verurteilt. Dieses Urteil wurde allerdings bereits Ende 2007 annulliert, jedoch der Prozess 2009 durch ein Gericht in Pará, einem Bundesstaat in Brasilien, neu aufgerollt. Daraus ging eine erneute Inhaftierung De Mauros hervor, gegen die er kurze Zeit später Berufung einlegte. Am 22. April 2009 erwirkte er beim Obersten Gerichtshof einen scheinbar endgültigen Freispruch. Ein wichtiger Zeuge wurde unmittelbar vor seiner Aussage erschossen. Obgleich das Urteil eindeutig schien, wurde es 2010 abermals annulliert, woraufhin sie der Verurteilte freiwillig stellte. Am 1. Mai 2010 wurde Vitalmiro Bastos de Mauro zu einer dreißigjährigen Haftstrafe verurteilt.

Der ermordeten Dorothy Stang wurde 2006 posthum der brasilianische Menschenrechtspreis verliehen. Eine Anerkennung ihres unermüdlichen Schaffens sowie ein weiteres Zeichen dafür, dass es noch Hoffnung gibt. Hoffnung auf einen respektvollen Umgang mit der Natur und den schwächsten der Gesellschaft, den Arbeitern. Solange ihre Überzeugungen weiterleben, wird auch der Kampf für die Umwelt nicht an Schwäche verlieren.