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Samstag (18.01.) bundesweite Demonstration gegen die Agrarindustrie

Für den morgigen Samstag, den 18. Januar, ruft auch der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), ebenso wie viele Initiativen und Verbände, zur Teilnahme an einer bundesweiten Demonstration in Berlin auf. Die Demonstration steht unter dem Motto "Wir haben Agrarindustrie satt" und fordert eine nachhaltige Landwirtschaftspolitik, die auch den Tierschutz auf ihre Fahnen schreibt. Die Demonstration beginnt um 11.00 Uhr am Potsdamer Platz. Gemeinsam soll u. a. gegen Lebensmittelskandale, Massentierhaltung, Monokulturen und gegen Gentechnik auf dem Acker und im Stall demonstriert werden. Passend dazu veröffentlichte der BUND seinen kritischen Agrarbericht.

Mit der Demonstration wird zahlreichen Forderungen Nachdruck verliehen. So etwa jenen für gesundes und bezahlbares Essen, einer artgerechten Tierhaltung ohne Antibiotika-Missbrauch, einer Bienen- und umweltfreundlichen Landwirtschaft und der Förderung regionaler Futtermittelerzeugung. Ausführliche Informationen zum Ablauf, über die inhaltlichen Forderungen der Demonstration und über Anreisemöglichkeiten aus dem ganzen Bundesgebiet zur Demonstration in Berlin gibt es im Internet unter www.wir-haben-es-satt.de.

Ablehnung der Massentierhaltung

Für den BBU ist aus Gründen des Umwelt- und Naturschutzes, sowie aus Gründen des Gesundheitsschutzes, der ökologische Landbau extrem wichtig. Massentierhaltungsbetriebe lehnt der BBU generell ab; der Verband fordert eine artgerechte Tierhaltung. Der BBU kritisiert, dass sich die Herstellung von Nahrungsmitteln schon seit Jahren von ihren natürlichen und ökologischen Grundlagen entfernt hat. Stattdessen erfolgt eine industrielle Produktion von ihren Grundstoffen, von Futtermitteln und von Tieren. Diese Produktionen
und die Möglichkeit, sie zum Gegenstand der Spekulation von Investoren und Banken zu machen, müssen aus Sicht des BBU schnellstens beendet werden. Die Veranstalter erwarten 20000 Teilnehmer.

Ökologischen Landbau vor schädlichen Einflüssen durch Atom- und Chemieanlagen schützen

Dabei betont der Verband, dass sich eine neue Landwirtschaftspolitik nicht von alleine ergibt. "Notwendig sind der Protest auf der Straße und ein bewusstes Kaufverhalten. Und wichtig ist auch die Mitarbeit mit Gleichgesinnten in Bürgerinitiativen und Umweltverbänden", so Udo Buchholz vom BBU-Vorstand. Grundlegend fordert der BBU auch den Blick über den Tellerrand. "Der ökologische Landbau muss vor schädlichen Umwelteinflüssen durch Atom- und Chemieanlagen geschützt werden. Und das Grundwasser, das auch für die Landwirtschaft notwendig ist, darf nicht durch Gasförderung mittels Fracking gefährdet werden“, fordert Buchholz.

Freihandel untergräbt Standards und Demokratie

Neben der Demo anläßlich des Beginns der Internationalen Grünen Woche in Berlin stellte das AgrarBündnis – ein Bündnis von 24 Verbänden aus Landwirtschaft, Umweltschutz, Tierschutz und Entwicklungsarbeit – den Kritischen Agrarbericht 2014 vor und nahm Stellung zu aktuellen agrarpolitischen Themen. Schwerpunkt des 300-Seiten starken Jahrbuches ist diesmal die Tierhaltung. Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ging auf das derzeit in Verhandlung stehende Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen den USA und der EU ein: "Dieses Abkommen gefährdet die dringend benötigte ökologische Agrarwende. Derzeit ist es möglich, den Landwirten Anreize zu geben, damit sie Tiere artgerecht halten und für den heimischen Markt produzieren. Kommt aber das Freihandelsabkommen, gelten auch bei uns endgültig die Regeln des Weltmarktes – und der kennt keinen Tier- und Umweltschutz. Um bei Niedrigpreisen für Fleisch mithalten zu können, werden noch mehr Investitionen in neue riesige Mastanlagen die Folge sein."

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Bernd Voss, forderte die Bundesregierung auf, die Geheimverhandlungen über das Freihandelsabkommen zu stoppen: "Die geheime Agenda hat das Ziel, gesellschaftlich errungene Standards und demokratische Selbstbestimmungsrechte der Parlamente von EU und USA auszuhebeln. Auch deshalb rufen wir zur großen Demonstration am Samstag nach Berlin auf", so Voß.

Mehr Tierschutz: nötig, möglich und vom Verbraucher gewollt

Esther Müller vom Deutschen Tierschutzbund hält einen Systemwechsel in der Landwirtschaft für überfällig: "Wir müssen weg von der Hochleistungszucht, wo Masthühner nicht mehr laufen können und Turbokühe leistungsbedingt krank werden und früh sterben. Wir müssen weg von der Tiermanipulation, wo Schnäbel und Schwänze kupiert werden. Wir brauchen eine Tierhaltung, wo die Haltungssysteme den Bedürfnissen der Tiere angepasst werden und nicht umgekehrt." Dass mehr Tierschutz möglich sei, zeige der NEULAND-Verein für tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung, den der Deutsche Tierschutzbund gemeinsam mit dem BUND und der AbL bereits vor mehr als 25 Jahren initiiert hat. Seit einem Jahr gebe es auch Produkte mit dem Label "Für Mehr Tierschutz". Dass die Verbraucher mehr Tierschutz fordern, sei mehr als deutlich: "An der Demo ‚Wir haben es satt!‘ nehmen jährlich mehr als 20.000 Menschen in Berlin teil und beim Tollwood-Festival in München wurden mehr als 60.000 Unterschriften für mehr Tierschutz in der Landwirtschaft gesammelt. Das sind klare Signale an die Bauernverbände und die Politik, einen Systemwechsel einzuleiten!", so Müller weiter.

Hubert Weiger forderte neue Kennzeichnungsregeln für Fleischprodukte, um Tierleid, Umweltschäden und Gesundheitsrisiken durch die Fleischproduktion zu reduzieren: "Verbraucher müssen auf jedem Fleischprodukt Herkunft und Haltung der Tiere erkennen können. Sie müssen wissen, ob das Futter gentechnisch verändert war." Aber nicht nur die Konsumenten müssen in die Lage versetzt werden, selbst entscheiden zu können. Weiger sieht viel Handlungsbedarf für die Politik: "Das Tierschutzgesetz, das Baurecht, das Düngerecht, der Wasserschutz und das Arzneimittelgesetz müssen so verbessert werden, dass Massentierhaltung letztlich abgeschafft wird."

Tierhaltung ist für die Landwirtschaft notwendig. Aber es kommt darauf an, wie man mit den Tieren umgeht!

Die Missstände in der Nutztierhaltung sind enorm. Aber ohne Tiere geht es nicht; insbesondere im Bio-Landbau, der mit seiner umweltfreundlichen Produktionstechnik ja Leitbild für eine nachhaltige Landwirtschaft ist. Das machte Alexander Gerber, Vorstand von Demeter, deutlich. "Es kommt auf das Wie an. Denn eine Tierhaltung ohne Tierethik ist unserer Gesellschaft nicht würdig." Für die Haltung von Tieren gibt es gute Gründe. Nur tierischer Dung sichert dauerhaft hohe und stabile Erträge in einem System, das auf mineralischen Dünger verzichtet. Zurückgehende Erträge auf Bio-Marktfruchtbetrieben ohne Tierhaltung machen dies deutlich.

Aktuelle Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu den Klimawirkungen des Bio-Landbaus an der TU München zeigen, dass gerade die Milchvieh haltenden Betriebe besonders klimafreundlich sind. Sie bauen Humus im Boden auf. Gemessen wurde eine Anreicherung von durchschnittlich über 200 Kilogramm Kohlenstoff pro Hektar und Jahr. Bei ökologischen Marktfruchtbetrieben ist hingegen von gleichbleibenden Humusgehalten auszugehen. Konventionelle Marktfruchtbetriebe weisen sogar negative Humusbilanzen von minus 150 Kilogramm Kohlenstoff je Hektar und Jahr auf. Gerber wies auch darauf hin, dass weltweit der Großteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche Grünland ist. Dort können nur Wiederkäuer den vom Menschen nicht verdaubaren Aufwuchs in wertvolle Lebensmittel verwandeln.

Agrarreform: Da ist mehr drin! Für eine bessere Umsetzung in Deutschland

Bernd Voß, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), stellte klar: "Tierschutz, Artenvielfalt und regionale Vielfalt auf dem Teller erhalten wir nur, wenn wir die Vielfalt der Bauern erhalten. Wir können uns den weiteren Verlust an eigenständigen Betrieben nicht mehr leisten." Voß forderte Bundesminister Hans-Peter Friedrich auf, die umfangreichen Möglichkeiten der neuen EU-Agrarpolitik zum Umsteuern aktiv zu nutzen. "Berlin muss jetzt dafür sorgen, dass mit den EU-Geldern in Deutschland nicht länger das Wachsen oder Weichen vorangetrieben wird, sondern dass die bäuerlichen Betriebe für ihre besonderen Leistungen aktiv gestärkt werden – auch in der Tierhaltung. Hier muss Minister Friedrich kräftig nachlegen", so Voß.

Für eine andere Landwirtschaft … auch auf der Straße!

Tiere artgerechter zu halten, die Agrarreform in Deutschland grüner und gerechter zu gestalten oder das Freihandelsabkommen zu stoppen sei leider nur ein Teil dessen, was agrarpolitisch anstehe, betonte AgrarBündnis-Geschäftsführer Frieder Thomas zum Abschluss der Präsentation des Kritischen Agrarberichts 2014, der auf viele weitere Themen eingeht, beispielsweise auf den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft oder auf Fragen der Welternährung: "So vielfältig der Kritische Agrarbericht ist, so vielfältig sind die Gründe, sich für eine andere Agrarpolitik zu engagieren. Mit guten Argumenten im Kritischen Agrarbericht und mit deutlicher Präsenz auf der Straße!"


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