Millionen Vögel sterben - in Deutschland - durch Autoverkehr und Kollisionen mit Gebäuden oder Stromleitungen ohne dass darüber eine Debatte entbrennt. Diskutiert werden vor allem Windenergie-Anlagen (WEA) obwohl bei sehr vielen von ihnen überhaupt kein Vogelschlag stattfindet und der Durchschnitt pro Anlage bei maximal 5 getöteten Vögeln pro Jahr liegt. Nach Angaben des NABU ist keine einzige Vogelart durch WEA in ihrem Bestand gefährdet. Dennoch ranken sich viele Mythen um das Thema, und Windenergiegegner benutzen gerne das Argument vom Vogelmord. Das nützt der Atom- und Kohlelobby.

Hamburg Energie
Windenergie-Anlagen im Hamburger Hafen (Foto: Udo Schuldt)

Das Märchen geht etwa so: Es war einmal ein stilles Dorf in dem viele zufriedene Menschen von den Früchten der Felder lebten. Das Dorf liebte eigentlich gar keine Vögel. Sie vertrieben sie wenn die Saat auf die Äcker gebracht wurde und die Krähen die Körner aufpicken wollten und auch dann, wenn die Früchte reiften und die Stare die Kirschen aus den Bäumen pflückten. Manche pferchten sogar Hühnervögel zu Tausenden in besonders enge Ställe und töteten die "unproduktiven" männlichen Küken. Kunstdünger und Pestizide auf den Feldern vergifteten die gefiederten Mitgeschöpfe ebenfalls tausendfach. Aber die Liebe einiger Dörfler zu den Vögeln erwachte, als eines Tages Menschen aus der Stadt Windenergieanlagen in der Nähe des Ortes errichten wollten. Da gab es dort dann plötzlich ganz viele Vogelschützer. Auf der Dorfversammlung wurde argumentiert, dass jede Windenergieanlage tausenden von Vögeln das Leben kosten würde. Viele der Anwesenden glaubten diese Aussage ohne sie zu prüfen und erzählten sie weiter. So verbreitete sich die Mär von den vogelmordenden Windenergieanlagen über das ganze Land.

Aber die Geschichte blieb doch ein Märchen. Tatsächlich sterben an sehr vielen Windenergieanlagen überhaupt keine Vögel. Es wird nämlich inzwischen meist schon bei der Planung darüber nachgedacht wo man diese aufstellt und selbstverständlich achtet man auf Rotmilan- oder Seeadler-Vorkommen und Risiken für andere Vögel. (Hier beispielhaft ein Gutachten für den geplanten Windenergie-Standort im Bereich des Knüllköpfchens in Hessen.)

Ende 2013 gab es in Deutschland nach Zählungen des Bundesverbandes Windenergie 23645 Windenergie-Anlagen (WEA). Die Angaben für getötete Vögel durch WEA in D schwanken zwischen 1000 (Wikipedia am 14.06.2014) und 100000 pro Jahr. Nimmt man den größeren Wert an, dann ergibt sich ein rechnerischer Durchschnitt von aufgerundet 5 Vögeln pro Windenergieanlage. In seiner Studie von 2005 schreibt der Naturschutzbund, dass es Anlagen gibt die überhaupt keinen Vogelschlag verursachen, während dieser bei anderen auch zweistellig sein kann. Sicherlich zu viel, aber weit entfernt von den tausenden toten Vögeln die ihnen im Märchen zugedichtet wurden. Da aber bei Neuanlagen immer auf diese Problematik geachtet wird ist die Vermutung, dass der Vogelschlag wahrscheinlich vor allem Altanlagen zuzuordnen ist wohl nicht völlig abwegig. Viele der Altanlagen werden nun im Zuge des Repowerings ersetzt. Darum kann und sollte man diese Fehlplanungen jetzt beseitigen.

Noch mal die Opferzahlen durch Vogelschlag in der Übersicht:

  • Hochspannungsleitungen 30 Millionen
  • Straßenverkehr 10 Millionen
  • Gebäude/Glasscheiben mindestens 3 Millionen, aber wahrscheinlich deutlich mehr
  • Windkraftanlagen maximal 0,1 Millionen. (Quelle: BUND)

Durch Zusammenstoß mit einem Auto getötes Eichhörnchen auf dem Asphalt (Foto: Udo Schuldt)

Im Zusammenhang mit dem Autoverkehr wurden bisher auch nur die getöten Vögel aufgezählt. Bezieht man die umgekommenen Lurche, Kröten, Igel, Eichhörnchen oder Katzen ebenfalls mit ein ist es umso unverständlicher, warum sich die angeblichen Tierschützer unter den Windenergiegegnern nicht vordringlich dem Thema Auto-Tod zuwenden. Jedenfalls liest man davon wenig.

Die Verteufelung der Windenergie in Bayern und die Nichtbeachtung der Vogel-Opferzahlen von Hochspannungsleitungen hat außerdem den Effekt, dass man nun hunderte Kilometer Leitungstrassen vom Norden in den Süden plant. Verhinderte Windenergieanlagen in Bayern tragen somit indirekt zu dem zahlenmäßig viel schwerwiegenderen Vogelschlag durch die neuen Nord-Süd-Hochspannungsleitungen bei.

Der Errichtung von WEA liegt immer eine Risikoabwägung zugrunde, darüber welche Risiken wir eher zu tragen bereit sind: Die unbeherrschbaren Risiken der Atom- und Kohleenergie oder die beherrschbaren Risiken der Erneuerbaren Energien. Windenergieanlagen kann man entsprechend planen. Bei Atom- und Kohlekraftwerken ist es egal wo man sie hinstellt, deren Risiko bleibt bestehen:

  • CO2, Feinstäube, tonnenweise Quecksilber und andere Schwermetalle aus Kohlekraftwerken
  • radioaktive Niedrigstrahlung, das Risiko eines Super-GAU und Atommüll in Verbindung mit der Atomenergienutzung.

Fazit: Betreiber neu zu errichtender Windenergieanlagen als Vogelmörder darzustellen entbehrt jeder Grundlage und sollte daher als das erkannt werden was es eigentlich ist: Ein vorgeschobenes Argument welches besondes von den Lobbyisten der alten Energie-Ökonomie gefördert wird um Windenergie zu verhindern, damit weiterhin Atom- und Kohlekraftwerke laufen können ohne in Gefahr zu geraten durch Erneuerbare Energien ersetzt werden zu müssen.

Artikelhistorie
16.06.2014: Kleine stilistische und Rechtschreibkorrekturen ohne inhaltliche Änderungen.