In den kommenden Jahren ist beispielloser Waldeinschlag wahrscheinlich, wenn nicht gegengesteuert wird.

Der Sektor Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft (LULUCF) braucht eigene, anspruchsvolle Ziele zur Emissionsminderung, um das EU-Klimaziel für 2030 nicht zu gefährden. Werden seine Emissionen ohne Anpassung in die Bilanz des EU-Klima- und Energiepakets einbezogen, bestünde die Gefahr, dass die EU nur 35 statt 40 Prozent ihrer Emissionen bis zum Jahr 2030 reduziert. Dies könnte das Gesamtziel der EU um mehr als zehn Prozent verfehlen und ihren geplanten Treibhausgasminderungsbeitrag (Intended Nationally Determined Contributions, INDCs) insgesamt gefährden. Dies zeigt eine aktuelle Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Fern und der International Federation of Organic Agricultural Movements (IFOAM).

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Rodung zum Zwecke der Landnutzungsänderung im Hambacher Forst - hier soll Braunkohle abgebaut werden. (Foto: Andreas Magdanz; Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Die EU hat sich in ihrem Klimaschutzpaket verpflichtet, die Treibhausgasemissionen innerhalb der Europäischen Union bis zum Jahr 2030 um 40 Prozent gegenüber 2010 zu vermindern. Wie dabei die Emissionen von Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft angerechnet werden sollen, stand im Mittelpunkt einer Anhörung, die am Donnerstag dieser Woche abgeschlossen wird. Die heute veröffentlichte Studie zeigt nun, dass kleinste Veränderungen der Rechenmethoden größte Auswirkungen auf das Klimaziel der EU haben können.

Hauptautor der Studie Hannes Böttcher, Senior Researcher am Öko-Institut: „Die EU hat in ihren Betrachtungen nicht alle Anrechnungsregeln klar formuliert. Viele Annahmen, beispielsweise wieviel Holz wir in der EU ernten werden, sind heute noch unsicher. Klare Aussagen, in welchem Umfang Wälder beispielsweise als Kohlenstoffspeicher wirken können, sind daher nicht eindeutig möglich; die Auswirkungen auf das EU-Klimaziel bis 2030 nur mit einer großen Spannweite abschätzbar.“

Lastenteilung und LULUCF: bis zu 65 Prozent weniger Anstrengung für andere Sektoren

In der künftigen EU-Vereinbarung zur Lastenteilung (Effort Sharing Decision) ist festgelegt, wie die Emissionsminderungen zwischen den verschiedenen Sektoren außerhalb des Stromsektors – also für Verkehr, Bau, Abfall und andere – erbracht werden sollen. Bislang war LULUCF nicht im Effort Sharing berücksichtigt, eigene Minderungsziele hatte der Sektor ebenfalls nicht. Ein Einbezug, und damit gleiche Verpflichtungen für einen Klimaschutzbeitrag der Landnutzung, ist daher grundsätzlich zu begrüßen.

Essentiell ist jedoch ist die Frage wie Landnutzung reguliert werden soll: Ein Vorschlag der EU ist, LULUCF in das bestehende Instrument der Lastenteilung zu integrieren. Dies führe jedoch dazu, so die Studie des Öko-Instituts, dass die anderen Sektoren bis zu 65 Prozent weniger Emissionen mindern müssten. Alle im Effort Sharing
zusammengefassten Sektoren sollen 30 Prozent des gesamten Klimaziels der EU erbringen. Bei einem Einbezug von LULUCF könnte es sein, dass dieses Ziel lediglich zu 15,7 Prozent (oder sogar weniger) erfüllt würde. Dies könnte nach Auffassung von Fern und IFOAM die gesamte EU-Klimapolitik gefährden.

Die beiden NGOs schlagen deshalb vor, LULUCF nicht im Effort Sharing einzubeziehen, sondern eigene Ziele und Regularien zur Emissionsminderung zu formulieren. So blieben die Anstrengungen für die bisherigen Sektoren bestehen und LULUCF bekäme als separate Säule eigene Verpflichtungen.

Hannah Mowat, Campaignerin für Wald und Klima von Fern: „Wir brauchen eine solche „LULUCF-Säule“ sowie Anreize, Ökosysteme wiederherzustellen, Wald zu schützen, nachhaltige Landwirtschaft zu betreiben und nicht zuletzt anspruchsvolle Emissionsminderungsziele für die Bereiche Energie, Verkehr, Abfall, Landwirtschaft. Ein solches Vorgehen wäre zugleich auf internationaler Ebene wünschenswert.“

Landwirtschaft und LULUCF: bis zu 198 Prozent weniger Anstrengungen

Fern und IFOAM kritisieren zudem die in Option 2 der EU-Konsultation beschriebene Möglichkeit einer Zusammenlegung von Landwirtschaft und LULUCF. Dies könnte bedeuten, dass sogenannte Senken aus LULUCF – beispielsweise Gutschriften durch Kohlenstoffspeicherung im Wald – die Anstrengungen der Landwirtschaft, ihre Emissionen zu senken, aushebeln. Bis zu 198 Prozent der notwendigen Emissionsreduktion in der Landwirtschaft könnten so ausgehebelt werden, selbst bei einem separaten Ziel von minus 30 Prozent für die beiden Sektoren zusammen.

„Die Landwirtschaft verursacht rund zehn Prozent der Treibhausgasemissionen der EU und sollte daher einen fairen Beitrag zum Klimaschutz leisten“, erklärt Eric Gall, EU-Policy Manager bei IFOAM. „Dafür sollte sie eigene verbindliche Ziele unabhängig vom LULUCF-Sektor erhalten.

Risikofaktor Bioenergie

Die Studie zeigt zudem, dass es in den kommenden Jahren zu einem beispiellosen Waldeinschlag innerhalb der EU kommen kann. Dies sei, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, unter anderem die Folge einer wachsenden Bioenergienutzung – wiederum Resultat der erneuerbaren-Energien-Richtlinie der EU.

Linde Zuidema, Campaignerin für Bioenergie-Themen bei Fern: „Bioenergie wird als klimafreundliche Energieform gefördert. Unsere Studie zeigt jedoch, dass dies nicht der Fall ist, wenn wir große Mengen Wald zur Energiegewinnung abholzen und damit bislang gespeicherte Treibhausgase freisetzen. Der Bericht zeigt auch, mit welchen einfachen Mittel dies vermieden werden kann. Emissionen aus der Bioenergienutzung müssen daher ehrlich in die Bilanz einfließen und insgesamt der Einsatz von Biomasse auf ein nachhaltiges Maß eingeschränkt werden.“

Weitere Informationen:

Studie “Impacts on the EU 2030 climate target of including LULUCF in the climate and energy policy framework“ des Öko-Instituts

Fern und andere NGOs argumentierten bereits im vergangenen Jahr, dass LULUCF getrennt von Emissionsreduktionszielen für fossile Brennstoffe im Klima- und Energiepaket 2030 der EU behandelt werden solle. Es gäbe keine wissenschaftliche Grundlage beide Sektoren zu verknüpfen, da Emissionen aus fossilen Brennstoffen dauerhaft seien, die aus Landnutzungsänderungen jedoch temporär sein können. Die Argumente findet man hier

Öko-Institut e. V. - Institut für angewandte Ökologie


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