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Deutschland diskutiert gegenwärtig wieder stärker über den E10-Kraftstoff und steigende Nahrungsmittelpreise. Zu Recht, denn der Zusammenhang ist offensichtlich und bereits erforscht: Großflächiger Anbau von Energiepflanzen beansprucht landwirtschaftliche Flächen, auf denen keine Nahrungsflanzen wachsen können. Gibt es massive Dürren, insbesondere in Ländern, die Feldfrüchte für den Weltmarkt produzieren, dann steigen die Lebensmittelpreise, weil das Angebot massiv sinkt. Bei stark schwankenden Weltmarktpreisen lohnt sich die Spekulation erst richtig, d.h. sie führt zu noch stärker steigenden Preisen. Sowas kommt von sowas. Nahrungsmittel-Spekulation ist erst durch Agrosprit so richtig attraktiv geworden.


Eine glatte Lüge, auch bei Agrospritbenutzung (Foto: Udo Schuldt)

Recht haben aber auch diejenigen, wie der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), die sagen, dass auch die Energiepflanzen für die Biogasanlagen einen Beitrag zum Preisanstieg leisten.

Es stimmt ebenfalls, dass die Produktion von Milch, Käse, Eiern und Fleisch zur Verknappung des Getreides für die menschliche Ernährung beiträgt. Der Anteil der Tierhaltung ist in jedem Fall bedeutender und darf nicht unberücksichtigt bleiben.

Allerdings ist dies kein Argument dafür, die landwirtschaftlichen Flächen noch mehr durch Agrosprit zu verknappen oder dafür Wald in Ackerland umzuwandeln. In Deutschland ist es nämlich so, dass der Fleischkonsum sinkt, der Verbrauch von Agrosprit dagegen zunimmt, auch aufgrund der Beimischungsquoten. Autofahren und der Verzehr von tierischen Produkten stehen sich also in nichts nach. Autos und Motorräder beanspruchen sowieso schon erhebliche Flächen und nun eben auch noch für Agrosprit. KFZ erzeugen darüber hinaus noch giftige Abgase, an denen jedes Jahr - weltweit - etwa ein bis drei Millionen Menschen sterben1), aufgrund von Atemwegserkrankungen wie Lungenkrebs.

Außerdem ist die Agrospritproduktion erst am Anfang ihrer Entwicklung, denn die Mineralölquellen versiegen und die Erschließung weiterer Quellen wird immer teurer, da die kostengünstigen Öllager zuerst erschlossen wurden. Öl aus Ölsanden oder Ölschiefer zu gewinnen ist nur angesichts steigender Ölpreise wirtschaftlich. Dasselbe gilt für die Offshore-Förderung. Da ist Agrosprit aus Ölpalmen oder Raps dann doch günstiger und die Produzenten können noch Profite erzielen, denn sie verkaufen ja an finanzkräftige Kunden.


Dürreopfer in Somalia 2011 (Foto: Oxfam)

Für die Armen - insbesondere in der "3. Welt" - bleibt in solchen Situationen nur Hunger, Unterernährung, Fehlernährung und oft auch der Tod. Sie haben eben einfach nicht so viel Geld wie die Autofahrer oder die Fleischesser.

Darum kann man die Nahrungsmittelproduktion nicht nur dem freien Markt überlassen. Sie muss reguliert werden. Dazu gehört z.B. die Auflage, dass nur Reststoffe aus der Landwirtschaft energetisch verwertet werden dürfen, hinzu könnten städtische Abfälle aus der "Abfalltonne für pflanzliche Reststoffe" kommen. Insgesamt käme so eine Menge zusammen.

Einige Politiker sehen daher auch Handlungsbedarf. Z.B. die Vorsitzende des Umweltausschusses des Bundestages, Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE.).  Sie erklärte dazu in einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung: „E10 zu stoppen kann nur ein erster Schritt dafür sein, endlich den ökologischen Fußabdruck Deutschlands im Ausland zu verkleinern. Kraft- und Treibstoffe vom Acker haben in Europa in der Regel keinen Sinn. Schon gar nicht in dem Umfang, in dem sie nach den Zielen der EU und der Bundesregierung produziert werden sollen."

Die Vorgaben seien nur mit massiven Importen aus dem globalen Süden zu erfüllen. Diese vernichten aber direkt und indirekt Tropenwälder, gehen zu Lasten der menschlichen Ernährung und tragen mit dazu bei, Kleinbauern und Indigene zu vertreiben. Die Agrokraftstoffziele müssten darum drastisch reduziert werden. So Eva Bulling-Schröter.

Aus Sicht der linken Politikerin brauchen wir stattdessen eine neue Verkehrspolitik mit dem Ziel einer nachhaltigen Mobilität, jenseits der Ressourcen fressenden Autogesellschaft. Außerdem sei vor allem eine konsequente Politik gegen den Hunger und für den Schutz der Wälder notwendig. Denn Spekulationen auf dem deregulierten Weltagrarmarkt seien genauso Ursachen für die Missstände, wie die enormen Futtermittelimporte aus dem globalen Süden.

So weit würde Minister Niebel dann wohl doch nicht gehen, dass er die Futtermittelimporte und den Autoverkehr anprangert. Seine Erkenntnis, dass Agrosprit die Nahrungsmittelproduktion einschränkt ist sowieso nicht besonders originell. Die meisten Umweltverbände wissen das seit Jahren und sie wissen auch, dass Agrosprit auch Regenwälder vernichtet.

Vermutlich ergreift die Partei DIE LINKE dazu noch einige Initiativen. Dennoch ist es schwer vorstellbar, dass sie damit erfolgreich sein wird und dass sich die Regierungsparteien zu Anwälten der Ärmsten, noch dazu der Ärmsten im Ausland, machen lassen. Denn im Parlament haben CDU/CSU und FDP ja leider die Mehrheit.

Die Wähler könnten deshalb doch eigentlich mal die Position der LINKEN, z.B. bei den nächsten Wahlen, stärken, um solch gute Ansätze zu honorieren. Das alleine wird aber noch nicht reichen. Wir müssen nach jedem Strohhalm greifen und versuchen positive Masseneffekte in Gang zu setzen. In Diskussionen könnten wir auch deutlich machen, dass die Nutzung landwirtschaftlicher Abfälle, z.B. Mais-Stengel ohne die Frucht, oder städtischer Abfälle aus der "grünen" Tonne, erhebliche Potenziale bietet und hier noch riesige Optimierungsmöglichkeiten bestehen. Außerdem sollten persönliche Verhaltensänderungen einen positiven Beitrag und ein gutes Beispiel liefern, wie der Verzicht aufs eigene Auto, oder wenigstens das Umsetzen des Mottos "mein Auto steht so oft es geht" und der möglichst umfassende Ersatz tierischer Produkte durch pflanzliche Alternativen. Und das alles bitte schnell, denn uns läuft die Zeit davon!

 

Zum Weiterlesen:

Weltbank-Studie von 2008, welche beschreibt, dass der damalige Anstieg der globalen Lebensmittelpreise zu 75% auf Agrosprit-Herstellung zurückzuführen ist.

Eine Studie der Welternährungsorganisation FAO, die ebenfalls zu dem Ergebnis kommt, dass die Agrosprit-Produktion ein wesentlicher Treiber der Nahrungsmittelpreise ist.

Zum Anschauen: UNO Beauftragter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler: Biodiesel ist "Verbrechen gegen Menschheit"

1) Je nach Schätzung, insgesamt sterben nach WHO-Angaben etwa 8 Millionen Menschen an den Folgen der Verbrennung fossiler Energieträger. Siehe: Mehr Verkehrstote durch Autoabgase als durch Unfälle