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Bei der in den letzten Jahren geführten öffentlichen Diskussion um Strom aus erneuerbaren Quellen und Elektromobilität wird oft aus den Augen verloren, dass nach wie vor rund ein Drittel des Primärenergieverbrauchs in Deutschland auf das Konto der Gebäudeerwärmung und Warmwasserbereitung geht. Aufgeteilt nach den Nutzern der Energie entfällt ein Viertel auf (Wohn-)Haushalte (siehe Grafik und Tabelle). Dieser Anteil an der Energienutzung ist weitestgehend unabhängig von konjunkturellen Einflüssen und zeigt sich als allen Bemühungen um Effizienzsteigerung gegenüber ziemlich resistent.


Absoluter Energieverbrauch in Deutschland in Petajoule nach Bereichen. 400 PJ (ein Strich auf der Skala) sind ca. 112 Milliarden kWh (Grafik: LSDSL; Lizenz: Gemeinfrei)

Die aus den Zeiten der Ölkrisen in den 1970er-Jahren stammende Wärmeschutzverordnung, die seit 2002 mit der Heizungsanlagenverordnung zusammengelegt als Energieeinsparverordnung (EnEV) weiter besteht, hat hier wenig bewirkt. In der EnEV wird vorrangig geregelt, welches energetische (wärmetechnische) Niveau Neubauten mindestens haben müssen. Diese Anforderungen sind oftmals verschärft worden.
 

Endenergieverbrauch nach Anwendungsbereichen
in der Bundesrepublik Deutschland
Anwendungsbereich20082009201020112011
Pro-Kopf
2011
in %
  Gesamt
Angaben in Petajoule
Gigajoule
mechanische Energie 3.334 3.236 3.298 3.327 40,7 38,1
Raumwärme 2.770 2.611 2.813 2.256 27,6 25,8
sonst. Prozesswärme 1.875 1.756 1.903 1.979 24,2 22,6
Warmwasser 428 416 379 447 5,5 5,1
Beleuchtung 300 297 296 321 4,0 3,7
Inform.- u. Kommuni-
kationstechnik (IKT)
211 200 199 219 2,7 2,5
sonst. Prozesskälte 129 148 143 162 2,0 1,9
Klimakälte 51 28 29 34 0,4 0,4
Gesamt 9.098 8.692 9.060 8.744 106,8 100
(Tabelle: Wikipedia; Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Ablesen lässt sich das an den Dämmdicken. In den 1980er Jahren war stolz, wer sein Haus mit 4 cm Styropor eingepackt hat. Dämmung von Laibungen gab es noch gar nicht, Fußböden erhielten 3 cm, in Dächern genügte oft eine Heraklith-Platte um die Anforderungen an den Wärmeschutz zu erfüllen. In den 90er Jahren waren 10 cm Mineralwolle der Standard für nahezu alles, was zusätzlich warm eingepackt werden sollte.

Mittlerweile sind Dämmstoffdicken von 20 cm nicht ungewöhnlich und wer ein Passivhaus baut, hat oft gar 30 cm Dämmlage in allen Bauteilen. Doch hier sind auch dem Neubau technische Grenzen gesetzt: Mit einer Verdoppelung der Dämmung geht eine Halbierung des Wärmedurchgangs einher. Es wird also mit immer mehr Aufwand immer weniger erreicht. An irgendeinem Punkt treffen sich dann der vorweggenommene Aufwand und der spätere Nutzen (meist als Kosten-Einsparungs-Verhältnis berechnet).

Die EnEV regelt auch, welche Anforderungen an Bestandsgebäude gestellt werden, wenn diese saniert werden. Sie regelt jedoch nicht, dass diese Sanierungen stattfinden müssen und sie ist ein zahnloser Tiger was die Durchsetzung der Anforderungen angeht. Das allgemeine Vollzugsdefizit, das wir aus nahezu allen staatlich geregelten Bereichen kennen, gilt auch für die Kontrolle der energetischen Qualität baulicher Tätigkeiten. Da die meisten Sanierungen nicht genehmigungspflichtig sind, erhält die Baubehörde keinen Wärmeschutznachweis. Erhält sie ihn bei genehmigungspflichtigen Maßnahmen doch, so wird der wohl meist nur abgeheftet und vermerkt, dass er vorlag.

Es besteht im Großen und Ganzen Bestandsschutz für alte Häuser, welche Energieschleudern die auch darstellen. Nur kleinere Maßnahmen wie Thermostatventile, Abschaltung der ganz alten Kessel und Dachbodendämmungen wurden vorgeschrieben. Doch auch diese Maßnahmen wurden selten kontrolliert.

alte Dachdämmung
(Foto: © Olof E. Matthaei)

Die Sanierungsrate in Deutschland liegt, je nachdem welcher Quelle man zuhört, zwischen 0,7 und 1,5 %. Gemeint ist damit der Anteil der Häuser am Gesamtbestand, der in einem Jahr saniert wird. Dabei werden auch Teilsanierungen mitgezählt, bei denen z.B. nur ein Bauteil wie das Dach saniert wird, die anderen Teile des Gebäudes aber bleiben, wie sie sind. Man müsste also die Sanierungsquote noch einmal nach unten korrigieren um auf eine reale Durchsanierungsquote zu kommen. Weitere Information über die Sanierungsquote beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Um tatsächlich die klimaschutzpolitischen Ziele einer Reduktion des Energieverbrauchs um 80% und Reduktion der Treibhausgasemissionen um 80-95 % bis 2050 zu erreichen, müsste der gesamte Bestand wesentlich schneller und bis auf deutlich unter Neubauniveau saniert werden. Die Rechnung ist einfach: Selbst wenn sämtliche Neubauten keine Energie mehr bräuchten, würde sich ohne Änderung des Bestands nichts am Gesamtenergieverbrauch ändern. X + 0 = x.

Die EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) schreibt vor, dass bis 2020 sämtliche Neubauten „klimaneutral“ ausgeführt werden müssen und der Gesamtbestand bis 2050 „nahezu klimaneutral“ werden muss. Das geht nur wenn die Sanierung zur Pflicht wird, wie es unter anderen der NABU fordert.

„Fordern und Fördern“ lautete in der Reformierung der Sozialhilfe unter Kanzler Schröder das Motto. Bei der Gebäudesanierung gibt es bislang nur das Fördern. Wer umsetzt, was zur Erreichung des kollektiven Ziels notwendig ist, kann Förderkredite und Zuschüsse von staatlicher Seite erhalten. Die KfW fördert mit dem Programm „Energieeffizient Sanieren“. Das führt jedoch dazu, dass die energetische Sanierung von den weitaus meisten Hausbesitzern nur unter monetären Gesichtspunkten betrachtet wird. Das Energie-effiziente Häuser, wie Passivhäuser vor allem einen hohen Komfort bieten, wird dabei meist ausgeblendet.

Über die Zusammenhänge informieren Energieberater wie das in Wuppertal, Goslar und Hamburg tätige Ingenieurbüro Matthaei in Energieeinsparberatungen vor Ort. Doch selbst diese Leistungen werden nicht mehr in dem erforderlichen Maß in Anspruch genommen, wie die Aktion des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) zeigt, das bis Dezember 2013 tausend Gutscheine à 250 Euro für sowieso schon bezuschusste Energieberatungen ausgeben will.

Eine Viertelmillion lässt es sich das Wirtschaftsministerium also kosten. Und das sicher nicht nur, um die Erfahrungen der Beratungsempfänger einzusammeln. Es besteht ein allgemeines Desinteresse am eigenen aktiven Handeln, das die Politik wieder mit Geld bekämpfen will. Der erzieherische Wert solcher Aktionen ist meiner Ansicht nach zweifelhaft: Es wird auf ein monetäres Gewinnstreben konditioniert, das Handeln aus Einsicht und größeren Motiven heraus behindert.

Fazit: Nur eine Pflicht zur Sanierung der Bestandsgebäude ermöglicht überhaupt das Erreichen der Klimaschutzziele.


Autor:

Dipl.-Ing. Olof Matthaei
Jahrgang 1962
Ingenieurbüro Matthaei
Energieberatung, TGA-Planung, Passivhausplanung
Wuppertal und Goslar
www.energie-effizient-sparen.de
Profil:
Das Ingenieurbüro Matthaei arbeitet für Bauherren und für Architekten, Bauträger und Facility-Management-Unternehmen, die den Anspruch haben, ihren Kunden mehr als EnEV zu liefern. Sie wollen ihren Bauherren aus dem kommunalen Bereich, der Wohnungswirtschaft und Industrie Energiekosten einsparen und suchen nach TGA-Fachplanern mit entsprechendem Hintergrund.

Als TGA-Planer und Energieberater planen wir funktionelle, Energie-effiziente Haustechnik, die nicht mehr kostet.

Wir liefern durchdachte Planungen, wie die umgesetzten Effizienzhäuser und Anlagen zeigen. Die Kompetenz wird auch in der Zertifizierung als Passivhausplaner dokumentiert. Ständige Weiterbildung sichert unseren Wissensvorsprung.