„Das wahre Ziel der Energiewende ist nicht der Umweltschutz“(1) -  so übertitelte die Wirtschaftswoche am 04.09.14 einen Beitrag, in dem der Fachhochschul-Professor Gonde Dittmer sich in einem Interview zum Thema äußerte. Und schnell steht auch das Ergebnis seiner Überlegungen fest: Die Umwelt leidet – und der Geldbeutel der Bürger auch. Wir nehmen dies zum Anlass, seine zentralen Aussagen genauer zu überprüfen.

Solaranlagen
(Foto: Udo Schuldt)

Diese beginnen mit der Feststellung:

 „Wir erzeugen zwar – bezogen nur auf den elektrischen Energieverbrauch – acht Prozent Windenergie und 4,3 Prozent Solarenergie. Diese 12,3 Prozent reduzieren aber nicht die Menge an fossiler Primärenergie um 12,3 Prozent.“

Auch wenn die tatsächlichen Zahlen für 2013 etwas höher lagen – 8,4% für Windenergie und 5,3% für Photovoltaik, zusammen also 13,7%(2) - ist die Grundaussage bis hierher noch korrekt. Aber dann:

"Die Folge ist im Gegenteil eine erhöhte CO2-Emission. (…) Ein Windrad braucht etwa vier Jahre um die Energie zurückzugewinnen, die bei der Herstellung benötigt wurde. Also: Erst nach frühestens 48 Monaten liefert ein Windrad netto eine erste Kilowattstunde Strom.“

Nun, selbst wenn diese Zahlen stimmen würden, dann würde ein Windrad, das in aller Regel weit länger als nur vier Jahre läuft, in seiner Gesamtenergiebilanz über die Laufzeit gesehen noch immer deutlich mehr Energie erzeugen, als für Herstellung, Montage und Entsorgung verbraucht wurden. Jedoch: diese Zahlen sind falsch.

Aber der Reihe nach: die typische Betriebsdauer einer Windenergieanlage (WEA) beträgt 20 Jahre(3), wobei gelegentlich in der Tat Anlagen vor dem Ende dieser Zeit durch modernere, leistungsfähigere Anlagen ersetzt werden. Die Altanlagen können in diesem Fall natürlich weiter genutzt und woanders eingesetzt werden.

Für die Beantwortung der Frage, in welcher Zeit die gesamte eingesetzte Energie über die Wertschöpfungskette einer WEA von dieser wieder erbracht wird, führt man eine sogenannte energetische Amortisationsrechnung durch(4). Die Berechnungen ergeben für Windkraftanlagen – je nach Leistungsfähigkeit und Nutzungsszenario – Werte zwischen 1,6 und 5 Monaten. Diese Werte sind primärenergetisch bewertet, d. h., die von der Anlage erzeugte Energie wird in jene Primärenergie umgerechnet, die ein entsprechendes (fossiles) Kraftwerk benötigen würde, um dieselbe Nutzenergiemenge zu erzeugen. Die tatsächliche energetische Amortisation ist also mit maximal 5 Monaten  sehr weit entfernt von den 4 Jahren, die vom Professor genannt wurden.

Das Verhältnis zwischen erbrachter Energie über die Laufzeit einer Anlage und eingesetzter Energie für Produktion, Inbetriebnahme bis hin zur Entsorgung wird als Erntefaktor bezeichnet. Ein Erntefaktor von 1 würde bedeuten, dass eben so viel Energie erbracht wie eingesetzt wurde, ein Faktor größer 1 steht für ein positives Verhältnis zwischen erbrachter und aufgewandter Energie. Wenn der Professor nun meint, wir würden durch erneuerbare Energien eine erhöhte CO2-Emission erhalten, dann erscheint dies offenbar mehr als rätselhaft. Unterstellt er somit, dass erneuerbare Energien einen Erntefaktor kleiner als 1 hätten? Dies wäre die einzig schlüssige Erklärung. Allerdings – auch dies ist ganz falsch. So werden für Windenergieanlagen Erntefaktoren zwischen 48 und 150 angegeben, für Photovoltaik noch immer Faktoren zwischen 12 und 21.(5)

Und wir sollten dabei nicht vergessen: die Forschung und Entwicklung für erneuerbare Energien läuft auf Hochtouren, fast wöchentlich liest man Berichte über neue Forschungsergebnisse, die eine weitere Verbesserung der ökonomischen und ökologischen Effizienz zur Folge haben(6). Erneuerbare Technologien sind auch relativ neue, junge Technologien, warum sollte ausgerechnet diesen Zeit und Aufwand für Forschung und Entwicklung versagt bleiben? Nein, gerade erneuerbare Energien haben das Potenzial, den CO2-Ausstoß spürbar verringern zu können, daher ist es mehr als sinnvoll, gezielt in diese zu investieren.

Umgekehrt ist zu fragen, warum bis heute fossile Energieträger hoch subventioniert werden – weltweit übrigens viel höher als Erneuerbare. So schreibt die ZEIT:

„Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) sind die Subventionen für fossile Brennstoffe, also für Öl, Gas und Kohle, auf einen neuen Rekordwert gestiegen. Sie betrugen 2011 laut World Energy Outlook rund 523 Milliarden Dollar. Die erneuerbaren und damit klimafreundlichen Energien erhielten nur etwa ein Sechstel des Betrags (88 Milliarden Euro)(7).“

Hier liegt wohl der eigentliche Skandal, was die Förderung unserer Energieträger anbelangt. Und dies ist auch ein wichtiger Grund dafür, warum der weltweite CO2-Ausstoß nach wie vor massiv ansteigt anstatt zu sinken. Allerdings – es ist nicht der einzige, wohl noch nicht einmal der wichtigste Grund dafür. Wichtiger ist das weltweite gesamtwirtschaftliche Wachstum, das bekanntermaßen längst die Grenzen der Nachhaltigkeit überschritten hat. Und… jawohl, hier sind wir uns auch mit dem Professor einig.  So antwortete er doch auf die Frage: „…bleibt dann nur die massive Reduzierung unseres Energieverbrauchs?“ folgendes:  

„Ja, ich denke schon. Wir müssen uns komplett neu aufstellen…“

Zustimmung, das ist mit Sicherheit richtig. Nur: ein komplettes Neuaufstellen benötigte selbst dann Zeit, wenn sich ab sofort alle Akteure darin einig wären – was leider illusorisch ist.

Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, wenn ich hier auf alle zweifelhaften Äußerungen von Gonde Dittmer eingehen würde. Daher kommen wir bis hierher zu folgendem Fazit:

  1. Es ist unsinnig und beruht auf fehlerhaften Informationen, wenn man die erneuerbaren Energien als CO2-vermehrend darstellt. Dieses Gerücht hält sich seit vielen Jahren in manchen Kreisen hartnäckig(8),  ist aber definitiv falsch. Aussagen von Dittmer wie „Bisher wurde durch die Energiewende nicht eine Kilowattstunde fossile Energie eingespart und nicht ein Kilogramm CO2-Emission vermieden, eher ist das Gegenteil der Fall“ sind daher bestenfalls irreführend. Niemand sollte auf solchen Unfug hereinfallen.
  2. Die Reduzierung von CO2 und anderen Klimagasen ist natürlich bei weitem nicht das einzige Ziel von Umweltschützern, wie es von Dittmers geistigem Ziehvater Friedrich Schmidt-Bleek gerne geäußert wird(9). Aber: es ist eines der wichtigsten und drängendsten Probleme unserer Zeit. Man nutzt der Sache des Umwelt- und Klimaschutzes in keiner Weise, wenn man die einen Ziele gegen die anderen auszuspielen versucht, im Gegenteil, man schadet ihnen. Daher sind solche Beiträge abzulehnen.
  3. Wer am Klima- und Naturschutz interessiert ist, sollte sich von solchen Beiträgen daher nicht verwirren lassen. Denn dies kann von niemandem gewollt sein. Oder doch?
  4. Die Menschheit scheint den Ernst der Lage hinsichtlich Klimawandel und Naturschutz bis heute nicht wirklich begriffen zu haben. Und die Zeit zu handeln wird zunehmend knapp. Es gilt heute möglichst alle Register der möglichen Maßnahmen zu ziehen – wie z. B. die Reduzierung von Treibhausgasen, die Reduzierung des Ressourcenverbrauchs, die Reduzierung von Abfällen und viele andere mehr. Angesichts einer solchen Situation ist es schlicht kontraproduktiv, Stimmung gegen erneuerbare Energien zu machen.

Quellenverzeichnis:

(1)   Rahmann, Tim: „Das wahre Ziel der Energiewende ist nicht der Umweltschutz“, in: Wirtschaftswoche, 04.09.2014, URL: http://www.wiwo.de/politik/deutschland/zweifel-an-der-klimapolitik-der-regierung-das-wahre-ziel-der-energiewende-ist-nicht-der-umweltschutz-seite-all/10647292-all.html

(2)   Burger, Bruno, Fraunhofer ISE – Stromerzeugung aus Solar- und Windenergie im Jahr 2013, URL: http://www.ise.fraunhofer.de/de/downloads/pdf-files/aktuelles/stromproduktion-aus-solar-und-windenergie-2013.pdf

(3)   Regenerative Zukunft – Windenergie. URL: http://www.regenerative-zukunft.de/erneuerbare-energien-menu/windenergie

(4)   Vgl. hierzu z. B. „Erntefaktor“ in Wikpedia, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Erntefaktor

(5)   ebenda, sowie die dort angegebene Literatur

(6)   Alleine in den vergangenen Tagen z. B. http://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/chemie/hanf-konkurriert-mit-kohlenstoffmodifikation-graphen-13372000 oder http://www.idw-online.de/de/news602441

(7)   Vgl. „Der Subventionswahn ist ungebrochen“, in: ZEIT Online, 14.10.2013, URL: http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-10/energie-subventionen

(8)   Vgl. z. B. „Energieaufwand zur Herstellung regenerativer Anlagen“; URL: http://www.volker-quaschning.de/datserv/kev/index.php

(9)   Vgl. z. B. "Grüne Lügen" - Abrechnung mit den Klimarettern, in: WiWo online; URL: http://www.wiwo.de/politik/deutschland/oeko-pionier-friedrich-schmidt-bleek-gruene-luegen-abrechnung-mit-den-klimarettern/10088074.html