Essay zur ‪#‎Flüchtlingskrise‬

Es ist logisch. Es war zu erwarten. Es ist sogar zwingend notwendig, wenn Sie die durchschnittliche europäische Angst fragen. Es gibt lokale Unterschiede, die sich aus der Geschichte der europäischen Nationalstaaten erklären lassen; aber im Grunde wird es über kurz oder lang den meisten Ängsten so gehen, die zwischen Oslo und Messina, von Brest bis Bialystok, in Wien, Berlin oder Paris Rundfunkgebühren zahlen und sich der grotesken Amplitude der Berichterstattung zur Flüchtlingskrise aussetzen: Sie mutieren zu Hysterie, mitunter zu Panik.

Bangladesh climate refugeeKlimaflüchtlinge in Bangladesch (Foto: Public Domain)

Es ist schon paradox. Da beweist uns die Wissenschaft und Forschung seit Jahrzehnten, dass sich dieser Planet, die einzige erreichbare Heimat der Menschen zwischen Pluto und Sonne, langsam aber unangenehm aufheizt, weil der Mensch fossile Energieträger verbrennt und unaufhörlich Treibhausgase in die dünne Atmosphäre jagt. Da mahnt die Wissenschaft und Forschung, dass in naher Zukunft viele Teile dieses Planeten unbewohnbar werden könnten und Millionen von Menschen auf der Flucht sein werden. Da erklärt die Wissenschaft und Forschung uns täglich, warum eine wärmere Atmosphäre zu noch extremeren Extremwetter führt, und dass der anthropogene Klimawandel, ohne gegensteuernde klimapolitische Globalstrategie, zur größten Katastrophe der Menschheit seit der Sintflut werden kann.
Und was machen Millionen von europäischen Ängsten? Sie stehen betroffen aber ungerührt da, halten kurz inne und entscheiden sich dann den entscheidenden Knopf zu drücken: "Ignorieren".

Obwohl alle Menschen auf diesem Planeten durch ihr Konsumverhalten zum Klimawandel beitragen, entziehen sich die meisten Menschen dennoch ihrer Verantwortung. Sie schieben diese Verantwortung der Politik zu oder ignorieren das Problem, da es im unmittelbaren Umfeld von Privat- und Berufsleben nicht ratsam und ökonomisch scheint, sein Verhalten in London zu verändern, damit in Zukunft in Dhaka kein Reissack mehr umfällt. Allerdings ist das Gegenteil der ökonomischere und wirklich nachhaltige Weg. Denn ein Problem zu ignorieren oder auszusitzen, führt nur zur Verschärfung des Problems, nährt den Boden für Konflikte und Eskalationen. Zunächst im Anderswo. Somit ist die europäische Ignoranz der Probleme weltweit gleichzeitig der Nährboden für den Zuwachs an Problemen und Konflikten in der Ferne. Diese Ignoranz - anders benannt - diese Apathie - sie ist die eigentliche Ursache der europäischen Angst. Denn die Konflikte im Anderswo breiten sich rasant aus. Es ist eine Frage der Zeit, bis die Wogen dieser Konflikte einmal den Äquator entlang 40.075 km zurück gelegt haben, bis sie auch uns erreichen; nicht nur in den Medien, sondern real vor der Haustüre. Vielmehr: Es war eine Frage der Zeit. Das Zeitkonto ist nun aufgebraucht.

Nicht nur die Folgen der Klimaveränderungen spielen zunehmend auch in Europa eine gewichtige Rolle, die uns zwingen von der Ignoranz abzulassen, aus der Apathie zu erwachen und zu handeln. Auch die weltweiten Konflikte haben den steinigen und gut abgeschotteten Weg bis in die Festung Europa bewältigt und konfrontieren uns mit Konsequenzen, die vielen Europäern so überhaupt nicht ins aufgeräumte Bild passen.
Dabei ist es kein Geheimnis, dass die sogenannten 'Westlichen' Mächte und auch die damalige Sowjetunion, heute Russland, seit Jahrzehnten enormen politischen Einfluss ausüben auf den Nahen und Mittleren Osten und Teilen Afrikas. Sie sind damit eine nicht weg zu denkende Zutat für den großen Konfliktbrei in diesen Regionen.

Die wirtschaftlichen und politischen Interessen der Industriemächte in der Türkei, Syrien, Irak und dem Iran, sowie in Teilen Nordafrikas - und darüber hinaus - waren immer schon höhere Ziele, als funktionierende und demokratische Systeme in diesen Ländern. Bürger-, Religionskriege, Demoralisierung, Rebellen, Terroristen, Extremisten, die Destabilisierung ganzer Regionen sind die lang anhaltende Folge dieser marktorientierten, Ressourcen bindenden und militärischen Expansionspolitik. Dies einmal im kleinen und gemütlichen europäischen Eigenheim zwischen Oslo und Messina, Brest und Bialystok, in Wien, Berlin oder Paris sich deutlich machend, liegt doch die Erkenntnis nahe, dass es einen Spielball in diesem zerreißenden Machtkampf gibt, der sich nach Jahrzehnten des Leidens und Kampfes um die Stabilität der eigenen Heimat, der Hoffnung auf Frieden und auf Sicherheit für die Familie, aus dem Staub machen muss: Die Zivilbevölkerung.

Haus zerbombt, Schule zerbombt, Krankenhaus zerbombt, Lebensmittelversorgung zerbombt, Nachbarn und Freunde getötet, ständige Angst um Leib und Leben, keine Zukunftsperspektive für sich und seine Kinder. Seit Monaten oder Jahren in Flüchtlingscamps untergebracht und die westlichen Mächte reduzieren die finanziellen Hilfen für die Versorgung dieser Menschen. Was ist die logische Konsequenz?

Die Konsequenz ist nun da. Hunderttausende Flüchtlinge stehen vor unserer Haustüre. Und neben Hoffnung, Flehen, Bitten und Angst bringen diese Menschen selbstverständlich auch Wut, Trauer und Aggressionen mit sich. Sie sind Menschen und die meisten von ihnen haben das denkbar Schlimmste durchgemacht. Können wir Ihnen verübeln, dass sie nicht nur freundlich sind? Dürfen wir Sie beschimpfen, weil sie sich über eine dramatisch schlechte EU-Flüchtlingspolitik, über ein Regelwerk hinwegsetzen, dass ihnen am Ende ihrer Reise, eine Reise unter katastrophalen und menschenunwürdigen Umständen, alle Resthoffnung nimmt?

Wenn der Flüchtling im Volksmund und den Medien plötzlich zu einer Bedrohung aufgebaut wird, wenn Notleidende und Verletzte als Schwarm betitelt werden, wenn rechtspopulistische Parteien, wie jüngst in Österreich, knapp 1/3 der Wählerstimmen ziehen, weil der Europäischen Angst eingeimpft wird "Das schaffen wir nicht", dann wird aus der Ignoranz plötzlich Arroganz. Angst wird zu Hysterie. Auf einmal entsteht ein Gegenschwarm. Die Politik schafft neue Grenzen - in den Köpfen der Bevölkerung - und legitimiert Stacheldrahtzäune innerhalb Europas.

Doch Europa, ist nicht nur Europa.

Die Arroganz der europäischen Nationalstaaten steht global gegen eine höhere Verantwortung und in einem krassen Widerspruch. Zu was?

Zur Charta der Vereinten Nationen. Sie besagt:

"Die wichtigsten Aufgaben der Organisation sind Sicherung des Weltfriedens, die Einhaltung des Völkerrechts, der Schutz der Menschenrechte und die Förderung der internationalen Zusammenarbeit. Im Vordergrund stehen außerdem Unterstützung im wirtschaftlichen, sozialen und humanitären Gebiet."

Bleiben hier wirklich noch Fragen zum Umgang mit Flüchtlingen? Bleiben hier tatsächlich noch Zweifel an der politischen Verantwortung zur gemeinschaftlichen Bewältigung - gemeint ist bestenfalls nicht Bekämpfung - von Konflikt- und Kriegsherden?

Offenbar. Dann sei hier zumindest noch das Deutsche Grundgesetz zitiert:

"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt."

Marcel Rolf Hoffmann

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