Anfang Mai 2011 erschienen eine Reihe von Artikeln, zum Thema Bauen und energetischem Sanieren, in der Presse und Blogossphäre. Darunter war auch ein Artikel zu einem energieautarken Einzelhaus, d.h. energieautark auf der Basis von Solar-Energie und Biomasse-Nutzung. Nun sind Gebäude für 40 bis 50 % des gesamten Treibhauseffekts in Deutschland verantwortlich. Es ist daher schon außerordentlich wichtig sich mit diesem Thema zu befassen. Kritisch muss aber der Bau von neuen Einzelhäusern gesehen werden, auch dann, wenn sie angeblich „energieautark“ sind, denn der energetische Aspekt ist nur einer von vielen ökologischen Gesichtspunkten. Weitere wichtige sind Flächenverbrauch, Straßen- und Parkplatzbau und die Erzeugung von Verkehren aufgrund von Zersiedelung. In einem Satz: Wichtig ist eine systemische (ganzheitliche) Betrachtung des Themas.


Einzelhäuser benötigen viel Platz und viele Straßen (Foto: Udo Schuldt)

Flächenverbrauch und Naturzerstörung

Alle zehn Minuten wird in Deutschland Landschaft in der Größe eines Fußballfeldes „mit Schaufelbagger und Planierraupen zerstört“. So beschreibt es eine Meldung der Webseite Klimaretter.info, die am 10. Mai erschien. Mit der Planierung von Landschaft geht weltweit das größte Artensterben einher, welches die Erde erlebt hat. Hauptursache ist der Verlust von Lebensräumen der gefährdeten Arten. Diese Tatsachen sollten wir uns im Folgenden immer vor Augen halten.

Zur Verdeutlichung der Problematik wird der Bau von Einzelhäusern, mit der verdichteten Bebauung einer, als Öko-Siedlung gepriesenen Großsiedlung, verglichen. Es soll dadurch klar werden, welche ökologischen Schäden schon Geschossbauweise anrichten kann, selbst wenn sie flächen- und umweltschonend erfolgt und um wie viel schädlicher die Errichtung einer gleichen Anzahl von Einzelhäusern, wie Wohneinheiten in der Großsiedlung, wäre.

Mitte der 1990er Jahre wurde im Hamburger Stadtteil Farmsen ein neues Wohngebiet, auf dem Gelände einer ehemaligen Trabrennbahn, errichtet. Seit Einstellung des Rennbahnbetriebs, im Jahr 1976, entwickelte sich zuvor ein weitgehend ungestörter Naturraum, auf einer Fläche von 45,2 Hektar. Ein im Rahmen des Planverfahrens erstelltes ökologisches Gutachten, fand unter anderem eine Rote Liste Art, einen Schmetterling. Obwohl die Siedlung in Geschossbauweise und im Inneren autofrei gestaltet wurde, mussten die meisten Bäume und Sträucher beseitigt werden.

Nach der Bebauung verlor der Schmetterling seinen Lebensraum, ebenso wie viele nicht vom Aussterben bedrohte Tiere. Insgesamt hat seitdem die Vegetationsdichte, erheblich abgenommen. Das ehemalige Biotop ist heute ein Park, mit großen Rasenflächen. Man kann auch davon ausgehen, dass ein wesentlicher Teil des Kohlenstoffs, der ehemaligen Biomasse, als CO2 in die Atmosphäre entwichen ist, d.h. die Speicherfähigkeit von Kohlenstoff hat abgenommen.




Straße im Hamburger Wohngebiet "Trabrennbahn Farmsen" (Foto: Udo Schuldt)

Dabei ist hier noch relativ flächensparend gebaut worden, aufgrund der Geschossbauweise und der Autofreiheit im Inneren der Anlage. Man stelle sich vor, statt der 1138 Wohnungen wären 1138 Einzelhäuser auf diesem Gelände errichtet worden. Der gesamte Platz hätte, bei 600 qm Grundfläche pro Einzelhaus nicht gereicht. Dafür wären 20 Hektar mehr erforderlich. Außerdem kann man diese Fläche aufgrund der zu jedem Haus führenden Straßen in etwa verdoppeln. Statt 45,2 Hektar, mit viel parkähnlicher Grünfläche, benötigen wir nun ca. 120 Hektar, mit sehr vielen Straßen. Hinzu kommt der höhere Material- und Energieaufwand für unterirdische Versorgungsleitungen, der Aufwand für den Aushub der Erde, Metalle und Kunststoffe für die Kabel, Beton für die Siele und Kabelschächte, Kunststoffe für die Frischwasserleitungen. Ein Vielfaches von dem was man innerhalb einer verdichteten Bebauung braucht.



Siedlungen schaffen Verkehr - Zersiedlung schafft mehr Verkehr

In Folge der Bebauung der Trabrennbahn Farmsen verlängerte die Stadt dann noch die Straße „Friedrich-Ebert-Damm“ um eine vierspurige Teilstrecke, die am Neubaugebiet Trabrennbahn beginnt und in der Höhe des U-Bahnhofs Farmsen endet. Auch hier wurde für den Straßenbau Vegetation in großem Ausmaß entfernt. Dabei hat dieses neue Wohngebiet gute Anschlüsse an den öffentlichen Verkehr. Im Norden ist die U-Bahn und im Süden führen mehrere Buslinien vorbei.



Baumreste nach Rodungsarbeiten für die Straße Friedrich-Ebert-Damm (Foto: Udo Schuldt)

Zusammengefasst steht fest, dass die CO2-Emissionen und Lebensraumzerstörungen, die mit dem Bau des Wohngebietes Trabrennbahn Farmsen verursacht wurden, um ein vielfaches größer wären, hätte man statt der autofreien Geschossbauweise eine Einzelhausbebauung gewählt.

Zukünftige Bauvorhaben sollten diese Aspekte berücksichtigen und nur verdichtet und möglichst völlig autofrei erfolgen. Es gibt auch Beispiele von städtischen Siedlungen bei denen die Bewohner per Vertrag auf Autobesitz verzichten. Somit braucht man keine Flächen für Straßen und Parkplätze und von diesen Siedlungen gehen keine nennenswerten Autoverkehre mehr aus, d.h. auch ein ergänzender Straßenbau ist nicht mehr nötig.

 

Holz statt Zement als Baumaterial

Zementherstellung trägt mit etwa 4% zu den gesamten globalen anthropogenen CO2-Emissionen bei. Zement ist aber der Grundstoff für Beton. Um CO2-Emisionen zu verringern sollte deshalb der Beton-Anteil beim Bauen reduziert bzw. es sollte möglichst ganz auf Beton verzichtet werden. Berücksichtigt man dies, dann ist auch die Wahl der Baustoffe ein wesentlicher Aspekt des ökologischen Bauens.

Anstatt Holz in Pellet-Öfen oder als Scheitholz zu verbrennen, wäre es sinnvoller als Baumaterial einzusetzen. Würde man Holzhäuser bauen, könnten diese den im Baumaterial enthaltenen Kohlenstoff über Jahrzehnte bis Jahrhunderte speichern. Es ist sogar möglich Holzhäuser in Geschossbauweise zu errichten. In der Schweiz bauten innovative Architekten – zum Beispiel - ein 6 Etagen Holzhaus. Anstelle von Betonfundamenten könnten Häuser auf Holzpfählen stehen. Die Lagerhäuser in Hamburgs historischer Speicherstadt stehen seit 1883 auf Eichenholzphählen.

Wenn dann – irgendwann - die Holzhäuser abgerissen werden, z.B. weil sie ihre Lebensdauergrenze erreicht haben, ließe sich das Holz weiterverarbeiten oder schlechtestenfalls verbrennen. Vorrang vor der Verbrennung sollte aber immer die stoffliche Nutzung haben. Man spricht hier von Nutzungskaskaden, d.h. der Mehrfachnutzung des Holzes.

Heute besteht die Möglichkeit Häuser zu errichten, die fast keine Fremdheizung mehr benötigen, so gut sind sie isoliert und so gut nutzen sie das einfallende Sonnenlicht oder auch die menschliche Körperwärme. Baut man anstelle eines Einfamilien- oder Reihenhauses ein kompaktes Mehrfamilienhaus, so würde dies auch sehr viel weniger Rohstoffe für Isoliermaterialien erfordern, wie entsprechend mehr für Einfamilienhäuser. Selbst wenn man die Isolierung aus alten Zeitungen herstellt, wie das aus Zellulosewolle bestehende Isofloc, erfordern die Produktion und der Transport dennoch Energie und Rohstoffe. Das gilt natürlich auch für das übrige Baumaterial. Kompaktes Bauen spart also Rohstoffe und reduziert die Stoffströme.
 


Autofreies Wohnprojekt "Klimaschutz-Siedlung-Kornweg" in Passivhausbauweise (Foto: Udo Schuldt)

Selbstverständlich lassen sich auch die Dachflächen verdichteter Siedlungen für die Energieumwandlung in Wärme oder Elektrizität nutzen. Hiermit könnte der Restenergiebedarf gedeckt und sogar Überschüsse ins Stromnetz eingespeist werden.

Die Entscheidung für Verdichtung oder Zersiedelung ist eine politische Entscheidung. Anstatt die Zersiedelung und die damit verbunden Nachteile zu fördern, könnte man Bebauungspläne nur noch für verdichtete Bebauung erstellen. Darüber hinaus wären auch die steuerliche Begünstigungen der Zersiedelung zu beseitigen, z.B. die schädliche Verkehrssubvention Pendlerpauschale, da sie die finanziellen Lasten weiter Wege auf die Allgemeinheit verteilt und dann auch noch die Bezieher hoher Einkommen bevorzugt. Um den kommunalen Gremien die Entscheidung gegen unverdichtete Bebauung zu erleichtern, könnte auch die vom Umweltbundesamt vor Jahren vorgeschlagene Neuversiegelungsabgabe erhoben werden. In entsprechender Höhe würde diese zur nachhaltigen Förderung verdichteter Bebauung und zum Flächenrecycling beitragen. Mit Flächenrecycling ist hier die erneute Verwendung ehemals bebauter Flächen gemeint.

 

Resümee:

  • Leider ist die Klimaschutz-Debatte in Deutschland zu sehr auf das Thema Energie gerichtet. Mehr als 20% des weltweiten Treibhauseffekts kommen aber aus der Änderung der Landnutzung und der ehemals auf diesem Land befindlichen Biomasse.

  • Zement und Beton sind vorherrschende Materialien. Die Zementproduktion trägt jedoch zu 4% mit zu den CO2-Emissionen bei.

  • Verkehre benötigen, selbst wenn die Fahrzeuge alle mit Solarenergie fahren, Rohstoffe für Straßen und Parkplätze.

  • Zersiedelte Wohngebiete benötigen noch mehr Straßen und Parkplätze, mehr Leitungen, mehr Baumaterial.

  • Holzhäuser könnten dagegen der Atmosphäre Kohlenstoff entziehen und diesen Jahrzehnte bis Jahrhunderte speichern. Das Bauholz wäre nach Abriss so eines Hauses, im Sinne einer Nutzungskaskade, noch brauchbar.

  • Die Vorteile einer „energieautarken“ Realisierung gäbe es auch für kompakte Mehrfamilienhäuser.

  • Nicht zuletzt würde man Naturflächen erhalten können, um auch gefährdeten Arten einen Lebensraum zu bieten.