Ist die gewaltige Zunahme der Todeszonen in der Ostsee - über welche die Presse kürzlich berichtete - nur ein Ausblick auf das was auch den Ozeanen droht?

Vor einigen Wochen erschien im Fachjournal PNAS ein wissenschaftlicher Artikel über die erneute und verstärkte Zunahme sauerstoffarmer und -freier Gebiete im Wasser der Ostsee. Einige Zeitungen berichteten ebenfalls darüber, aber der Sturm der Entrüstung blieb aus. Scheinbar ist das sehr vielen Menschen nicht so wichtig oder sie haben es nicht mitbekommen. Dabei könnten die Verhältnisse in der Ostsee nur ein Ausblick auf  sauerstoffarme und -freie Ozeane sein, wenn sich die Erde weiter erwärmt.

Entwicklung der Todeszonen in der Ostsee
Die Entwicklung sauerstoffarmer und sauerstofffreier Zonen in der Ostsee (© PNAS)

Es scheint ein Merkmal der menschlichen Natur zu sein, dass sich die Menschen zwar die Zukunft vorstellen können, aber daraus kaum Schlussfolgerungen für ihr gegenwärtiges Verhalten ziehen. So ein mangelnder Gestaltungswille ist teilweise mit der Armut breiter Bevölkerungsschichten erklärbar, da der Überlebenskampf es dann nicht zulässt Verhaltensänderungen, im Hinblick auf eine gefährdete Zukunft zu beschließen. Menschen mit höherem Einkommen wären dazu aber in der Lage. Warum geschieht es dennoch nicht in ausreichendem Maße, in diesen Kreisen? Warum werden kaum Proteste gegen die Umweltzerstörung organisert? Offenbar kann die Mehrheit nur auf Unmittelbares reagieren. Somit ist es vielleicht doch nicht verwunderlich, dass der Sturm der Entrüstung über die Todeszonen in der Ostsee ausblieb. Dabei käme es zu Zeiten des menschengemachten Klimawandels gerade darauf an, wie die Menschen die Zukunft gestalten.

Dass der Klimawandel eine Rolle spielt zeigt vor allem die Zunahme der mittleren Wassertemperatur in dem Binnenmeer. Diese erreichte bei Gotland einen Mittelwert von fast 6 Grad Celsius und um Bornholm herum etwa 8 Grad. Im Jahr 1900 lagen diese Werte in beiden Gegenden noch um die 4 Grad. So eine starke Temperaturzunahme führt alleine schon zu einer Abnahme des Sauerstoffgehaltes des Wassers, da wärmeres Wasser weniger des Elements lösen kann. Wärmeres Wasser führt aber auch zu einer verstärkten Algenblüte. Wenn die abgestorbenen Algen zu Boden sinken zersetzen sie sich und das benötigt Sauerstoff. Folge: Der Sauerstoff sinkt nochmals ab. Wenn über dem Meeresboden der Sauerstoff knapp wird, dann entweicht im Sediment gespeichertes Phosphat ins Wasser. Dieses Düngemittel, regt die Algenproduktion zusätzlich an, d.h. noch mehr Algen sinken zu Boden, zersetzen sich dort, das verbraucht Sauerstoff, dies führt dazu, dass mehr Phosphat aus dem Sediment ins Wasser gelangt, was wieder das Algenwachstum begünstigt. Ein sich selbst verstärkender Regelkreis. Gelöster Mineraldünger aus der Landwirtschaft, der über die Flüsse in die Ostsee gelangt, steigert den Vorgang der Sauerstoffverknappung nochmals.

Ist so ein Effekt auch bei sich erwärmenden Ozeanen denkbar? Ja, denn in der erdgeschichtlichen Vergangenheit, d.h. vor Millionen von Jahren, gab es bereits Zeiten mit großenteils sauerstoffarmen und -freien Ozeanen. Auslöser dieser anoxischen Ozeane war wahrscheinlich ebenfalls eine Überdüngung, diese hatte jedoch andere Ursachen als wir es bei der Ostsee sehen. Solche anoxischen ozeanischen Ereignisse traten offenbar dann auf, wenn der CO2-Gehalt der Atmosphäre bei etwa 1100 ppm lag. Gegenwärtig beträgt er etwa 400 ppm. Nimmt man an, dass sich die Atmosphäre mit jährlich 5 ppm CO2 anreichert, dann würde es noch ca. 140 Jahre dauern bis diese Konzentration erreicht wird. Aber auch wenn anoxische Ozeane noch keine unmittelbare Bedrohung sind, so nehmen doch die Todeszonen überall auf der Erde zu, wie die folgende NASA-Grafik zeigt. Die roten Punkte kennzeichnen die bereits vorhandenen Todeszonen.

Todeszonen weltweit
(© NASA)

Was deren Ausweitung für das marine Leben bedeutet kann man sich leicht vorstellen. Es wird massiv reduziert, was auch den Fischfang verringert und die Nahrungsmittelsicherheit der Menschheit beeinträchtigt.
 

Weitere Informationen:

Artikel: Deoxygenation of the Baltic Sea during the last century von Jacob Carstensen, Jesper H. Andersen, Bo G. Gustafsson und Daniel J. Conley

Scinexx: Der Ostsee geht die Luft aus

Wikipedia: Phosphatfalle

Wikipedia: Ozeanisches anoxisches Ereignis


Artikelhistorie
16.06.2014: An einer Stelle das Wort "Sedement" in "Sediment" geändert.