"Schreibt doch mal was über Klimalüge, Chemtrails und Haarp", schrieb mal ein neuer Leser auf unsere Facebook-Pinnwand. Zunächst schrieb ich zurück, dass wir eine Seite sind, die sich auf die Wissenschaft gründet und dass wir daher keine obskuren, unwissenschaftlichen Verschwörungstherorien unterstützen. Da man aber diesen Theorien andauernd auf Facebook und im Internet begegnet, habe ich mich dann doch entschlossen, etwas zu diesen Themen zu schreiben, auch damit ich mir bei Bedarf einfach die entsprechenden Zeilen aus meinem Text kopiere, um es bei zukünftigen Entgegnungen an die Vertreter dieser Konspirationshypothesen etwas einfacher zu haben. Dieser Text wird fortlaufend ergänzt.


Kondensstreifen oder Chemtrails? (Foto: Udo Schuldt)

Beschreibung der Chemtrail-Verschwörungstheorie

Zweifellos gibt es Verschwörungen. Es geht nicht darum das zu bestreiten. Die Bildung einer rechtsextremen Terrororganisation, wie der NSU, ist sicher so eine Verschwörung. Kennzeichen einer Verschwörung ist jedoch meist ein kleiner Kreis von Mitwissern, wie eben bei der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund. Aber oft sehen Menschen auch Verschwörungen und Geheimnisse, wo es gar keine gibt. Für das Phänomen Kondensstreifen und den damit verbundenen Verschwörungstheorien gibt es nämlich immer viel logischere Erklärungen. Voraussetzung für das Verständnis der Realität ist natürlich, dass man das auch verstehen will. Charakteristisch ist, dass Klimalüge, Chemtrails und Haarp von vielen Befürwortern dieser Verschwörungstheorien in einem Atemzug genannt werden. Über den haltlosen Vorwurf der Klimalüge, den Klimawissenschaftsleugner erheben, haben wir ja schon oft geschrieben, darum befasse ich mich diesmal mit den sogenannen Chemtrails:

"Es soll sich bei Chemtrails nicht um normale, aus Eiskristallen bestehende Kondensstreifen handeln, sondern um Sprühspuren von diversen chemischen Substanzen. Über die vermutete Zusammensetzung dieser hypothetisch vorhandenen Stoffe besteht keine Einigkeit, oft nennen die Anhänger jedoch Barium und Aluminium als Bestandteil. ... Von Vertretern der Chemtrailtheorie werden verschiedene Zielsetzungen angenommen. So sollen Substanzen versprüht werden, um Geo-Engineering zu betreiben. Damit solle der Treibhauseffekt durch Reflexion von Sonnenlicht abgeschwächt und so die globale Erwärmung reduziert werden. Hierbei wird oft das Welsbach-Patent angeführt, in dem die Möglichkeit der Verminderung des Treibhauseffekts mittels großflächiger Verteilung von Partikeln in der Atmosphäre beschrieben wird.Auch wird spekuliert, dass Chemtrails der Bevölkerungsreduktion dienen könnten. Die zugesetzten Chemikalien sollen dieser Theorie zufolge die Zeugungsfähigkeit der Bevölkerung senken oder sie schlicht vergiften." 1)

Soweit Wikipedia und man kann es nicht bestreiten, sie existieren - aber nur in den Phantastereien der Hardcore-Chemtrail-Befürworter (Chemtrailianer). Deren zentrale Behauptung ist, dass sich Kondensstreifen nach kurzer Zeit wieder auflösen. Chemtrails erkenne man dagegen daran, dass sie sich nicht gleich wieder auflösen, sondern länger sichtbar sind. Diese Behauptung ist aber falsch. Es gibt nämlich tatsächlich Kondensstreifen, die sich nicht auflösen, das ist in diesem Teil der Erde sogar häufiger, wie ein sich schnell wieder auflösender. Warum das so ist will ich im Folgenden erklären.

Die Chemie der Kondensstreifen

Ursache der Kondensstreifen sind die Verbrennungsabgase der Triebwerke. Dabei spielt es keine Rolle ob es Düsen- oder Propellertriebwerke sind, welche die Abgase erzeugen.


Kondensstreifen am Himmel während des Pazifikkriegs, am 19. Juni 1944, bei der Schlacht in der philippinischen See (Foto: US-Navy)

Entscheidend für die Art der Abgase ist die chemische Zusammensetzung der Treibstoffe. Diese bestehen meist aus Kohlenwasserstoffmolekülen, d.h. Kohlenstoffatome und Wasserstoffatome sind eine Verbindung eingegangen und bilden ein Kohlenwasserstoffmolekül.

Strukturformel eines Kohlenwasserstoffmoleküls, in diesem Fall Benzol

Kerosin ist ein Gemisch verschiedener Kohlenwasserstoffe. Bei der Verbrennung des Treibstoffs in der Turbine werden diese Verbindungen zerbrochen und neue Moleküle entstehen. Kohlenstoff (chemische Bezeichnung C) und Wasserstoff (chemische Bezeichnung H) gehen bei der Verbrennung eine neue Verbindung mit dem Sauerstoff (chemische Bezeichnung O) der Luft ein. Aus C und O entsteht Kohlendioxid (chemische Bezeichnung CO2) und H und O werden zu Wasser (chemische Bezeichnung H2O). Das CO2 bleibt durchsichtig und gasförmig, nachdem es die Turbine verlassen hat. Das Wasser ist nach Verlassen der Turbine zunächst Wasserdampf, also auch durchsichtig. Aufgrund der Kälte von unter minus 40 Grad in den Flughöhen kondensiert er aber wenige Meter hinter dem Triebwerk und gefriert dann sofort zu Eiskristallen. Diese Eiskristalle sind sichtbar und bilden dann Kondensstreifen.

Auf den folgenden Fotos sieht man recht gut, wie die Flugzeugabgase erst einige Meter nach dem Triebwerksaustritt kondensieren (eigentlich resublimieren, da sie sofort zu Eis werden).

DC8 vom Weltraum aus fotografiert
Eine DC8 von oben fotografiert. Man sieht sehr gut, wie sich die Kondensstreifen erst einige Meter hinter dem Düsenaustritt bilden. (Foto: NASA; Lizenz: Gemeinfrei)


Jumbojet Kondensstreifen
Kondensstreifen einer Boeing 747 (Jumbo Jet). In der Vergrößerung sieht man ebenfalls die charakteristische Lücke zwischen Triebwerk und Kondensstreifen. (Foto: André Karwath; Lizenz: CC-BY-SA-2.5-en)

Auf dem Foto mit der Boeing 747 sieht man auch, wie der Kondensstreifen immer dicker wird. Würde tatsächlich aus dem Flugzeug "gesprayt", dann müsste es ja wohl erst dick kommen und dann immer dünner. Und nicht erst gar nichts, aber nach einigen Metern wird es zuerst dünn und dann immer dicker. Die Zunahme der Mächtigkeit des Kondensstreifens hängt auch damit zusammen, dass Wasser zum kondensieren (resublimieren) Kondensationskeime benötigt. Diese werden mit den Rußbestandteilen der Flugzeugabgase gleich mitgeliefert. Haben sich erstmal Eiskristalle gebildet kann sich auch Feuchtigkeit aus der den Kondensstreifen umgebenden Luft an den Eiskristallen - des Kondensstreifens - anlagern und diese verbreitern. Ob das geschieht hängt von den Umgebungsbedingungen in Flughöhe ab. Diese Umgebungsbedingungen verändern sich. Ebenso wie wir an der Erdoberfläche ständig verändernde Temperaturen, Luftfeuchtigkeiten und Luftdrücke erleben, ebenso ist es auch in Flughöhe, auch dort verändern sich Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck.

Unter günstigen Bedingungen können diese Eiskristalle des Kondensstreifens nach kurzer Zeit sublimieren, d.h. sie gehen wieder in den gasförmigen Zustand über. Unter ungünstigen Bedingungen bleibt der Kondensstreifen längere Zeit bestehen und kann Zirrus-Wolken bilden. Ob der Kondensstreifen langlebig ist oder nicht hängt, wie bereits erwähnt, von Umgebungsdruck, Luftfeuchtigkeit und Lufttemperatur ab. Einige Beispiele:

  • Kurze Kondensstreifen entstehen in ca. 10 km Höhe dann, wenn die Temperatur in der Tropopause (10-15 km Höhe) bei ca. -50°C und die Luftfeuchte dort oben unter 70% liegt. Die Eiskristalle sublimieren dann nach ein paar Sekunden wieder und werden unsichtbar.
  • Lange Kondensstreifen (engl: persistent contrails), die sich auch noch verbreitern und schließlich zu künstlichen Zirren führen können, bilden sich, wenn die Luftfeuchte in der Tropopause auf 80-100% ansteigt.
  • Überhaupt keine Kondensstreifen auch in großer Höhe gibt es, wenn im Sommer bei Lufttemperaturen am Boden von 25°C und mehr in der unteren Tropopause (10-12 km) durch erhöhte Thermik die Temperatur auf ca. -40°C oder darüber ansteigt und gleichzeitig die relative Luftfeuchte dort oben unter 30% liegt. Dies ist beispielsweise im Sommer im von Kondensstreifen weitgehend freien Südeuropa der Fall. Unter 25% Luftfeuchte in 10 km Höhe gibt es keine Eiskristallstreifen (Sublimationsstreifen). 2)

Das entspricht durchaus auch den Erfahrungen der meisten Mitteleuropäer. Fast jeder von uns hat schon mal stundenlangen Nebel erlebt, der sich bei kühlem Wetter am Boden bildet. Sowas passiert eben auch in der Luft, nur häufiger, weil es dort oben kühler ist und kalte Luft eben weniger Wasser speichern kann. (Übrigens ein Grund für Wolkenbildung.)

Also, Kondensstreifen können sehr langlebig sein. Mit dieser Erkenntnis wird klar, dass es sich bei den sichtbaren Streifen am Himmel eben um Kondensstreifen handelt und nicht um Chemtrails. Damit ist die Grundthese der Chemtrailianer zusammengebrochen. Weil aber Chemtrails nicht existieren, sind auch alle anderen Aspekte der Verschwörungstheorie gegenstandlos.

Langlebige Kondensstreifen wurden nachweisbar schon ab 1940 beobachtet

Eine Sammlung von Fotos (hier klicken) aus dem zweiten Weltkrieg, zeigt die Kondensstreifen der Kampfflugzeuge. Nach Auffassung der Chemtrailianer begannen die "Chemtrails" ja erst später, angeblich ja um den Treibhauseffekt, bzw. die Überbevölkerung zu bekämpfen. Diese Fotos sind ein eindeutiger Gegenbeweis gegen die Chemtrail-Konspirationshypothese. Die folgenden Ausschnitte, aus dem 1940 erschienenen Heft 44 der Deutschen Akademischen Luftfahrtforschung, machen ebenfalls deutlich, dass die Physik der Bildung der Kondensstreifen bereits 1940 bekannt war. Sie wurden als Gefahr angesehen, weil Militärflugzeuge aufgrund der langen Kondensstreifen leichter zu entdecken waren. Es herrschte ja bereits Krieg.
Wolkenschweifbildung Grafik
Hier wird bereits richtig erkannt, dass Kondensstreifenbildung in Abhängigkeit von Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit steht. Der originale, erklärende Text, in dem von "sehr langen Wolkenschweifen" geschrieben wird, dazu:
Text 1940 Eiswolken

Quelle: Heft 44 der Deutschen Akademischen Luftfahrtforschung aus dem Jahr 1940

Die Chemtrail-Verschwörungstheorie lenkt von echten Problemen ab

Das Problem ist, dass diese Chemtrail Hype vom menschengemachten Treibhauseffekt ablenkt. Und genau darin sehe ich die Gefahr und genau darum wurde meiner Meinung nach diese Verschwörungstheorie in die Welt gesetzt. Da uns nur noch etwa zehn Jahre Zeit bleiben um die 2 Grad Grenze nicht zu überschreiten, können wir uns nicht von so einem Unsinn ablenken lassen.

Tatsächlich sind Kondensstreifen ein wesentlicher Beitrag zur Erderwärmung. Sie verdoppeln in etwa die Klimawirkung des Luftverkehrs. Zitat aus einem Bericht des Instituts für die Physik der Atmosphäre: "Kondensstreifen-Zirren verursachten im Jahr 2002 in etwa einen Strahlungsantrieb von 38 mW/m2. Der Rückgang der natürlichen Bewölkung kompensiert einen Teil (etwa 20%) dieses direkten wärmenden Strahlungsantriebs. Auch unter Berücksichtigung dieses Rückgangs stellt CIC (Contrail Induced Cirrus) die größte Komponente des gesamten Strahlungsantriebs des Luftverkehrs dar (etwa 31 mW/m2). Somit wird das heutige Klima stärker von Kondensstreifen-Zirren erwärmt als von dem gesamten vom Luftverkehr emittierten und in der Atmosphäre seit Beginn der modernen Luftfahrt akkumulierten Kohlendioxid (vorliegende beste Schätzung für 2005: 28 mW/m2)." 4)

Also während das CO2 aus dem Luftverkehr etwa 28 mW/qm Strahlungsantrieb verursachen, tragen die Kondensstreifen zu 31 mW/qm bei. Somit ist die Klimawirkung des Luftverkehrs mehr also doppelt so hoch, wie in unteren Luftschichten. Das ist eigentlich nichts wirklich neues, aber die Erkenntnis wurde nun wesentlich abgesichert. Wie gesagt, das hat nichts mit Chemtrails zu tun, sondern mit der Wirkung des Wasserdampfes in den Verbrennungsabgasen.

Die These, dass mit der Chemtrail-Verschwörungstheorie vom zusätzlichen Treibhauseffekt des Luftverkehrs abgelenkt werden soll, wird auch dadurch unterstützt, dass von den Chemtrailianern meist auch der Vorwurf der "Klimalüge" erhoben wird, d.h. eine angebliche Verschwörung von Klimawissenschaftlern bewusst falsche Angaben zum menschengemachten Klimawandel macht.

Aber was ist mit den Behältern die man immer wieder auf Fotos sieht?

Chemtrailianer zeigen immer wieder Fotos die eine Reihe von Behältern im Flugzeuginnenraum darstellen. Sie vermuten dann, dass diese Chemikalien für das Sprayen von Chemtrails enthalten. Tatsächlich zeigen diese Fotos aber Flugversuchseinrichtungen von Prototypen neuer Flugzeuge. Wenn neue Flugzeugtypen noch keine Musterzulassung bekommen haben dürfen einfach keine Passagiere als Versuchskaninchen mitfliegen. Passagiere haben aber ein Gewicht, ebenso wie die Kabineneinrichtung, also die Sitze, die Küchen, Toiletten usw.. Dieses Gewicht wird simuliert indem Ballast in Form von wassergefüllten Behältern installiert wird. Das Wasser kann man auch zwischen den Behältern hin-und her pumpen um verschiedene Gewichtszustände im Flugzeug zu simulieren.

A380 Flugversuchsausstattung
Flugversuchsausstattung in einem Airbus A380 Prototyp (MSN004). Die Behälter sind mit Wasser gefüllt und simulieren das Gewicht der Passagiere und der Kabineneinrichtung. (Foto: Roger Schultz; Lizenz: CC-BY-2.0)


Nicht nur Airbus verwendet diese Methode für den Flugversuch, sondern auch andere Flugzeughersteller. Dieses Foto zeigt eine Flugversuchsausstattung im vorderen Kabinenteil eines "Boeing 747-8I"- Prototypen. (Foto: Olivier Cleynen; Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Besonders witzig war die Verwendung des folgenden Fotos durch Chemtrailianer, weil es eben wieder Tanks zeigt und diesmal sogar zusammen mit der Bundeskanzlerin, natürlich ist auch das Flight-Test-Ausstattung, dazu aber gleich mehr nach dem Foto:
A350 Flight Test Flieger
Original-Foto von der öffentlichen Webseite der Bundesregierung. Es trägt den Titel "Die Kanzlerin hat Gelegenheit das Innere des neuen Airbus A 350 zu besichtigen...". Das Bild wurde anlässlich eines Besuches der Internationalen Luftfahrtausstellung (ILA) gemacht. (Foto: © Bundesregierung/Denzel)

Ein Flugzeug-Ingenieur sieht hier typische Flugversuchsausstattung, eben wie auf den Fotos oben. Ein Chemtrailianer sieht Behälter die Stoffe zum Chemtrail sprayen enthalten. Zum Zeitpunkt des Besuches der Kanzlerin war übrigens noch kein einziger A350 an eine Fluggesellschaft ausgeliefert worden. Der Flugversuch war ja auch noch nicht abeschlossen. Zu einem späteren Zeitpunkt werden die Behälter wieder ausgebaut und der Prototyp geht dann - zu einem vermutlich günstigeren Preis - an eine Airline. Wie gesagt, die gefüllten Behälter dienen als Balast um die Beladung mit Passagieren und der Innenausstattung, die auf dem Foto ja noch fehlt, zu simulieren. Für den Flugversuch werden verständlicherweise nur wenige Innenausstattungskomponenten eingebaut, da eine Fluggesellschaft eine ganz bestimmte Kabine wünscht, wenn diese dann das Flugzeug übernimmt. Manche Airlines wollen ein Drei-Klassen-Layout, d.h. eine First Class, eine Business Class und eine Yankee Class, manche Fluggesellschaften wollen nur Ein-Klassenlayout, aber immer alles in den speziellen Farben der Airline. Die dritte und vierte Person auf dem Foto - hinter Angela Merkel - sind übrigens Thomas Enders und Fabrice Brégier, Chefs von Airbus. Ein ähnliches Foto, von dem selben Ereignis, gibt es auch auf der Airbus-Webseite.

Über die Leichtgläubigkeit vieler Chemtrailianer

Zu der Auffassung, dass langlebige Kondensstreifen Chemtrails wären, kann man ja nur gelangen wenn man den Unsinn glaubt der einem aufgetischt wird. Häufig wird von Chemtrail-Gläubigen auch das untere Foto als Beweisfoto gepostet, welches aber ursprünglich nur zu dem Zweck "beschriftet" wurde, die Chemtrailianer zu verkohlen, ihre Leichgläubigkeit zu offenbaren und ihren unkritischen Umgang mit manipulierten Informationen. Leichtgläubig veröffentlichte ein Chemtrailianer unter dem Namen Conrebbi ein Video mit diesem Foto - als Beweis - wie peinlich. Wenn man das Bild und den Text betrachtet wird eigentlich schon klar, dass das alles nicht stimmen kann. Dennoch verbreiten die Chemtrail-Gläubigen das Bild und Ihnen wurde es bestimmt auch schon von einem Chemtrailianer auf Ihren facebook-Account gepostet (wenn Sie einen Facebook-Account haben):
Chemtrail Fake
(Grafik: Nequmodiva; Lizenz: CC-BY-SA-2.0)

Das Bild stammt in Wirklichkeit von der Webseite Uncyclopedia und dient der Satire. Siehe dazu auch die Webseite "Chemtrails - Märchen für Erwachsene". Tasächlich handelt es sich bei den Streifen auf dem Bild zum Teil um auskondensierenden Wasserdampf aufgrund des Unterdruckes auf der Flügeloberseite. Bei wasserdampf-übersättigter Luft genügt bei bestimmten Umgebungsverhältnissen, also bei bestimmten Umgebungsdruck, Luftfeuchtig und Temperatur, bereits eine kleine Druckdifferenz um den Wasserdampf kondensieren zu lassen. Diese Zusammenhänge kann man über die Clausius-Clapeyron-Gleichung der Physik bestimmen. Physiker beschreiben die Natur ja in der Sprache Mathematik. Die Regenbogenfarben entstehen durch Lichtbrechung, wie beim Regenbogen, der ja auch durch Lichtbrechung an Wassertröpfchen entsteht.

Was wird tatsächlich versprüht bzw. abgelassen?

Nun bin ich Flugzeugingenieur. Als ich vor 25 Jahren anfing haben wir 3 Flugzeuge pro Monat gebaut, heute bauen wir etwa 50 im gleichen Zeitraum, d.h. mit der Zahl der Flugzeuge müsste auch die Zahl der Kondensstreifen zunehmen und das tun sie auch. Dies ist sicher auch ein Grund, warum die Kondensstreifen heute stärker auffallen als früher.

Zur Technik der Flugzeuge. Von wo aus könnte man sprayen? Es gibt etwa in der Mitte des Rumpfes von Verkehrsflugzeugen einen oder mehrere Drain Masten, über den Flüssigkeiten abgepumpt werden können, z.B. Wasser aus den Waschbecken oder aus der Bilge. Abgepumpt wird in bestimmten Situationen auch der Treibstoff, etwa vor Notlandungen. Dazu gibt es Notablassventile an den Tragflächen. Wird Wasser über den Drain Mast oder Treibstoff über die Notablassventile abgelassen, dann ist dies sichtbar. Treibstoff wird aber nur sehr selten und in Notfällen abgelassen, schließlich ist er teuer. Einige Flugzeugtypen, z.B. die der Airbus A320-Familie, haben keine Notablassventile für den Treibstoff.


Auch kein Chemtrail-Sprayer, aus der Tragfläche eines Airbus A340 wird Treibstoff abgelassen (Foto: Bobmil42)

Militärflugzeuge sind mit der Möglichkeit ausgestattet das feindliche Radar zu täuschen. Dazu verwenden sie sogenannte Düppel: "Düppel bestehen aus leitfähigen Fäden unterschiedlicher Länge. Früher wurden Stanniol-Streifen verwendet, heute handelt es sich meist um metallbedampfte hauchdünne Kunstfasern oder leitfähige Kohlefasern. Sie werden auf unterschiedliche Weise in der Luft verteilt. Wenn ein Radarstrahl das Material trifft, wirken die Fäden als Reflektoren und senden einen Teil der Strahlung zurück. Am effektivsten ist diese Reflexion, wenn die Fäden halb so lang sind wie die verwendete Wellenlänge des Radargeräts." 3) Solche Abwürfe sind auch keine Chemtrails, denn die Wirkung der Düppel beruht auf physikalischen Prinzipien. Sie sind chemisch inaktiv, wenn man davon absieht, dass das Aluminium irgendwann korrodiert. Dennoch könnten sie damit zu tun haben, dass Chemtrails mit Aluminium und Polymeren in Verbindung gebracht werden, da es sich um Aluminium bedampfte Kunststoffteilchen handelt.

Während des Vietnamkrieges wurden, von den US-Streitkräften, Entlaubungsmittel auf vietnamesischen Wald gesprüht. Eines dieser Entlaubungsmittel war das berüchtigte Agent Orange. Wie man auf dem folgenden Foto sieht versprühte man diese Chemikalien aus geringer Höhe, damit sie mit einer wirksamen Konzentration den Wald erreichen. Wären sie in großer Höhe versprüht worden, hätte sie der Wind irgendwohin getragen, aber der Wald wäre verschont geblieben.



Versprühen von Entlaubungsmitteln über vietnamesischem Wald durch das US-Militär, während des Vietnam-Krieges (Foto: US Air Force)

Also, natürlich wird irgendwo immer irgendetwas aus Flugzeugen gepumpt, z.B. Wasser aus einem Drain Mast, oder Chemikalien zur Unkrautbekämpfung, oder Düppel zur Radartäuschung, oder Löschwasser auf Waldbrände. Wenn diese Stoffe am Boden ankommen sollen, fliegen die Flugzeuge aber sehr tief.

Zusammenfassung:

Das Hauptargument gegen die Existens von Chemtrails, das möchte ich hier nochmal ins Gedächnis rufen, ist die Tatsache, dass es langlebige Kondensstreifen gibt, die eben lange zu sehen sind. Dass es solche langlebigen Kondensstreifen gab, seit es Flugzeuge gibt, beweisen auch Fotos aus dem zweiten Weltkrieg. Was wir am Himmel sehen sind Kondensstreifen.

Abschlussbemerkung:

Aus Sicht der Chemtrail-Verschwörungstheoretiker bin ich als Flugzeugingenieur natürlich Teil der Verschwörung, ebenso wie tausende Piloten, Arbeiter welche die Flugzeuge betanken, ebenso wie das Umweltbundesamt oder das Institut für Atmosphärenphysik oder das Max-Planck-Institut für Meteorologie, weil wir die Geheimnisse bewahren und nicht veröffentlichen. Was sie niemals wahrhaben wollen: Die Geheimnisse gibt es nicht und sie sind es die Unsinn erzählen.

Vielleicht haben Sie ja beim nächsten Zusammentreffen mit Chemtrailianern Lust eine Runde Chemtrails-Bullshit-Bingo zu spielen:

Chemtrails Bullshit Bingo


Quellen:

1) Wikipedia

2) Psiram

3) Wikipedia

4) Institut für Physik der Atmosphäre

Sehr gute Argumente findet man auf der Webseite Psiram, welche den meisten bekannten Behauptungen der Chemtrailianer mit sachlichen Argumenten begegnet. Es lohnt sich den Text durchzulesen und die Aussagen der Chemtrailianer damit zu vergleichen.

Buch-Empfehlung: Das Chemtrailhandbuch von Jörg Lorenz

Link-Empfehlung: Chemtrails - Märchen für Erwachsene

Vermeintliche Beweise für "Chemtrails" überprüft - Atmosphärenforscher sehen keine Hinweise auf Chemikalienfreisetzung

 

Artikelhistorie

10.11.2014: Text um die Absätze zur Kondensationslücke hinter dem Triebwerk und zur Flugversuchsausstattung ergänzt. Außerdem Buch- und Link-Empfehlung hinzugefügt.

6.1.2015: Grafik für Chemtrails-Bullshit-Bingo hinzugefügt.

14.1.2015: Angela Merkels Foto von der ILA mit Beschreibung ergänzt. Absatz über die Leichtgläubigkeit vieler Chemtrailianer ergänzt.

28.1.2015: Text und Grafik aus Heft 44 der Deutschen Akademischen Luffahrtforschung, erschienen 1940, ergänzt. Zwischenüberschrift "Langlebige Kondensstreifen wurden nachweisbar schon ab 1940 beobachtet" ergänzt.

30.08.2016: Link auf Scinexx-Artikel "Vermeintliche Beweise für "Chemtrails" überprüft - Atmosphärenforscher sehen keine Hinweise auf Chemikalienfreisetzung" ergänzt.