Ein Prof. Tol warf diese Woche dem Weltklimarat IPCC vor, dass er Panikmache betreiben würde. Das Besondere, Tol ist Wirtschaftswissenschaftler und einer der Leitautoren der Arbeitsgruppe II, deren Bericht in wenigen Tagen veröffentlicht wird. Viele Journalisten konservativer Presseorgane stürzten sich auf diese Nachricht und brachten sie groß heraus. So auch Philip Plickert, der dieses Thema für die FAZ aufgriff. Nur die Frage, ob der IPCC tatsächlich Panikmache betreibt, hat bisher keiner der Journalisten auch nur annähernd geprüft. Darum habe ich mir mal die Mühe gemacht und geschaut ob es vergleichende Untersuchungen zu den IPCC-Berichten der Vergangenheit gibt. Denn, da seitdem schon einige Jahre ins Land gegangen sind müssten sich die Prognosen ja mit der Wirklichkeit vergleichen lassen.

Diese Grafik des National Snow and Ice Data Center zeigt, dass der IPCC schon in seinem Report von 2001 den Rückgang des Meereises total unterschätzt hat. Seine Abschätzungen (grauer Bereich) waren viel optimistischer als die Realität (rote Kurve) (Grafik: © NSIDC)

Plickert schreibt nun in dem FAZ-Artikel: "Kritiker hatten schon früheren Berichten des IPCC vorgeworfen, dass sie übertrieben alarmistische Szenarien prognostizierten." Vorwerfen kann man natürlich vieles, aber stimmt das auch? Prof. Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung wies schon häufiger darauf hin, dass die Prognosen des IPCC eher zu vorsichtig seien als zu alarmistisch. Seine Aussage im Kopf bin ich mal auf die Suche gegangen. Rahmstorf hatte zwei Schlüsselindikatoren des Klimas genannt die vom IPCC in der Vergangenheit unterschätzt wurden: Meeresspiegelanstieg und das Schmelzen des arktischen Eises.

Der dritte Bericht des Weltklimarates IPCC erschien 2001. Dass die darin enthaltenen Aussagen zum Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre korrekt waren, aber die Annahmen zum Temperaturverlauf und zum Meeresspiegelanstieg unterschätzt wurden, beschreiben die renommierten Klimawissenschaftler Anny Cazenave, David E. Parker, James E. Hansen, John A. Church, Ralph F. Keeling, Richard C. J. Somerville und Stefan Rahmstorf in einem gemeinsamen Artikel.  Darin zeigen sie, dass der Temperaturverlauf gerade noch das pessimistischste IPCC-Szenario erfüllt. Die Temperatur stieg von 2001 bis 2007 sehr viel stärker an als in den meisten IPCC-Szenarien prognostiziert wurde.

Ebenso verhielt es sich mit dem Meeresspiegelanstieg. Auch hier war es nur das pessimistischste Szenario welches die Realität bis 2007 beschrieb. Tatsächlich waren also die meisten Prognosen dieser wesentlichen Indikatoren entweder genau richtig, wie beim CO2, oder viel zu niedrig angesetzt, wie beim Temperaturverlauf oder beim Meeresspiegelanstieg. Wer es nicht glaubt mag selbst in den Fach-Artikel schauen. Die Richtigkeit der Rahmstorfschen Aussage, dass auch das Schmelzen des Meereises unterschätzt wurde, beweist eine gemeinsame Veröffentlichung des National Snow and Ice Data Center (NSIDC) und des National Center for Atmospheric Research (NCAR) aus dem Jahr 2007. In der Grafik zu dieser Veröffentlichung (siehe oben) sieht man klar, dass die pessimistischste Prognose des IPCC von der Wirklichkeit weit übertroffen wird, d.h. das arktische Eis schmolz sehr viel schneller als vom IPCC vorhergesagt.

Der vierte Bericht des Weltklimarates erschien 2007. Seitdem sind auch wieder etliche Jahre ins Land gegangen und man kann die Prognosen erneut mit der Realität vergleichen. Der Zeitraum seit 2007 zeichnet sich offensichtlich durch eine extreme Zunahme der arktischen Eisschmelze aus. Klimaschutz-Netz berichtete von der kompletten, nie zuvor erlebten, Eisschmelze Grönlands im Jahr 2012. Im gleichen Jahr erreichte das arktische Meereis auch einen neuen Schmelzrekord. Niemals zuvor war eine so geringe Eisbedeckung beobachtet worden. Das Arctic Monitoring and Assessment Programme stellte aber bereits ein Jahr zuvor in einer Studie fest, dass der Weltklimarat die Eisschmelze unterschätzt hätte. Dort wird z.B. auf Seite VI festgestellt: "This decline in seaice extent is faster than projected by the models used in the IPCC’s Fourth Assessment Report in 2007." Auf Deutsch unvollkommen übersetzt: " Der Rückgang der See-Eisausbreitung geht schneller voran als in den Modellen des vierten Assessment Reports von 2007 projiziert."


Temperturverlauf (rosa) im Vergleich zu den IPCC-Szenarien. Die rote Kurve stellt einen Verlauf dar, aus dem Besonderheiten wie Vulkanausbrüche und El-Ninos herausgerechnet wurden (Grafik aus: Comparing climate projections to observations up to 2011, Anny Cazenave, Grant Foster und Stefan Rahmstorf; Lizenz: CC-BY-NC-SA-3.0)

Nun wird dem IPCC auch immer wieder vorgeworfen, dass er den Anstieg der Atmosphärentemperatur übertrieben hat, aber auch diese ist eher ziemlich genau getroffen worden, wie die obige Darstellung aus einer vergleichenden Untersuchung der Wissenschaftler Anny Cazenave, Grant Foster und Stefan Rahmstorf deutlich macht. Der IPCC hatte, wie beschrieben, schon in seinem Report aus 2001, den Anstieg des Meeresspiegels in den meisten Szenarios unterschätzt. 2007 tat er das wieder, wie die Untersuchung von Cazenave, Foster und Rahmstorf ebenfalls feststellte (siehe Grafik unten). Deutet das nicht eher auf systematische Untertreibung hin?


Meeresspiegelanstieg (rot aus Satelliten-Daten, orange aus Pegelmessungen) im Vergleich zu den IPCC-Szenarien. (Grafik aus: Comparing climate projections to observations up to 2011, Anny Cazenave, Grant Foster und Stefan Rahmstorf; Lizenz: CC-BY-NC-SA-3.0)

Zusammenfassend kann man also feststellen, dass der IPCC mit seinen Reports von 2001 und 2007 eher zu einer Verharmlosung der Situation beigetragen hat. Von Alarmismus kann überhaupt keine Rede sein. Da ist es dann aber schon gut, dass man solche Leute wie Prof. Tol hat, die weit in die Zukunft sehen können und schon heute wissen, dass der noch gar nicht erschienene zweite Teil des fünften IPCC Berichts auf jeden Fall völlig übertriebene Prognosen liefert. Vielleicht sollte der Herr lieber Wahrsager werden.