Auch diesmal hat der Weltklimarat IPCC vermutlich eher untertrieben

Nun ist der Bericht des Weltklimarates komplett. Mit der kürzlich vorgestellten Zusammenfassung seines letzten Berichtes, die in der Presse häufig fälschlich als Neuer Bericht des Weltklimarates bezeichnet wurde, sind die vier Teile des sogenannten Fifth Assessment Report (AR5) nun vollständig. Natürlich werden die Klimawissenschaftsleugner auch diesmal wieder Gift und Galle speien und behaupten es wäre alles Alarmismus. Darum habe ich mir mal die Mühe gemacht und geschaut ob es vergleichende Untersuchungen zu den IPCC-Berichten der Vergangenheit gibt. Denn, da seitdem schon einige Jahre ins Land gegangen sind, müssten sich die Prognosen ja mit der Wirklichkeit vergleichen lassen. Außerdem sind in dem aktuellen Bericht die Hiobsbotschaften der letzten Monate, dass sich die Schmelze Grönlands seit 2009 verdoppelt hat und dass das westantarktische Eisschild unaufhaltsam abschmelzen wird, noch gar nicht enthalten.

Diese Grafik des National Snow and Ice Data Center zeigt, dass der IPCC schon in seinem Report von 2001 den Rückgang des Meereises total unterschätzt hat. Seine Abschätzungen (grauer Bereich) waren viel optimistischer als die Realität (rote Kurve) (Grafik: © NSIDC)

Die Historiker Naomi Oreskes und Erik M. Conway berichten in ihrem Buch "Die Machiavellis der Wissenschaft - Das Netzwerk des Leugnens" von den Angriffen auf den 2. Bericht des Weltklimarates "Second Assessment Report: Climate Change" im Jahre 1995. Führend dabei war der US-Amerikaner Fred Singer. Ein "Wissenschaftler" der vorher bereits die Gefahren des Passivrauchens, des sauren Regens und des Ozonloches geleugnet hatte. In den letzten Jahren ist er aber vor allem durch seinen intensiven Kampf gegen den Weltklimarat IPCC aufgefallen. Man kann wohl sagen, dass er ein Held der Leugner der Klimawissenschaften ist. Dabei war der Bericht des Weltklimarates von 1995 in der Quintessens eher zurückhaltend: "Die Abwägung der Beweise deutet darauf hin, dass es einen wahrnehmbaren menschlichen Einfluss auf das globale Klima gibt." Das war den Leugnern aber bereits zu viel. Singer, der übrigens grundsätzlich nicht die Existenz von Treibhausgasen bestreitet, meinte damals, dass im gesamten 21. Jahrhundert die Erwärmung nicht mehr als 0,5 Grad Celsius, im globalen Durchschnitt, betragen würde. Da wir nun, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, bereits eine Erwärmung von 0,85 Grad Celsius haben, beweist diese Tatsache die Unsinnigkeit der Angriffe von 1995 auf den IPCC. Die CDU Bundestagsabgeordnete Marie-Luise Dött lobte übrigens Singers Auffassungen noch 2010 als "sehr, sehr einleuchtend".

Wie sieht es mit den folgenden Berichten aus. Der dritte Bericht des Weltklimarates IPCC erschien 2001. Dass die darin enthaltenen Aussagen zum Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre korrekt waren, aber die Annahmen zum Temperaturverlauf und zum Meeresspiegelanstieg unterschätzt wurden, beschreiben die renommierten Klimawissenschaftler Anny Cazenave, David E. Parker, James E. Hansen, John A. Church, Ralph F. Keeling, Richard C. J. Somerville und Stefan Rahmstorf in einem gemeinsamen Artikel.  Darin zeigen sie, dass der Temperaturverlauf gerade noch das pessimistischste IPCC-Szenario erfüllt. Die Temperatur stieg von 2001 bis 2007 sehr viel stärker an als in den meisten IPCC-Szenarien prognostiziert wurde. Ebenso verhielt es sich mit dem Meeresspiegelanstieg. Auch hier war es nur das pessimistischste Szenario welches die Realität bis 2007 beschrieb. Tatsächlich waren also die meisten Prognosen dieser wesentlichen Indikatoren entweder genau richtig, wie beim CO2, oder viel zu niedrig angesetzt, wie beim Temperaturverlauf oder beim Meeresspiegelanstieg. Wer es nicht glaubt mag selbst in den Fach-Artikel schauen.

Prof. Stefan Rahmstorf wies auch immer wieder darauf hin, dass die Prognose des IPCC zur Eisschmelze in der Arktis zu optimistisch war. Die Richtigkeit der Annahme, dass auch das Schmelzen des Meereises unterschätzt wurde, bestätigt außerdem eine gemeinsame Veröffentlichung des National Snow and Ice Data Center (NSIDC) und des National Center for Atmospheric Research (NCAR) aus dem Jahr 2007. In der Grafik zu dieser Veröffentlichung (siehe oben) sieht man klar, dass die pessimistischste Prognose des IPCC von der Wirklichkeit weit übertroffen wird, d.h. das arktische Eis schmolz sehr viel schneller als vom IPCC vorhergesagt.

Seinen vierten Bericht veröffentlichte der Weltklimarates im Jahr 2007. Seitdem sind auch wieder etliche Jahre ins Land gegangen und man kann die Prognosen erneut mit der Realität vergleichen. Der Zeitraum seit 2007 zeichnet sich offensichtlich durch eine extreme Zunahme der arktischen Eisschmelze aus. Klimaschutz-Netz berichtete von der kompletten, nie zuvor erlebten, Eisschmelze Grönlands im Jahr 2012. Im gleichen Jahr erreichte das arktische Meereis auch einen neuen Schmelzrekord. Niemals zuvor war eine so geringe Eisbedeckung beobachtet worden. Das Arctic Monitoring and Assessment Programme stellte aber bereits ein Jahr zuvor in einer Studie fest, dass der Weltklimarat die Eisschmelze unterschätzt hätte. Dort wird z.B. auf Seite VI festgestellt: "This decline in seaice extent is faster than projected by the models used in the IPCC’s Fourth Assessment Report in 2007." Auf Deutsch unvollkommen übersetzt: " Der Rückgang der See-Eisausbreitung geht schneller voran als in den Modellen des vierten Assessment Reports von 2007 projiziert."


Temperturverlauf (rosa) im Vergleich zu den IPCC-Szenarien. Die rote Kurve stellt einen Verlauf dar, aus dem Besonderheiten wie Vulkanausbrüche und El-Ninos herausgerechnet wurden (Grafik aus: Comparing climate projections to observations up to 2011, Anny Cazenave, Grant Foster und Stefan Rahmstorf; Lizenz: CC-BY-NC-SA-3.0)

Nun wurde und wird dem IPCC auch immer wieder vorgeworfen, dass er den Anstieg der Atmosphärentemperatur übertrieben hat, aber auch diese ist eher ziemlich genau getroffen worden, wie die obige Darstellung aus einer vergleichenden Untersuchung der Wissenschaftler Anny Cazenave, Grant Foster und Stefan Rahmstorf deutlich macht. Der IPCC hatte, wie beschrieben, schon in seinem Report aus 2001, den Anstieg des Meeresspiegels in den meisten Szenarios unterschätzt. 2007 tat er das wieder, wie die Untersuchung von Cazenave, Foster und Rahmstorf ebenfalls feststellte (siehe Grafik unten). Deutet das nicht eher auf systematische Untertreibung hin?


Meeresspiegelanstieg (rot aus Satelliten-Daten, orange aus Pegelmessungen) im Vergleich zu den IPCC-Szenarien. (Grafik aus: Comparing climate projections to observations up to 2011, Anny Cazenave, Grant Foster und Stefan Rahmstorf; Lizenz: CC-BY-NC-SA-3.0)

Zusammenfassend kann man also feststellen, dass der IPCC mit seinen Reports von 1995, 2001 und 2007 eher zu einer Verharmlosung der Situation beigetragen hat. Von Alarmismus kann überhaupt keine Rede sein.

Auch Prof. Muller von der Universität Berkeley ist der Meinung, dass der IPCC eher verharmlost. Vor kurzem gehörte der Wissenschafter noch zu den Skeptikern des Klimawandels und wollte mit seinem Team die methodischen Fehler bei der Ermittlung der Erdtemperatur aufdecken, die in den bekannten Hockeystick-Kurven ihren Ausdruck findet. Am Ende der Untersuchung musste er zugeben: Die Daten stimmen. Die Hockeystick-Kurven sind korrekt.  In einer weiteren Untersuchung kam er sogar zu dem Ergebnis, dass der Weltklimarat den Einfluß des CO2 unterschätzt hat.

Dass es alles in allem noch viel schlimmer kommen kann, selbst wenn es der Menschheit dereinst gelingt den Ausstoss von Treibhausgasen in die Atmosphäre zu stoppen meint der Klimaphysiker Thomas Frölicher. Dann nämlich wird die Klimaerwärmung nach der Ansicht vieler Wissenschaftler zu einem Ende kommen. Es wäre dann auf der Erde zwar wärmer als vor der Industrialisierung, doch immerhin würde es nicht noch wärmer werden. Klimaphysiker Thomas Frölicher stellt diese Auffassung mit Modellrechnungen infrage und zeichnet in einer in der Fachzeitschrift "Nature Climate Change" veröffentlichten Studie ein pessimistischeres Bild: Laut seinen Modellrechnungen ist es gut möglich, dass die Erwärmung auch nach einem kompletten CO2-Emissionsstopp noch während Jahrhunderten weitergeht und sich die Temperatur erst später auf einem noch höheren Niveau einpendelt. 

Der erste Teil des aktuellen IPCC-Berichtes der den damaligen wissenschaftlichen Kenntnisstand beschreibt, wurde im September 2013 veröffentlicht. Seitdem hat das Klimaschutz-Netz bereits wieder über neue Hiobsbotschaften aufgrund der menschengemachten Erderwärmung berichtet:

Eine kleine Auswahl von Klimaproblemen die im letzten halben Jahr auf der KSN-Webseite behandelt wurden:

Aus dem Gesagten wird auch klar: Es könnte nicht nur schlimmer kommen als der IPCC annimmt, sondern es wird auch schlimmer kommen - wenn die Menschheit sich nicht schnellstens zusammenreisst.

Weitere Informationen zu den bisher erschienenen Teilen des Fünften Reports:

 

Artikelhistorie
4.1.2015: Absätze über Prof. Muller und Klimaphysiker Frölicher ergänzt.

 

Minispende für KSN: