Enten- und Gänsebrut als Ersatzbeute

Biologen zeigen, welche Auswirkungen es hat, wenn die Raubtiere auf das Land ausweichen müssen

Ringelrobben, Walrosse, Fische: Eisbären brauchen fettreiche Nahrung, um die Kälte der Arktis zu überstehen. Ihre Beute erlegen sie meistens auf dem Packeis – doch die Eisdecke schrumpft. Welche Auswirkungen hat es, wenn Eisbären gezwungen sind, neue Nahrungsquellen zu erschließen?

Eisbaer
Ersatzbeute: Ein Eisbär verspeist Vogeleier. (Foto: © Jouke Prop)

Gemeinsam mit einer Gruppe von Forscherinnen und Forschern – unter anderem aus Norwegen, Frankreich, Polen und den Niederlanden – hat der Freiburger Biologe Dr. Benoît Sittler herausgefunden, dass Vogelkolonien von Gänsen und Enten den Raubtieren als Ersatzbeute dienen. Das Team hat die Entwicklung sowohl an der Westküste Spitzbergens/Norwegen als auch an der Ostküste Grönlands beobachtet. „Die Ähnlichkeit deutet darauf hin, dass diese Trends mit großräumigen Vorgängen wie zum Beispiel dem Klimawandel in Verbindung stehen“, sagt Sittler. Die Studie hat das Team soeben in der Fachzeitschrift „Frontiers in Ecology and Evolution“ veröffentlicht.

„Die Packeisbedeckung schrumpft kontinuierlich – dementsprechend sind die an das Packeis gebundenen Tiergemeinschaften betroffen“, erklärt Sittler. Das Team beschreibt den Wandel in den Wanderbewegungen der Eisbären als Folge der veränderten Eisbedingungen. Auffällig ist, dass Eisbären in den vergangenen 15 Jahren im Schnitt 30 Tage früher in Spitzbergen und Ostgrönland ankommen, weil sie immer weniger Zugang zu Packeisflächen haben. Forscher schätzen, dass es im Vergleich zu den 1970er und 1980er Jahren etwa 30 Prozent weniger Packeis gibt, wobei in den vergangenen zehn Jahren eine Beschleunigung des Trends zu beobachten ist: In den Sommermonaten schmilzt das Eis schneller, im Herbst bildet es sich später.

Als Ersatznahrung suchen die Eisbären Brutkolonien von Gänsen und Enten an Land auf, vor allem auf den küstennahen kleinen Inseln wie entlang der Insel Traill im Nordosten Grönlands. In der Regel ist es für Bären leicht, an die nahrhaften Eier in den Nestern zu kommen: Die Vögel fliehen und lassen ihre Brut ungeschützt zurück. Beobachtungen aus Spitzbergen zeigen, dass Bären, die eine Brutkolonie entdeckt haben, wahrscheinlich im darauffolgenden Jahr zurückkehren werden. Dabei erscheinen sie sogar noch früher am Standort, um ihre Ausbeute zu verbessern. Infolgedessen schrumpft der Bruterfolg bei den Vögeln: An manchen Standorten verzehrten die Eisbären bis zu 90 Prozent der Eier, vermuten die Forscher. Diese Schätzungen basieren auf der Aufenthaltsdauer der Eisbären in einem Nestgebiet.

Das Team will nun erforschen, welche Auswirkungen es auf die Eisbären hat, wenn sie auf Vogeleier als Ersatznahrung ausweichen. Zudem wollen die Biologinnen und Biologen untersuchen, ob der Fortbestand von Vogelpopulationen auf Dauer gesichert ist, wenn die Eisbären immer mehr an Land jagen. „Es ist denkbar, dass die Vögel mit der Zeit auf Inseln ausweichen, die für Eisbären nicht zugänglich sind“, vermutet Sittler. „Doch viele Optionen für Orte mit guten Brutbedingungen haben sie nicht.“

Benoît Sittler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur für Landespflege an der Universität Freiburg. Seit 1988 leitet er das „Karupelv Valley Project“. Das Forschungsvorhaben untersucht den Wandel in arktischen Ökosystemen. Im Mittelpinkt des Langzeitprojekts stehen Lemmingzyklen in Grönland.

Originalpublikation:

Jouke Prop, Jon Aars, Bård-Jørgen Bårdsen, Sveinn A. Hanssen, Claus Bech, Sophie Bourgeon, Jimmy de Fouw, Geir W. Gabrielsen, Johannes Lang, Elin Noreen, Thomas Oudman, Benoit Sittler, Lech Stempniewicz, Ingunn Tombre, Eva Wolters, Børge Moe (2015): Climate change and the increasing impact of polar bears on bird populations. Frontiers in Ecology and Evolution. DOI: 10.3389/fevo.2015.00033

Karupelv Valley Project

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

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