Über ein Gespräch im Wald mit Forstamtsleiterin Carmen Barth

„Wir haben jetzt das Waldsterben 2.0. Das Waldsterben der 80er haben wir erstaunlich schnell abgewendet. Emissionen zu filtern, das hat letztendlich jeder schnell verstanden, und das Waldsterben in der prognostizierten Form blieb aus. Nun kämpft der Forst mit dem Klimawandel. Diese Veränderungen werden wir nicht kurzfristig aufhalten können. Das stellt die Gesamtgesellschaft vor viel größere Herausforderungen.“ Carmen Barth wird lauter. Sie geht klar, deutlich und überzeugt auf die Rolle und die Verantwortung der Bürger ein. Verantwortung, die wir als Gesellschaft des 21. Jahrhunderts vielleicht noch nicht bereit sind anzunehmen.

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Abgestorbene Bäume im Westerwald (Foto: Marcel Flor Hoffmann)

Barths Stimme hallt über den Wanderparkplatz „Lichte Eichen“ im Koblenzer Stadtwald unterhalb des Kühkopfes. Warum sich auch zügeln? Es ist ihr Zuständigkeitsbereich. Sie vertritt das Forstmanagement. Sie vereint Ökologie und Ökonomie und wird nicht müde auf die aufgelichteten Waldbestände zu zeigen und auf die großen Kalamitätsflächen im rechtsrheinischen Revier hinzuweisen. Hier standen zuletzt Fichtenmonokulturen, welche zu einer Zeit, in der klimatische Veränderungen bereits wissenschaftlicher Fakt aber noch nicht in ihrer heutigen Bedrohung sichtbar wurden, gesellschaftlicher Konsens waren. Vor wenigen Wochen hat das grün-geführte Landesministerium für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten in Mainz einen Fällstopp beschlossen. Bis zum Herbst 2021 sollen in alten und geschlossenen Buchenwäldern des Staatswaldes keine Bäume älter als 100 Jahre geschlagen werden dürfen. Das Kronendach soll möglichst geschlossen bleiben, um das Ökosystem Wald und sein Mikroklima vor Dürre, Hitze und anderen Extremwetter zu schützen. Was in den Medien davon ankam, war nicht immer hilfreich. Die Deutsche Presseagentur schickte einen Fällstopp bis zum Herbst diesen Jahres über den Ticker, was der zuständige Referatsleiter Georg Josef Wilhelm im Mainzer Ministerium als „widersinnig“ kommentierte. Doch die Meldung war raus.

In der Forstwirtschaft tobt ein Meinungskonflikt

Jeder will mitreden, schnell, gern provokativ, oftmals schlecht recherchiert und zu oft populistisch. Es geht um vieler Deutschen „Liebster Schatz“: Den Wald. Die Themen Waldsterben und Klimawandel sind in aller Munde. Als oft nicht zweckdienlich erfährt die Koblenzer Forstamtsleiterin dieses Medienecho aus Politik und Gesellschaft. „Uns fehlt der Vertrauensvorschuß in der Forstwirtschaft. Romantisierungen von Wald und das Bemühen und Übertragen idyllischer Familienbilder auf beispielsweise Buchen, sind genauso wenig hilfreich, wie der populistische Rat: Nehmt den Förstern den Wald weg!“ Mit diesen Worten verweist Carmen Barth auf zwei ihrer Fachkollegen, Forstingenieur und Bestseller-Autor Peter Wohlleben sowie Knut Sturm, Forstamtsleiter des Stadtwaldes Lübeck. Hier offenbart sich gleich zu Anfang des Gespräches zum Krisenschauplatz Wald ein offensichtlicher Dissens zweier Lager, die in der Forstwirtschaft gerade um die Meinungshoheit ringen.

Die 49-jährige Forstwissenschaftlerin findet keine positiven Worte für Wohlleben und Sturm. Sie leitet seit drei Jahren das Koblenzer Forstamt und ist sich sicher, dass sie und ihre Mitarbeiter die Richtigen im Wald sind. Sie bezeichnet sich selbst etwas selbstkritisch als Technokratin und verzweifelt zunehmend daran, dass das „Geschichten-Erzählen“ nicht zu ihrer Ausbildung gehörte. „Wir bemühen uns zunehmend das zu ändern und trainieren bereits mit professioneller Unterstützung die Präsentation unserer Forstarbeit in ihrer ökonomischen und ökologischen Betrachtung zu steigern. Dennoch machen das andere besser,“ gesteht Barth. So rücke der Fokus in der medialen Betrachtung zum Waldsterben 2.0 nicht auf die tatsächlich stattfindenden Waldschutz und Forstwirtschaftskonzepte, sondern auf die Handvoll prominenter Persönlichkeiten, die die Meinungspole in der Diskussion besetzen. Aus ihren Positionen heraus betreiben diese nicht nur bestenfalls Aufklärung oder polarisierende, kinoreife Unterhaltung, sondern erzeugen damit auch ihren eigenen Markt für ihre Produkte, stellt Barth fest: „Es geht also auch hier ums Geld und Anerkennung und nicht nur um Waldschutz und Wissenschaft.“

Diese Kritik greift jedoch vermutlich zu kurz. Über die persönlichen Motive zur Arbeit der prominenten Förster zu spekulieren ist müßig, ist doch die Konzentration auf ihre Arbeit und wissenschaftliche Haltung zielführender. Wohlleben und Sturm, sowie Pierre Leonhard Ibisch, Biologe und Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, sind die prominenten Vertreter einer Waldschutzpolitik, die sich zum Schutze des Ökosystems Wald, gerade im sich verstärkenden Klimawandel, für mehr unbewirtschaftete und naturnahe Wälder sowie Naturwaldreservate einsetzen. Zudem sind sie Vertreter einer ökologischen Waldwirtschaft. Vielen Forstwirten geht dieser Ansatz zu weit und Widerspruch macht sich stark.

Aktuell steht die Studie eines Teams um Prof. Ernst-Detlef Schulze in der Kritik. Schulze, Pflanzenökologe und ehemaliger Direktor des Max-Planck Institutes für Biogeochemie in Jena, vertritt die Auffassung, dass nachhaltig bewirtschafteter Forst mehr Kohlendioxid speichert als Waldwildnis. Die Studie Schulze et al. (2020a), gefüttert mit Daten des Thüringer Nationalparks Hainich, wurde von einer weiteren Forschergruppe um Thorsten Welle (Naturwaldakademie) stark kritisiert und widerlegt. In einer gemeinsamen Stellungnahme weist die Gruppe um die Herren Welle, Ibisch, Sturm und Wohlleben auf methodische Fehler hin und korrigiert die Studie Schulze et al. (2020a) mit eindeutig höherer Ökosystemleistung zur CO2-Speicherung für den Naturwald.

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Westerwald (Foto: Marcel Flor Hoffmann)

Unschwer zu erkennen: In der Forstwirtschaft tobt ein Meinungskonflikt. Und die Ursachen liegen nicht nur in der Gegenwart, sondern insbesondere in der Vergangenheit. Die Koblenzer Forstamtsleiterin erklärt: „Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden durch die sogenannten Reparationshiebe der Besatzungsmächte große Kahlflächen. Die mussten zum Wiederaufbau der jungen Bundesrepublik zügig mit leistungsstarkem Bauholz aufgeforstet werden. Die Wahl fiel auf die Fichte.“ Der vielversprechende wirtschaftliche Ansatz von damals, erweist sich heute, 70 Jahre später und 1.6 Grad Celsius wärmer, als Sackgasse. Die Forstwirtschaftsplantagen stehen vor dem Aus. „Die Fichte hat bis zum Jahr 2100 zunehmend keine Zukunft mehr in Rheinland-Pfalz. Wir haben hier ein Weinbauklima. Es macht keinen Sinn die sterbenden Altbestände mit Fichte wieder aufzuforsten. Auch die anderen Nadelhölzer, wie die Douglasie und die Weißtanne, sind zwar zukunftsfähiger für den Wirtschaftswald, leiden aber auch bereits unter verschiedenen Schädlingen und der Trockenheit.“

Der Fokus liegt auf der Holzwirtschaft

Auch heute sind in den Wäldern noch Flächen von Neuanpflanzungen mit ausschließlich Douglasie zu erkennen. Tannen und Kiefern will man im Wirtschaftsforst weiterhin nicht missen. Doch erfährt man von Carmen Barth: „Das machen wir heute nur noch auf kleinen Flächen. Seit den großen Stürmen in den 80ern und 90ern setzen wir auf Mischkulturen und Laubholz mit eingemischtem Nadelholz.“ Barth verweist hier auf das rheinland-pfälzische Landeswaldgesetz, in dem die naturnahe und nachhaltige Waldbewirtschaftung im Gesetz verankert ist: Das heutige Verständnis von Nachhaltigkeit wurde maßgeblich vom Weltklimagipfel 1992 in Rio geprägt. Forstwirtschaft heute bedeutet Betreuung und Nutzung unserer Wälder. Die biologische Vielfalt einerseits und andererseits die Produktivität und Vitalität des Waldes zu erhalten, sowie die Fähigkeit, heute und zukünftig wichtige ökologische, wirtschaftliche und soziale Funktionen zu erfüllen und dabei anderen Ökosystemen keinen Schaden zuzufügen, ist geltendes Leitmotiv.

Und doch; der Fokus liegt auf der Holzwirtschaft. Das ist auch der gesellschaftliche Konsens. Bauholz, Holzwerkstoff, auch Brennholz wird unsere Gesellschaft immer nutzen wollen und müssen. Der Sinn und Zweck der Forstwirtschaft muss in diesem Zusammenhang auch gesamtpolitisch eingeordnet werden.

  • Zum einen muss die Frage gestellt werden, ob wir zukünftig weiter Hundertausende Kubikmeter Laub- und Nadelholz dem heimischen Markt entziehen und nach China exportieren wollen und zeitgleich aber kein illegal geschlagenes Holz billig aus Osteuropa importieren möchten.
  • Weiter müssen wir fragen, ob es zielführend ist bis zu 50% des geschlagenen Holzes weiterhin zur Energiegewinnung zu verbrennen, während seit Jahren die nationale Energiewende nicht wirklich in die Gänge kommt.

Es wird sofort deutlich, dass eine konsequente Energiewende und eine begleitende Wald- und Klimaschutzpolitik den Druck aus der Waldwirtschaft nehmen würde, und nur in diesem Zusammenspiel wirtschaftlicher und ökologischer Nutzen entstehen kann. Doch statt klimapolitische Verbundprojekte, sieht man allerorts Überforderungen. Verständlich, aber selbstverschuldet.

Über 40 Jahre politische Passivität im Klimaschutz, hat Jahr für Jahr den Druck im Kessel erhöht

Blicken wir zurück: Schon seit 1977 hatten die hauseigenen Wissenschaftler des Konzerns EXXON die globalen Klimaveränderungen fast exakt prognostiziert. Spätestens nach dem UN Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro, hatte die Weltpolitik alle Motive und Instrumente in der Hand, die globale Energiewende herbeizuführen. Nach dem erfolgreichen Montreal-Protokoll von 1987 zur Rettung der Ozonschicht, schien es möglich mit Hilfe der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) nun auch die gesamte Atmosphäre zu stabilisieren, und somit das Klima und das Leben auf unserem Planeten zu schützen und erneut zu retten.

Doch die mächtigen Lobbyverbände hatten aus den wirtschaftlichen Folgen des Montreal-Protokolls und zahlreichen anderen juristischen Verwerfungen, beispielsweise in der Tabakindustrie, gelernt. Nach den wissenschaftlichen Fakten der frühen 80er Jahre, wurde erst 1997 das Kyoto-Protokoll innerhalb der UNFCCC verabschiedet, welches erst im Jahre 2005 in Kraft trat. Ein Vierteljahrhundert nach dem einsetzenden Konsens, „Treibhausgase aus Verbrennungen fossiler Energieträger heizen unser Klima auf“, einigte sich die Weltgemeinschaft auf völkerrechtlich verbindliche Reduktionsziele von klimawirksamen Emissionen.

Doch auch dieser Prozess blieb stets politisch überschattet. 28 Jahre nach der Erdgipfel von Rio und 43 Jahre nach der wissenschaftlichen Erkenntnis des Exxon-Konzerns zur Existenz des anthropogenen - sprich vom Menschen gemachten - Klimawandels, sind die Treibhausgas-Reduktionsziele des geltenden Übereinkommens von Paris „Paris Agreement 2015“ im Deutschland des Jahres 2020 weiterhin in Gefahr.

Energiewende, Kohleausstieg, Forstwirtschaftswende; Wirtschafts- und Klimaschutzinteressen stehen immer noch hierzulande im Widerstreit. Und während die Gemüter sich seit Jahrzehnten erhitzen, ist der Klimawandel auch in Deutschland längst angekommen und überrascht das Heer der Konfliktparteien mit seinen Auswirkungen auf alle politischen Ebenen. Ob Migration, Energie, Rohstoffe, Wasserwirtschaft, Gesundheit, Arbeitsmarkt, Land-, Forstwirtschaft oder Naturschutz; der Klimawandel ist das alles umklammernde Problem des 21. Jahrhunderts und damit ist die Lösung dieses Problems auch eine gesamtpolitische Chance.

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Westerwald (Foto: Marcel Flor Hoffmann)

Doch über 40 Jahre politische Passivität im Klimaschutz, hat Jahr für Jahr den Druck im Kessel erhöht. Heute drängt die Zeit. Auch im Wald. Kein Wunder, dass in vielen Forstämtern die Lunte brennt. Trotz jahrzehntelanger Erkenntnisse zum Klimawandel, will die Forstwirtschaft dennoch überrascht worden sein. Nach drei Jahren der Dürre in Deutschland, sehen nun auch große Waldflächen des Koblenzer Forstamtes besorgniserregend aus.

Trockenheit und Schädlingsbefall fordern die Forstwirte, die in einigen Bereichen nur noch reagieren können und Schadensbegrenzung betreiben. „Es ist ein Irrtum zu glauben, wir bekämen den Borkenkäfer aus dem Wald, wenn wir große Fichtenflächen fällen. Das Holz muss dann auch raus aus dem Wald. Uns fehlen einfach Personal, Maschinen und Geld. Oftmals lagert das Holz über viele Monate mit dem Käfer weiterhin im Wald. Notfalls verbracht in angrenzende Laubwaldbestände. So findet der geschlüpfte Käfer in seinem Aktionsradius bestenfalls keine Fichte mehr.“ So lange das Holz noch nicht eine gewisse Holztrocknis erreicht hat, lebt der Käfer darin weiter. Nur eine aufwändige Entrindung könnte umgehend den Larven den Lebensraum entziehen.

Barth bestätigt, dass es einerseits darum geht, den wertvollen Rohstoff Holz zu retten und noch - nach Abzug der Arbeitskosten - das Schadholz irgendwie auf dem Markt zu platzieren. Um die Rettung des übrigen Fichtenbestandes geht es im Forstamt Koblenz weniger. Ob Käfer oder Dürre; die Zeit der Fichte in großen Teilen von Rheinland-Pfalz ist ihrer
Überzeugung nach vorbei.

Dass dagegen seit den 90ern die Forstbetriebe bereits verstärkt auf Mischwälder setzen und auch unter zahlreichen sterbenden Fichtenmonokulturen seit geraumer Zeit Laubwald nachwächst, erzählt man dagegen selten. „Das Berufsbild des Waldarbeiters wird sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten stark verändern. Zurzeit steht Ernte und Schadensbegrenzung im Fokus. Aber zukünftig wird es noch mehr um die Pflege und Naturverjüngung von stabilen Misch- und Laubwäldern gehen müssen. Wenn mir ein Klimatologe sagen würde ,Frau Barth, das wird nicht besser bis zum Jahre 2050. Das wird jetzt, mit Schwankungen, Jahr für Jahr schlimmer’, könnte ich natürlich die Flinte ins Korn werfen oder mir eine Kugel durch den Kopf jagen,“ fährt es aus der Forstamtsleiterin heraus.

Den Wald der Zukunft heute realisieren

„Aber nein. Ich bin hier, weil ich der festen Überzeugung bin, dass wir dem Wald als Ökosystem und Wirtschaftswald hier eine Zukunft bringen können. Einerseits steigern wir die Größe der nicht bewirtschafteten Flächen über dem Bundesdurchschnitt. Wir haben längst das 5%-Ziel erreicht, wenn wir alle Lagen, in denen wir nicht wirtschaftlich arbeiten können, inklusive steile Hanglagen, miteinbeziehen.“ Barth verweist hier auf das Ziel der Bundesregierung bis Ende diesen Jahres fünf Prozent des Waldes aus der Bewirtschaftung zu nehmen, um einen klimawirksamen naturnahen Wald mit hoher Biodiversität zu fördern.

„Zeitgleich erfüllen wir das Konzept zum Umgang mit Biotopbäumen, Altbäumen und Totholz (BAT) bei Landesforsten Rheinland-Pfalz. Wir sichern durch Ausweisung von besonderen Baumgruppen, Einzelbäumen und Totholzflächen die Arbeitssicherheit der Forstmitarbeiter und den Gefahrenschutz für Waldbesucher, als auch den Erhalt und die Zunahme von ökologischen Nischen für die Waldflora und -fauna. Aber andererseits bin ich davon überzeugt, dass wir die Bewirtschaftung unseres Waldes brauchen. Solange unsere Gesellschaft den Rohstoff Holz nutzen möchte und wir nicht auf unzertifiziertes Holz aus dem Ausland zurückgreifen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass auch wertvolles Holz nachwächst. Diese Geschichte muss auch erzählt werden. Es verhält sich wie mit dem Metzger und dem Schlachter. Beim Metzger kaufen wir das Fleisch und freuen uns über Qualität und Haltungsform. Aber den Schlachter würdigen wir nicht. Er steht nur für die Tötung des Tieres. Das ist nicht populär.“

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Westerwald (Foto: Marcel Flor Hoffmann)

Es ist jetzt erstaunlich still auf dem Wanderparkplatz „Lichte Eichen“ geworden. Eicheln prasseln auf die Motorhauben einiger PKWs von Waldjoggern. Barth hebt mit ruhigerer Stimme und leichtem Lächeln erneut an: „Sehen Sie, jeder will den Wald nutzen. Insbesondere als Ruheraum, Erlebnisort, Sport- und Wanderfläche. Wir dürfen hier nichts sperren, außer bei Gefahr. Jeder darf 24 Stunden am Tag durch seinen Wald stapfen. Beeren- und Pilzsammler, Schulklassen, gestresste Menschen, die eine Auszeit suchen. Das ist gut so. Doch all diese Menschen stehen auch für einen Konsum, für einen Verbrauch von Energie und Ressourcen, der uns und den Wald seit der Industrialisierung zu diesem Punkt getrieben hat, an dem wir uns heute befinden. Wir müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen: Was ist uns unser Wald wert?“

Und dann geht es um Geld. Geld, um den Wald der Zukunft zu realisieren, um Mitarbeiter zu binden, Flächen zu pflegen statt Holz zu ernten. Es geht um Forstwirtschaftspläne, die zukünftig Verluste einplanen, welche Kommunen tragen und die zugleich weitere Summen aufwenden werden müssen, um die Forstämter für die Aufgaben der Zukunft auszustatten. „Wieso keine CO2-Prämie für Waldflächen einführen? Ein Hektar Wald speichert pro Jahr über alle Altersklassen hinweg ca. 10 Tonnen CO2. Der aktuelle Preis im CO2- Emissionshandel beträgt ca. 25 €.“

Carmen Barth kämpft. Sie steht in der Verantwortung für ein Ökosystem, das nach klimapolitischen Maßstäben 100% klimawirksame Ökosystemleistungen hervorbringen und zeitgleich, nach wirtschaftlichen Maßstäben, gewinnbringend zertifiziertes Holz produzieren soll. Aus diesem Dilemma eine Tugend zu machen sieht sie als ihre Aufgabe. Das unterscheidet sie derzeit auch von Wohlleben, Ibisch und Sturm.

Die lokale Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fordern von ihr Holz. Doch der Wald stirbt. Das Produkt eines Wirtschaftszweiges wird von einer Naturkatastrophe zerstört. Da fällt es zunehmend schwer die Ruhe zu bewahren. Was die Koblenzer Forstamtsleiterin Carmen Barth dennoch mit dem Geschichtenerzähler Peter Wohlleben verbindet, ist wohl die Liebe zu ihrem Wald. Anders wird man ihre Beständigkeit und ihren kraftvollen Optimismus in der schwersten Krise des Deutschen Forstes nicht erklären können.

Quellen:

Studie/Kritik Schulze et al. (2020a):

http://waldproblematik.de/prof-schulze-prof-ibisch/

https://naturwald-akademie.org/forschung/positionen/reaktion-auf-stellungnahme-des-thuenen-instituts-fuer-waldoekosysteme/

https://naturwald-akademie.org/wp-content/uploads/2020/09/NWA-CEEM_WWA_Reaktion_auf_Stellungnahme-des-Thuenen-Instituts_17Sept20_fin.pdf

Export Laubholz nach China:

https://www.forstpraxis.de/waldumbau-fuer-china/

Nachhaltigkeit Landesforsten RLP / Waldschutzgesetz

https://www.wald-rlp.de/de/nutzen/nachhaltigkeit/

https://www.gesetze-im-internet.de/bwaldg/BWaldG.pdf

Kyotoprotokoll:

https://www.bmu.de/themen/klima-energie/klimaschutz/internationale-klimapolitik/kyoto-protokoll/

Paris Agreement:

https://unfccc.int/process-and-meetings/the-paris-agreement/what-is-the-paris-agreement

Montreal Abkommen:

https://www.bmu.de/pressemitteilung/montrealer-protokoll-ozonschicht-erholt-sich/

Klimawandel-Wissenschaft und EXXON-Wissensstand via Umweltbundesamt, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (Prof Stefan Rahmstorf):

https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/378/publikationen/und_sie_erwaermt_sich_doch_131201.pdf

https://scilogs.spektrum.de/klimalounge/uralte-exxon-propaganda-neu-aufgelegt-im-deutschen-wahlkampf/

https://www.youtube.com/watch?v=n3A1-YLt3-g

https://www.pik-potsdam.de/de/institut

Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V., Basisdaten Wald und Holz

https://www.fnr.de/fileadmin/kiwuh/dateien/Basisdaten_KIWUH_web_neu_1.pdf

 

Marcel Flor Hoffmann