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TitelDBH-DE"Widerlegen, aber richtig" wurde von John Cook und Stephan Lewandowsky geschrieben. Es existieren zahlreiche psychologische Studien über Falsch-Informationen. Unglücklicherweise gibt es jedoch keine Zusammenfassung der Literatur, die praktische Regeln enthält, was die effektivsten Methoden sind, deren Einfluss zu minimieren. Dieses Handbuch fasst die Erkenntnisse kurz und leicht verständlich zusammen und wendet sich an alle Kommunikatoren in vielen Bereichen (nicht nur zum Thema Klimawandel), die auf Falschinformationen stoßen.

Einleitung

Gerüchte auszuräumen und falsche Informationen zu korrigieren ist kompliziert. Ein unvorsichtiger Versuch, kann aus Versehen dazu führen, genau das Gerücht zu verstärken, das man eigentlich ausräumen möchte. Um zu vermeiden, dass der Schuss nach hinten losgeht, sollte gekonntes Widerlegen drei wesentliche Anforderungen erfüllen. Als Erstes muss sich die Erwiderung auf die wesentlichen Fakten anstatt auf das Gerücht konzentrieren, um zu verhindern, dass sich die Falschinformation verfestigt. Zweitens sollte jeder Erwähnung des Gerüchts eine eindeutige Warnung vorangestellt werden, damit der Leser weiss, dass die nachfolgende Information falsch ist. Zu guter Letzt sollte die Widerlegung eine alternative Erklärung beinhalten, die wesentliche Bestandteile der ursprünglichen Falschinformation aufgreift.

Das erste Gerücht über das Widerlegen widerlegen

Es versteht sich von selbst, dass demokratische Gesellschaften ihre Entscheidungen aufgrund korrekter Informationen treffen sollten. Bei vielen Themen können sich allerdings in Teilen der Bevölkerung Falschinformationen festsetzen - vor allem dann, wenn spezielle Interessengruppen eine Rolle spielen.1,2 Den Einfluss von Falschinformationen zu begrenzen, ist eine schwierige und komplexe Herausforderung.

Eine häufige Fehleinschätzung über Gerüchte ist die Vermutung, dass man ihren Einfluss eliminieren kann, in dem man den Leuten einfach mehr Informationen an den Kopf wirft. Bei dieser Herangehensweise wird davon ausgegangen, dass falsche Wahrnehmungen in der Bevölkerung durch fehlendes Wissen entstehen und die Lösung deshalb in zusätzlicher Information besteht - in wissenschaftlichen Erörterungen wird dies als “Modell des Informationsdefizits” bezeichnet. Dieses Modell ist jedoch falsch: Menschen verarbeiten Informationen nicht so einfach wie eine Festplatte, auf die Daten heruntergeladen werden.

Um falsche Informationen zu widerlegen, muss man sich mit komplexen Denkprozessen beschäftigen. Um erfolgreich Wissen zu vermitteln, müssen Redner verstehen, wie Menschen Informationen verarbeiten, wie sie ihr bestehendes Wissen aktualisieren und wie ihre Weltanschauung ihre Fähigkeit beeinflusst, rational zu denken. Es spielt nicht nur eine Rolle, was Menschen denken, sondern auch, wie sie denken.

Lassen Sie uns zunächst klarstellen, was wir mit der Bezeichnung “Falschinformation” meinen: wir verwenden es für jede Art von erhaltener Information, die sich als falsch herausstellt. Dabei ist es unerheblich, warum und wieso dieses Wissen erworben wurde. Uns geht es um die kognitiven Prozesse die steuern, wie Menschen Korrekturen von Informationen verarbeiten, die sie irgendwann erhalten haben. Wenn Sie herausfinden, dass etwas, das sie glauben, falsch ist, wie bringen Sie Ihr Wissen und Ihre Erinnerungen auf den neuesten Stand?

Sobald Menschen falsche Informationen erhalten haben, ist es sehr schwierig deren Einfluss wieder zu entfernen. Dies wurde 1994 mit einem Experiment gezeigt, bei dem die Probanden zunächst Falschinformationen über ein erfundenes Lagerhausfeuer erhielten. Anschließend wurden die falschen Teile der Geschichte richtig gestellt.3 Obwohl sie sich die Korrektur merkten und sie auch akzeptierten, zeigten die Testpersonen doch Nachwirkungen, da sie sich beim Beantworten von Fragen auf die Fehlinformationen bezogen.

Ist es möglich, den Einfluss von falschen Informationen komplett zu eliminieren? Indizien sprechen dafür, dass unabhängig davon, wie vehement und wiederholt wir falsche Informationen korrigieren - z. B. dadurch, dass die Richtigstellung immer und immer wieder wiederholt wird - ihr Einfluss doch erkennbar bleibt.4 Die alte Weisheit stimmt - etwas Dreck bleibt immer hängen.

Es gibt auch noch eine zusätzliche Komplikation. Es ist nicht nur schwierig, fehlerhafte Informationen zu neutralisieren - ein Gerücht auszuräumen, kann dieses in den Köpfen der Leute sogar verstärken. Verschiedene “Bumerang-Effekte” sind beobachtet worden, die sich dadurch ergeben, dass Gerüchte geläufiger werden,5,6 dass zu viele Argumente aufgezählt werden,7 oder dass Beweise vorgebracht werden, die unsere Weltanschauung ins Wanken bringen.8

Das Allerletzte, das Sie beim Widerlegen von falschen Informationen machen möchten, ist sich einfach darauf zu stürzen und dadurch alles noch schlimmer zu machen. Dieses Handbuch hat deshalb einen ganz bestimmten Fokus: Praktische Tipps zum effektiven Widerlegen von Fehlinformationen geben und aufzeigen wie man dabei die verschiedenen “Bumerang-Effekte” vermeidet. Um dies zu erreichen, ist ein Verständnis der relevanten Denkprozesse notwendig. Wir erklären einige der interessanten psychologischen Untersuchungen auf diesem Gebiet und zeigen zum Schluss ein Beispiel für eine gekonnte Erwiderung auf einen häufig zitierten Mythos.

 

Die weiteren Teile der Serie finden Sie hier.
Das komplette Handbuch kann auch kostenlos als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Zuerst erschienen auf  Skeptical Science.


Quellenangaben

  1. Jacques, P. J., & Dunlap, R. E. (2008). The organisation of denial: Conservative think tanks and environmental skepticism. Environmental Politics, 17, 349-385.
  2. Oreskes, N., & Conway, E. M. (2010). Merchants of doubt. Bloomsbury Publishing. 
  3. Johnson, H. M., & Seifert, C. M. (1994). Sources of the continued influence effect: When discredited information in memory affects later inferences. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 20 (6), 1420-1436.
  4. Ecker, U. K., Lewandowsky, S., Swire, B., & Chang, D. (2011). Correcting false information in memory: Manipulating the strength of misinformation encoding and its retraction. Psychonomic Bulletin & Review, 18, 570-578.
  5. Skurnik, I., Yoon, C., Park, D., & Schwarz, N. (2005). How warnings about false claims become recommendations. Journal of Consumer Research, 31, 713-724.
  6. Weaver, K., Garcia, S. M., Schwarz, N., & Miller, D. T. (2007). Inferring the popularity of an opinion from its familiarity: A repetitive voice sounds like a chorus. Journal of Personality and Social Psychology, 92, 821-833. 
  7. Schwarz, N., Sanna, L., Skurnik, I., & Yoon, C. (2007). Metacognitive experiences and the intricacies of setting people straight:Implications for debiasing and public information campaigns. Advances in Experimental Social Psychology, 39, 127-161.
  8. Nyhan, B., & Reifler, J. (2010). When Corrections Fail: The Persistence of Political Misperceptions. Political Behavior, 32, 303-330.