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Rede zum "Mobil ohne Auto"-Tag 2010

Posted by Udo (udo schuldt) on [PUBL_DATE]
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Liebe Freundinnen, liebe Freunde,

als 1991 amerikanische und britische Soldaten in Kuwait eingesetzt wurden um gegen die irakische Armee zu kämpfen, die das Land zuvor besetzt hatte, riefen die Demonstranten „Kein Blut für Öl!“, denn niemand wollte glauben, dass es dort um die Verteidigung der Freiheit ging. Auch im Irak-Krieg wurde der Slogan „Kein Blut für Öl!“ von den Friedensdemonstranten skandiert. Öl ist nun mal der Grundstoff für Benzin und Diesel und Kunststoffe, und der enorme Verbrauch verringert die Rohstoffressourcen und erhöht den Preis. Seit den 1980er Jahren wurden für jedes neu gefundene Barrel Öl etwa vier Barrel der Erde entnommen. Obwohl die Technologien bei der Suche nach Erdöl stetig präziser wurden, findet man heute nicht mehr genug um die erschöpften Lagerstätten zu ersetzen. Momentan fließen gigantische Mengen Öl in das Wasser des Golfs von Mexiko, weil immer riskantere Fördermethoden verwendet werden, da die Vorkommen immer schwerer zu erschließen sind. Unfälle mit immer schwerwiegenderen, unbeherrschbaren Folgen für Mensch und Natur sind infolge dieses Risikos daher zukünftig immer häufiger zu erwarten.


Radeln für den Frieden; Foto: Udo Schuldt; CC3.0 by-nc-sa

Kürzlich wurde bekannt, dass in Afghanistan enorme mineralische Rohstoff-Reserven liegen. Daran wird erkennbar, dass Afghanistan nicht nur als Transferland für Gaspipelines von strategischer Bedeutung ist. Mineralische Rohstoffe werden auch für Fahrzeuge benötigt. Kupfer für die Leitungen, Eisen und Aluminium für die Karosserie, Lithium für Batterien. All das findet man in Afghanistan. Könnte das auch ein Grund für den Militäreinsatz dort sein? 

Die Abhängigkeit unserer Wirtschaft und der Automobilindustrie vom Öl und Rohstoffen führte in der Vergangenheit bereits dazu, dass in den verteidigungspolitischen Richtlinien ausgeführt wurde, dass die Bundeswehr zur Sicherung der Rohstoffe - und der Lieferungen global einsetzbar sein müsse.

Natürlich verurteilen wir so eine Militärdoktrin, aber wir erkennen auch, dass der zunehmende Energie- und Rohstoff-Verbrauch, auch der des Verkehrs, eine Gefahr für den Frieden darstellt, denn erhält das Wirtschaftssystem nicht mehr die benötigten Rohstoffe gerät es in eine schwere Krise.

Kraftfahrzeuge stoßen auch CO2 aus und tragen dadurch zum Treibhauseffekt bei. Wie Harald Welzer in seinem Buch „Klimakriege“ sehr klar beschrieb, ist der Klimawandel auch eine mögliche Kriegsursache, denn die Erwärmung fördert die Wüstenbildung, macht Urwälder zu Steppen und viele bereits trockene Gegenden noch trockener. Dies hat Auswirkungen auf die Erzeugung von Nahrungsmitteln. Langfristig ist damit zu rechnen, dass viele landwirtschaftlichen Flächen immer unfruchtbarer werden und immer weniger Nahrungsmittel erzeugen, bei gleichzeitig steigender Weltbevölkerung. An anderen Stellen werden hingegen sintflutartige Regenfälle zu enormen Ernteschäden führen.

Gegenwärtig hungern über eine Milliarde Menschen. Angesichts dieser Tatsache kann auch die Herstellung von Agrarsprit für Autos eine Quelle von Hungerkonflikten sein. Ein gerade erschienener Bericht der Welternährungsorganisation FAO sagt einen Anstieg der Nahrungsmittelpreise um etwa 40% für die nächsten 10 Jahre voraus. Als wesentliche Ursache für den Preisanstieg wird in dem Bericht auch die Agrospritproduktion genannt, weil der Nahrungsmittelproduktion Flächen entzogen werden und weil der Nahrungsmittelpreis, über die Agrosprit-Erzeugung, mit dem Anstieg des Ölpreises verbunden ist. Angesichts dieser Tatsachen kann die Herstellung der Treibstoffe vom Acker eine Quelle von Hungerkonflikten sein, wenn landwirtschaftliche Flächen für Agrosprit statt für Nahrungsmittelanbau genutzt werden. Konflikte können dann auch in Bürgerkriege münden.

Die in Südamerika stattfindenden Vertreibungen von Kleinbauern um Platz für Zuckerrohr-Monokulturen zu schaffen – für Agroethanol als Benzinersatz - sind ebenfalls äußerst unfriedlich.

Ganz nah am Bürgerkrieg ist auch die Situation im Nigerdelta in Nigeria. In der Vergangenheit kam es dort immer wieder zu Militäreinsätzen der nigerianischen Armee, weil die dortige Bevölkerung gegen die Zerstörungen der Erdölförderung protestierte. Das Land im Nigerdelta ist massiv durch die Ölproduktion verschmutzt und beeinträchtigt das Leben der Menschen dort.

Fahrradfahren für den Frieden bedeutet daher einen Protest gegen die Bundeswehrdoktrin, aber auch die Forderung nach einer Politik, die friedliche und sanfte Verkehrsmittel fördert. Dafür ist das  Fahrrad ein Symbol.

Nicht zuletzt verbrauchen die Fahrzeuge der Bundeswehr, z.B. Panzer, Fregatten und Kampfflugzeuge auch riesige Mengen an Treibstoffen und tragen dadurch zu den geschilderten Problemen bei.

Dennoch, in diesem Fall kann unsere Forderung nicht lauten die Bundeswehr aufs Fahrrad zu setzen, sondern sie muss gänzlich weg.

Was kann der Einzelne tun. Wenn man auf das Auto angewiesen ist, sollte man das Motto „mein Auto steht so oft es geht !“  beherzigen und öffentliche Verkehrsmittel und das Fahrrad benutzen. Agrosprit ist keine Alternative, weniger schädlich ist da eher Autogas. Setzt euch auch gegenüber den Parteien für eine Friedenspolitik ein, welche auch die Kriegsursachen Nahrungsmittelknappheit durch Agrosprit, Klimawandel und Rohstoffknappheit benennt und kämpft für Systeme die weniger auf Verbrauch und Verschwendung ausgelegt sind.

Dieser Tage sagte eine Freundin von mir: „Wem gehört eigentlich der Wind? Und die Sonne? Würden sich die Staaten auch um solche Ressourcen streiten? Ich halte fast alles für möglich. Sogar den Frieden. Irgendwann.“

In diesem Sinne lasst uns heute für den Frieden radeln, damit das „Irgendwann“ näher kommt.

Last changed: 20.06.2010 at 09:45:00

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