Neuer Climate Transparency-Report sieht deutlich zu wenig Fortschritte bei Klimaschutz in G20-Staaten für 1,5 Grad-Limit +++ Einige große Länder emittieren sogar mehr als vor der Pandemie +++ Großbritannien in vielen Bereichen vorn – anders als Deutschland +++ Großer Handlungsbedarf für neue Regierung

Berlin. Gut zwei Wochen vor dem G20-Gipfel und dem Beginn der UN-Weltklimakonferenz in Glasgow zeichnet ein heute erschienener Report ein besorgniserregendes Bild beim Klimaschutz der größten Industrie- und Schwellenländer. Der Bericht der internationalen Partnerschaft Climate Transparency1) kommt zu dem Schluss, dass die bisherigen Fortschritte aller G20-Staaten deutlich zu klein sind, um das 1,5 Grad-Limit des Pariser Klimaabkommens einzuhalten. Die Lage habe sich mit Abflauen der Corona-Pandemie sogar noch verschlimmert. Erstens steigen die Emissionen überall und drohen zum Teil die Werte von 2019 sogar zu übertreffen. Zweitens ist bisher nur ein Bruchteil der Corona-Wiederaufbauhilfen in nachhaltige Bereiche investiert worden worden (300 Milliarden von 1,8 Billionen US-Dollar).

cover ctreport 2021

© Germanwatch

Jan Burck von Germanwatch, einer der Autoren des Reports: “Der sogenannte Rebound-Effekt – das Wieder-Hochschnellen der Emissionen nach einem deutlichen Rückgang in der Corona-Krise – fällt sehr groß aus. Wenn die G20-Staaten jetzt nicht sehr zügig gegensteuern und Maßnahmen umsetzen, die deutliche Emissionsminderungen noch vor 2030 erreichen, droht das 1,5 Grad-Limit unerreichbar zu werden.”

Nach dem Tief der Emissionen 2020 steigen die Werte fast überall wieder an. Argentinien, China, Indien und Indonesien werden den Prognosen zufolge sogar schon in diesem Jahr ihre Vorkrisen-Emissionen von 2019 übertreffen. Die 19 Staaten plus EU spielen eine Schlüsselrolle bei der Abwendung einer gefährlichen Eskalation der Klimakrise, da diese Gruppe für gut 75 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich ist.

Report ist weltweit umfassendste Analyse aller klimaschutzrelevanten Daten der G20

Dies sind einige der Kernergebnisse des Climate Transparency-Reports, der weltweit umfassendsten jährlichen Analyse der Klimaschutzmaßnahmen der G20 und ihrer Fortschritte auf dem Weg zur Klimaneutralität: Zwar steigt der Anteil von Solar- und Windenergie an der Energieversorgung zügig, aber auch der Verbrauch von Kohle - insbesondere in China - und Gas nimmt wieder zu. Aktuellen Prognosen zufolge werden Erneuerbare Energien bis Ende dieses Jahres knapp 30 Prozent des Stromverbrauchs in den G20-Staaten abdecken. Dennoch steigt auch der Kohleverbrauch im laufenden Jahr um geschätzt 5 Prozent, der Gasverbrauch in den G20-Staaten ist bereits zwischen 2015 und 2020 um 12 Prozent gestiegen. Überdies ist keines der Klimaziele der G20-Mitglieder ausreichend für das Einhalten des 1,5 Grad-Limits.

Auffällig: Deutschland sticht in fast keinem Bereich als Vorreiter hervor. Während Großbritannien zum Beispiel bei einem Vergleich der Klimaschutzmaßnahmen in den verschiedenen Sektoren in fünf von neun Bereichen zur Spitze gehört, schafft es Deutschland kein einziges Mal in die höchste Kategorie. Beim Ausstieg aus den fossilen Verbrennermotoren erhält Deutschland sogar gemeinsam mit Australien und Russland die schlechteste Bewertung. Auch bei den Klimazielen der G20 erhält nur Großbritannien das Urteil “fast ausreichend” für das 1,5 Grad-Limit. Deutschland und die EU liegen dahinter.

“Viele andere G20-Staaten haben in den vergangenen Jahren größere Schritte gemacht als Deutschland”, erläutert Burck. “Sie haben sich zum Beispiel ehrgeizigere Ziele gesetzt beim Ausstieg aus Kohle und fossilen Verbrennungsmotoren, waren zuletzt deutlich engagierter als Deutschland beim Ausbau von Wind- und Solarenergie. Sie haben bei der Verkehrswende Fortschritte gemacht und haben zum Teil eine effektivere CO2-Bepreisung. Unter den europäischen Industrienationen der G20 schneidet Deutschland in vielen Bereichen schwach ab. Dies wiegt umso schwerer, wenn man bedenkt, dass selbst die Fortschritte der besseren G20-Staaten noch nicht für das Einhalten des 1,5 Grad-Limits ausreichen.”

Bisherige Klimaziele der G20 würden zu Erderhitzung um 2,4 Grad führen

Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von Germanwatch: “Für die nächste Bundesregierung bedeutet dieser Befund, dass sie ein Sofortprogramm beschließen muss, das zu einer wirklichen und schnellen Wende der Emissionsentwicklung führt. Vor allem im Verkehrs-, Gebäude-, Industrie- und Agrarbereich sind ambitionierte Schritte nötig, aber auch der Kohleausstieg muss auf 2030 vorgezogen werden.”

Auch mit dem bisherigen Verzicht auf ein klares Enddatum für fossile Verbrennungsmotoren in Neuwagen gebe Deutschland im Vergleich mit immer mehr G20-Staaten kein gutes Bild ab.

Immerhin 14 G20-Staaten, die für insgesamt gut 60 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich sind, hatten sich bis September explizit zum Ziel der Klimaneutralität bekannt. Ebenfalls bis September dieses Jahres hatten 13 G20-Länder bei den UN aktualisierte Klimapläne eingereicht, darunter haben bislang sechs ihre Klimaziele für 2030 verbessert. Bei vollständiger Umsetzung würden die bis April eingereichten Ziele der G20-Regierungen aber immer noch zu einer Erwärmung von 2,4 Grad bis Ende des Jahrhunderts führen, warnen Experten.

„Diese Zahlen erhöhen noch einmal den Handlungsdruck auf die Staaten vor dem G20-Gipfel und der direkt anschließenden Weltklimakonferenz“, betont Bals. „Die Zeit, die Lücke zum 1,5 Grad-Limit zu schließen, verrinnt schnell.“

Nur bei “grünen” Corona-Konjunkturhilfen schneidet Deutschland relativ gut ab

Die meisten G20-Mitglieder (ausgenommen die EU, da die Verwendung der für 2021 – 2027 geplanten Mittel noch nicht klar ist) verpassen auch Chancen im Zusammenhang mit Corona-Konjunkturpaketen. Nur 300 Mrd. der insgesamt 1,8 Billionen USD sind bisher in den "grünen" Aufschwung geflossen, während fossile Brennstoffe weiterhin subventioniert werden. In diesem Bereich gehört Deutschland zu den etwas positiveren Ausnahmen. Knapp 50 Prozent der Konjunkturhilfen können als “grün” bezeichnet werden, das heißt, diese Investitionen können helfen, Emissionen zügiger zu reduzieren. Nur Kanada mit rund 75 Prozent schneidet noch deutlich besser ab.

Ausgewählte Zahlen aus dem Bericht:

  • Aufgrund der COVID-19-Pandemie sind die energiebedingten CO2-Emissionen im Jahr 2020 um 6 Prozent zurückgegangen. Für 2021 wird jedoch ein Anstieg der CO2-Emissionen in der gesamten G20 um 4 Prozent prognostiziert, wobei Argentinien, China, Indien und Indonesien ihre Emissionswerte von 2019 voraussichtlich übertreffen werden.
  • Von 2019 bis 2020 stieg der Anteil der Erneuerbaren Energien an der gesamten Primärenergieversorgung (TPES) in der G20 von 9 auf 10 Prozent, Prognosen zufolge wird der Anteil 2021 auf 12 Prozent steigen.
  • Zwischen 2015 und 2020 stieg der Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix der G20 um ein Fünftel und erreichte 2020 einen Anteil von 28,6 Prozent an der Stromerzeugung der G20. Prognosen zufolge wird er im laufenden Jahr 29,5 Prozent erreichen.
  • Der Kohleverbrauch wird Prognosen zufolge in diesem Jahr um fast 5 Prozent steigen, wobei sich dieses Wachstum auf China (61 Prozent des Wachstums), die USA (18 Prozent) und Indien (17 Prozent) konzentriert.
  • 2018 und 2019 stellten die G20-Mitglieder im Schnitt 50,7 Mrd. US-Dollar pro Jahr an öffentlichen Finanzmitteln für fossile Brennstoffe bereit. Die höchsten Mittel stellten Japan (10,3 Mrd. US-Dollar pro Jahr), China (knapp über 8 Mrd.) und Südkorea (knapp 8 Mrd.) zur Verfügung. Deutschland kam auf knapp 5 Mrd. US-Dollar, fast die Hälfte davon für den Kohlesektor.
  • Frankreich ist das einzige G20-Mitglied, dessen CO2-Preis im Jahr 2020 über dem Schwellenwert von 40 US-Dollar pro Tonne CO2e lag, der von der Hohen Kommission für Kohlenstoffpreise bis 2020 empfohlen wurde. 13 G20-Mitglieder haben mittlerweile eine nationale CO2-Bepreisung eingeführt, vier weitere diskutieren dies aktuell.

Internationale Energieagentur drängt Staaten zu schnellerem Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas

  • Auch die Internationale Energieagentur drängt Staaten zu schnellerem Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas.
  • World Energy Outlook zeigt: Nächste Bundesregierung muss Ausbau der Erneuerbaren Energien sowie der Energieeffizienz massiv beschleunigen.

Der gestern von der Internationalen Energieagentur (IEA) veröffentlichte World Energy Outlook unterstreicht nach Einschätzung von Germanwatch ebenso, dass der Abschied von Kohle, Öl und Gas deutlich zügiger erfolgen muss als bisher geplant. Der für Politik und Wirtschaft wegweisende Bericht hat erstmals die Einhaltung des 1,5 Grad-Limits aus dem Pariser Klimaabkommen ins Zentrum der Analyse gesetzt.

„Der Bericht der allgemein als konservativ eingeschätzten Internationalen Energieagentur ist ein großer Sprung. Für Entscheidungsträger und Investoren kann es nur eine Interpretation geben: Die Umsetzung des Klimaschutzes muss sich deutlich beschleunigen“, sagt David Ryfisch, Teamleiter für Internationale Klimapolitik bei Germanwatch.

Lösungen zur Einhaltung des 1,5 Grad-Limits seien größtenteils schon heute die wirtschaftlichste Alternative, welche die Kosten für Verbraucher:innen effektiv senken würden, so der World Energy Outlook.

„Der Bericht zeigt, dass sich weltweit die Ausbaugeschwindigkeit der Erneuerbaren Energien verdoppeln muss. Ebenso muss die Energieeffizienz global doppelt so schnell gesteigert werden wie im vergangenen Jahrzehnt. Das ist auch ein eindeutiges Zeichen an die Sondierungen in Berlin: Die nächste Bundesregierung muss den Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Verbesserung der Energieeffizienz massiv beschleunigen – zum Wohle des Klimas, aber genauso der deutschen Verbraucher sowie der Wirtschaft“, so Ryfisch weiter. „Der Bericht zeigt eindeutig, dass jegliche Investition in Kohle-, Öl- oder Gasförderung weltweit mit dem Pariser Abkommen nicht vereinbar ist. Die nächste Bundesregierung muss auch ihre Entwicklungs- und Exportfinanzierung daran ausrichten."


1) Hintergrund Climate Transparency

Climate Transparency ist eine internationale Partnerschaft, die Expertinnen und Experten von 16 Forschungsorganisationen und NGOs aus 14 G20-Ländern zusammenbringt. Aus Deutschland sind Germanwatch, HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform, Climate Analytics und NewClimate Institute Teile des Netzwerks.

Der Climate Transparency-Report (2015 bis 2019 "Brown to Green-Report") ist der weltweit umfassendste jährliche Bericht über die Klimamaßnahmen der G20-Länder und ihren Übergang zu einer Null-Emissions-Wirtschaft. Die unabhängige, vergleichende Bewertung stützt sich auf die neueste Analyse international renommierter Datensätze wie die der OECD, der Weltbank, Climate Action Tracker und der IEA, sowie auf qualitative Daten von führenden Expert:innen auf diesem Gebiet. Die Analyse umfasst 100 Indikatoren für Klimaanpassung, -risiken, -schutz und -finanzierung, die mit globalen 1,5 °C-Benchmarks verglichen werden. Sie will sowohl gute Strategien als auch Schwächen transparent machen. Der Report wird durch ausführliche Länderberichte ergänzt. Dies ist die siebte Ausgabe des Reports.

 

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