Kürzlich führte ich auf Twitter eine Debatte zur Verkehrswende. Etwas provokativ hatte ich angemerkt, dass der Autoverkehr zurückgedrängt werden könnte, wenn man ihn richtig unbequem und teuer machen würde, dafür aber das Fahrradfahren richtig bequem. Außerdem sollte die Anschaffung eines Fahrrades mit 2000 Euro aus öffentlichen Mitteln subventioniert, sowie weitere 7000 Euro pro gekauftem Fahrrad in die Fahrradinfrastruktur gesteckt werden. Angesicht von 9000 Euro Subventionen für den Kauf von E-Autos wäre das nur gerecht. Wie nicht anders zu erwarten gab es zu dieser Forderung neben einigen Likes auch Widerspruch.

Mein Fahrrad
Mein Fahrrad (Foto: Udo Schuldt)

Auslöser der Diskussion war die Frage eines Twitter Users. Er wollte wissen, warum einerseits Millionen Menschen Fitness-Studios besuchen, aber selbst kurze Entfernungen mit dem Auto fahren würden. Obendrein hätte er auf dem Weg zur Uni auf den ersten 10 km niemanden auf dem Fahrrad getroffen, aber jede Menge Autos. Als Antwort auf das Warum gab ich dann meine oben genannten Ausführungen zum Besten.

48 % aller mit dem Auto gefahrenen Arbeitswege sind kürzer als 10 km

Tatsächlich ist es so, dass, nach Selbstauskunft von Verkehrsteilnehmenden, 48 % aller mit dem Auto gefahrenen Arbeitswege - in Deutschland - kürzer als 10 km sind. Das hat das statische Bundesamt in einem kürzlich veröffentlichten Text festgestellt.

Mit dieser Tatsache kann man schon mal Argumente entkräften, dass die Mehrheit des autofahrenden Publikums große Entfernungen mit dem Auto pendeln müsste, um zur Arbeit zu kommen. Eine Entfernung von weniger als 10 km ist nämlich eigentlich die ideale Fahrradentfernung. Selbst untrainierte Menschen bräuchten dafür gerade mal höchstens eine halbe Stunde. Und wenn mensch das dann fast täglich macht, ist mensch sowie anschließend gut trainiert.

Es wurde eingewendet, dass viele Menschen gesundheitlich nicht dazu in der Lage wären. Nun bin ich selbst aktuell gehbehindert, da ich kürzlich einen Oberschenkelhalsbruch hatte. Gehen ist immer noch schlecht, aber Fahrradfahren geht gut. Darüber hinaus wurde mir das Fahrradfahren als Therapie geradezu von meinem Orthopäden angepriesen.

Reha Parkplatz
Die Parkplätze vor der Reha-Einrichtung sind voll (Foto: Udo Schuldt)

Auch in der Reha, wo ich auf Charaktere mit vielen unterschiedlichen Gehbeschwerden, von künstlichen Kniegelenken, über künstliche Hüftgelenke bis hin zu Oberschenkelhalsbrüchen traf, wurden die meisten als allererstes auf den Fahrrad-Heimtrainer gesetzt. Damals konnte ich zwar noch keine Schritte ohne Krücken machen, aber schon Fahrrad-Heimtrainer fahren. Allerdings muss man sicher stehen und auch einige Schritte gehen können bevor man sich mit dem Fahrrad in den Verkehr wagt.

In meiner Nachbarschaft gibt es nur wenige Personen mit Gehbehinderung, einige von ihnen benutzen das Fahrrad. Eine hat ein Dreirad, ein anderer fährt mit einem Damenrad und seine Krücken sind am Fahrrad befestigt. Selbstverständlich bestreite ich nicht, dass es auch Menschen mit einer Gehbehinderung gibt, die aufs Auto angewiesen sind. Gerade diesen Menschen könnte der Verkehr aber auch erleichtert werden, wenn sie Parkplätze finden würden die in der Nähe ihres Ziels liegen. Diese sind aber häufig bereits vollgeparkt.

Autos parken auf der Fahrbahn, dabei gibt es oft  woanders genügend Parkplätze

Überhaupt ist das rumstehende Blech in den Städten eines der größten Probleme. Abgesehen von Menschen mit Behinderung ist es auch für Lieferdienste schwer einen Parkplatz zu finden. Aus der Not heraus parken diese dann wirklich oft auf den Fußwegen, zum Nachteil von mit dem Rollstuhl fahrenden Menschen und Personen mit Kinderwagen.

Dort wo ich wohne, gibt es mindestens doppelt soviel Parkplätze wie parkende Autos, trotzdem finden Lieferanten keinen Platz, mit den beschriebenen Folgen. Das Problem ist, dass viele Autofahrende offenbar nicht bereit sind für Parkplätze zu bezahlen. Und so stehen die Autos eben im kostenfreien Straßenraum. Die zahlungspflichtigen Parkplätze, bleiben größtenteils leer.

Parkplätze
Unbenutzte kostenpflichtige Parkplätze (Foto: Udo Schuldt)

Vor einigen Jahren wurde ein - 200 m von unserer Wohnung entfernter - Park-and-Ride-Platz um etwa ein Viertel vergrößert. Das kostete nicht nur Geld, dafür mussten auch Bäume und Gehölze weichen. Damals war der Stellplatz kostenfrei, heute muss für das Parken eine Gebühr entrichtet werden. Im Ergebnis ist nicht nur der neu errichtete Teil unbelegt, sondern mindestens die Hälfte des gesamten Parkplatzes.

PuR Platz
Viele freie Plätze auf dem P&R-Platz (Foto: Udo Schuldt)

Auch in unserer Tiefgarage - wie viel Geld mag die wohl gekostet haben - sind noch jede Menge Parkplätze frei. Ein Stellplatz kann dort für 60 Euro pro Monat gemietet werden, steht auf einem Schild an der Hauswand. Gleichzeitig wächst auf den unvermieteten Privat-Parkplätzen vor den Nachbargebäuden Gras.

Die Straßen bei uns sind eng, weil dort so viele Autos parken. In der Regel muss ein Fahrzeug warten, wenn sich zwei begegnen. Kommen sich zwei Sturköpfe mit dem Auto entgegen, erlebt man oft recht groteske Auseinandersetzungen.

Autos
Einfach zu viele Autos im Straßenraum (Foto: Udo Schuldt)

Nicht lustig ist es aber, wenn ein Fahrrad fahrender Mensch mit einem Kleinkind im Kindersitz auf so einen Sturkopf trifft. Mir ist das passiert. Meine Enkelin und ich waren fast an der Engstelle vorbei, da fährt ein weißer Smart ungebremst auf uns zu. Ich konnte uns gerade noch in eine Einfahrt retten. Es war dunkel, aber das Fahrrad war beleuchtet und sowohl meine Enkelin als auch ich trugen eine "Leuchtweste". Die Person im Auto muss uns also gesehen haben, ansonsten wäre sie nicht fahrtüchtig. Vermutlich wollte das Individuum in dem Auto uns auch nicht totfahren und ist davon ausgegangen, dass wir irgendwie wegkommen. Was wäre aber passiert, wenn wir es nicht geschafft hätten, nicht auszudenken. Kürzlich fuhr ein Autofahrer offenbar absichtlich in eine Kindergruppe, tötete dabei eine Achtjährige und verletzte zwei weitere Kinder schwer. Vielleicht dachte er auch, dass die Kinder schon irgendwie zur Seite springen würden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt jedenfalls wegen Mordes.

Die geschilderten Situationen sind sicher nicht repräsentativ. Andere Wohngegenden haben andere Probleme mit den Autos.

Straßen müssen jedenfalls sicherer für zu Fuß gehende und radfahrende Menschen werden und Städte im Zeitalter der Erderhitzung benötigen - nachgewiesenermaßen - mehr Grün um sie abzukühlen. Dazu ist das rumstehende Blech zu reduzieren. Die freiwerden Parkplätze könnte man mit Bäumen und Büschen bepflanzen, Begegnungszonen schaffen, oder Tiefgaragenplätze für Fahrräder umwidmen. Wie das dann im Detail realisiert wird, darüber könnte mensch sich an Runden Tischen, zum Beispiel unter Beteiligung von Leuten aus dem Wohngebiet, den Wohnungsgesellschaften, der Polizei, aus dem Verkehrsausschuss des Bezirks oder anderen relevanten Gruppen verständigen.

Max Herz RingMax-Herz-Ring in Hamburg: Die Autos müssen draußen bleiben, eine Straße ausschließlich für zu Fuß gehende und Rad fahrende Mitmenschen (Foto: Udo Schuldt)

Das Argument von den Menschen vom Land, die Auto fahren müssen

In der oben genannten Diskussion kam dann auch das Argument, dass Menschen auf Lande keine Alternative zum Auto hätten. Abgesehen davon, dass 78,6 % der deutschen Bevölkerung in Städten wohnt, könnten die meisten Individuen auf dem Lande auch das Individualverkehrsmittel Fahrrad für Arbeitswege bis zu 10 km benutzen. Gut, das Wetter spielt eine Rolle. Aber es gibt wirklich viele Tage an denen mensch gut radeln kann.

Da aber fast 80 Prozent der deutschen Bevölkerung in Städten wohnt, wäre es sinnvoll, dort mit der Verkehrswende zu beginnen, weil die meisten Städte doch über einigermaßen funktionierende öffentliche Verkehrsmittel verfügen, die ausbaufähig sind. Zudem sind gerade kleinere Städte, aufgrund der kürzeren Entfernungen, ideal zum Fahrrad fahren, vorausgesetzt eine komfortable Infrastruktur wird errichtet. Es geht also zunächst gar nicht um die Menschen auf dem Land. Die Verkehrswende sollte bei den 78,6 % der Menschen in Deutschlands Städten beginnen.

Nochmal, 48 % aller mit dem Auto zurückgelegten Arbeitswege sind kürzer als 10 km. Städte wie Amsterdam oder Kopenhagen machen vor, wie es gelingt, Menschen den Umstieg vom Auto aufs Fahrrad zu erleichtern. Sie konnten aufgrund hoher Investitionen in die Fahrradinfrastruktur den Anteil Radfahrender massiv steigern. Das Fahrrad ist dort nun das schnellste Verkehrsmittel und das macht es attraktiv. Beispiele gibt es also genug.

BikecultureincopenhagenFahrradverkehr in Kopenhagen, einer Stadt mit Radverkehrsanteil von ca. 30 % (Foto: Public Domain)

In Berlin haben nur etwa die Hälfte aller Haushalte ein Auto. In Hamburg liegt der Anteil der autofreien Haushalte bei 40 %. Dennoch ist der Autoverkehr und das Autoparken in beiden Städten furchtbar, denn in manchen Haushalten geht der Trend zum Zweit- und Drittauto. Mit dem Auto aus den Vororten in die Stadt Pendelnde tragen ebenfalls dazu bei.

Zum Stichtag 1. Januar 2021 waren 48,2 Millionen Pkw in Deutschland zugelassen – das waren 14 % mehr als zehn Jahre zuvor (1. Januar 2011: 42,3 Millionen). In den privaten Haushalten ging der Trend in den vergangenen zehn Jahren offenbar zum Zweit- oder Drittwagen. So war der Anteil der Haushalte, die mindestens ein Auto besitzen, im Jahr 2020 mit 77,4 % ähnlich hoch wie 2010 (77,6 %). Im selben Zeitraum nahm die Zahl der Pkw pro Haushalt jedoch zu: Kamen 2010 auf 100 Haushalte noch 102 Autos, so waren es zehn Jahre später schon 108. (destatis)

Mehrheiten befürworten eine Verkehrswende

Auf meine Bemerkung hin, dass die Automobilindustrie doch selbst der größte Arbeitsplatzvernichter wäre, weil inzwischen ganze Fabrikhallen voller Automaten, aber menschenleer seien, wurde mir in der oben genannten Diskussion vorgehalten, dass ich wohl einen Systemwechsel wolle.

Stimmt tatsächlich. Ich bin für mehr Demokratie und weniger Einfluss mächtiger Lobbys. Würden politisch Verantwortliche weniger auf Lobbyierende und mehr auf die Bevölkerungsmehrheit hören, könnten sie die Situation in den Städten und im Lande verbessern, obwohl dort viele immer noch mental vom Auto abhängig sind.

Entsprechend einer Umfrage zum sozialen Nachhaltigkeitsbarometer 2021 können sich 47 Prozent der Befragten die Anschaffung eines Elektro-Autos vorstellen. Zudem gibt die Hälfte an, mehr Wege zu Fuß oder auf dem Rad zurücklegen zu wollen. Der Wandel soll aber bezahlbar bleiben und auf Mobilität will keiner verzichten. So lehnt etwa die Hälfte eine Maut für PKW oder höhere Parkgebühren ab und für rund ein Viertel müsste der öffentliche Nahverkehr besser und günstiger werden, damit sie auf kürzere Fahrten mit dem Auto verzichten. Gleichzeitig befürworten über die Hälfte der Befragten eine Abschaffung des Steuervorteils für Dieselkraftstoffe und ein Tempolimit auf Autobahnen.

In diesem Text habe ich vorausgesetzt, dass Einverständnis besteht, dass das Auto erheblich zum menschengemachten Klimawandel beiträgt und ich bin nicht weiter darauf eingegangen, um den Artikel nicht noch länger zu machen. Es sei aber an dieser Stelle gesagt, dass die Erderhitzung einer der Hauptgründe für die notwendige Veränderung ist.

Fazit: Es kommt darauf an, die Bedingungen für den Umweltverbund aus "zu Fuss gehen", "Fahrrad fahren" und der "Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel" zu verbessern. Dass dabei Privilegien der Autofahrenden abgeschafft werden müssen erklärt sich von selbst. Ob man nun den Kauf eines Fahrrades mit 2000 Euro subventionieren sollte, da bin ich selbst eher skeptisch. Sicher ist, dass man auch viel Geld braucht um den Umweltverbund und die Städte attraktiver zu machen.


Artikelhistorie:


9.11.2021: Überschrift geändert. Missverstandene Formulierung im zweiten Absatz wurde geändert. Einige stilistische Überarbeitungen und der Absatz "Straßen müssen jedenfalls sicherer für zu Fuß gehende und radfahrende Menschen werden..." wurde um den Vorschlag "Runde Tische" einzuberufen ergänzt. Das Foto vom P&R-Platz wurde hinzugefügt.