Deutschland hat in Glasgow angekündigt, Südafrika mit 700 Millionen Euro beim Ausstieg aus der Kohleverstromung zu unterstützen. Um jedoch den südafrikanischen Kohleausstieg ohne wirtschaftliche und sozioökonomische Verluste zu gewährleisten, muss ein regionaler und nationaler Plan für einen gerechten Übergang sorgen. Das Team COBENEFITS am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) legt eine Analyse zur Dekarbonisierung vor, in der es datenbasierte Empfehlungen ausspricht für Maßnahmen in Südafrikas Kohleabbauzentrum Mpumalanga.

Kohleprotest Südafrika
Protest gegen Kohleverbrennung in Südafrika (Foto: Kgara Kevin Rack, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Die Studie zeigt, dass erneuerbare Energien einen wesentlichen Beitrag leisten können, den Verlust von Arbeitsplätzen in der Kohleindustrie aufzufangen. Allerdings ist für Geschlechtergerechtigkeit noch einiges zu tun – aktuell liegt der Anteil weiblicher Beschäftigter im Bereich erneuerbarer Energien bei lediglich 14 Prozent und damit unterhalb der Kohleindustrie, wie bislang unveröffentlichte Daten zeigen.

Südafrikas Partnerschaft auf dem Weg zur Dekarbonisierung

Seit November 2021 besteht zwischen Südafrika und Frankreich, Deutschland, der EU, dem Vereinigten Königreich und den USA eine Partnerschaft zur Unterstützung der Dekarbonisierung der südafrikanischen Wirtschaft. Die Industrieländer fördern mit rund 8,5 Milliarden US-Dollar, dass dort Kohlekraftwerke geschlossen werden und eine sozial gerechte Energiewende mit neuen Arbeitsplätzen angekurbelt wird.

Das südafrikanische Ministerium für Forstwirtschaft, Fischerei und Umwelt (DFFE) schätzt, dass etwa 80 bis 90 Prozent der Emissionsreduktion aus dem Energiesektor kommen werden. Denn dieser Sektor ist sowohl der größte Emittent als auch der Sektor, in dem Emissionsreduzierungen aufgrund der sinkenden Preise für erneuerbare Energien am billigsten sind. Ohne vorausschauende Planung jedoch wird der Kohleausstieg Südafrikas voraussichtlich zu wirtschaftlichen und sozioökonomischen Verlusten führen. Um dies zu vermeiden, ist ein regionaler und nationaler Plan erforderlich, der einen gerechten Übergang mit sozialer Eingliederung, zukunftsfähigen Arbeitsplätzen und Armutsbekämpfung sicherstellt.

Die Studienautoren stellten sich daher die Frage: Wie können Akteure auf Provinz- und Landesebene die sozialen und wirtschaftlichen Vorteile des Aufbaus eines kohlenstoffarmen, erneuerbaren Energiesystems nutzen und Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen, einen regionalen Industriesektor aufbauen, die Entwicklung nötiger Kompetenzen und geschlechtergerechte Karrierechancen ermöglichen?

Unveröffentlichte Daten der Energieversorger

Für die Studie konnten bisher unveröffentlichte Daten von Südafrikas Energieriesen Eskom zu Qualifikations- und Geschlechterverteilung von Mitarbeitenden in Kohlebergwerken und Kraftwerken ausgewertet werden. Sie ermöglichen eine Analyse der Qualifikations- und Geschlechterverteilung in der Kohleindustrie sowie eine Bewertung des Potenzials für den Transfer von Fachwissen in den Sektor der erneuerbaren Energien. Die personenbezogenen Daten wurden anonymisiert und unter Beachtung des Datenschutzes ausgewertet.

Hinzu kommen Interviews mit Unternehmensmanagern, um Hindernisse und Chancen für Frauen im Sektor der erneuerbaren Energien zu verstehen. Auf Grundlage dieser Datensätze und einer wirtschaftlichen Modellierung können die sozioökonomischen Auswirkungen der Umnutzung von Kohlekraftwerken durch den Einsatz erneuerbarer Energien analysiert und quantifiziert werden.

Mpumalanga - von der Kohle zu den Erneuerbaren

Mpumalanga ist das Zentrum der südafrikanischen Kohleindustrie, etwa 80 Prozent der gesamten Kohleproduktion entfallen auf diese Region. Die neue Co-Benefits-Studie zeigt die Möglichkeiten auf, wie diese südafrikanische Provinz ein Zentrum für saubere Energie werden kann. Die Arbeitsplätze, welche im Kohlesektor verlorengehen, können zu einem Großteil durch Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien ersetzt werden.

Allerdings müssen dafür lokale Wertschöpfungsmöglichkeiten entstehen. Investitionen in erneuerbare Energien gekoppelt an den Aufbau lokaler Industrien sind erforderlich. Darüber hinaus bietet der Übergang von fossilen zu erneuerbaren Energiequellen die Chance, die Situation für im Energiesektor tätige Frauen zu verbessern. Frauen seien im Energiesektor derzeit stark unterrepräsentiert, so die Analyse des Autorenteams.

Denn nach Angaben des Kohlebergbaubetreibers Eskom und der Mining Quality Authority (MQA) beschäftigt Eskom 31 Prozent Frauen und die Kohlebergwerke in Mpumalanga 21 Prozent Frauen. Allerdings sind diese weiblichen Beschäftigten in der Regel besser ausgebildet als ihre männlichen Kollegen – so besitzen 67 Prozent der Frauen im Vergleich zu 49 Prozent der Männer etwa bei Eskom einen höheren Schulabschluss. Dies führe dazu, dass Frauen trotz ihrer zahlenmäßigen Unterrepräsentation höhere Positionen besetzen. Im Bereich der Erneuerbaren Energien sieht das Geschlechterverhältnis in Südafrika noch schlechter aus: Dort machen Frauen nur 14 Prozent der Beschäftigten aus. Wie können Frauen in dieser Umbruchsituation für den neuen Bedarf im Sektor der Erneuerbaren gefördert werden?

Eine Liste erfolgversprechender Maßnahmen

Auf Grundlage der Studienergebnisse und begleitenden Diskussionsrunden mit politischen und fachlichen Partnern schlägt das Autorenteam vor, die Debatte auf die Bereiche zu lenken, in denen politische Maßnahmen und Vorschriften eingeführt oder durchgesetzt werden könnten. Die Studie zeigt datenbasiert die Rahmenbedingungen auf, die notwendig sind, um all diese Vorteile voll auszuschöpfen.

Neun Empfehlungen für eine faire und inklusive Dekarbonisierung in Südafrikas Kohleregion Mpumalanga:

1. Umsetzung von Strategien, die die Entwicklung erneuerbarer Energien in Mpumalanga ermöglichen, um Nettoarbeitsplatzverluste zu vermeiden.
2. Regionales Beschaffungswesen mit jährlichen Zielen für dauerhafte Arbeitsplätze und kontinuierliche Weitergabe von Fachwissen.
3. Netzentwicklung, um Investitionen in erneuerbare Energien in Mpumalanga und anderswo zu erleichtern.
4. Ein koordinierter Ansatz für eine Wertschöpfung aus erneuerbaren Energien, mit der sich eine grüne Wirtschaft in der Provinz etablieren kann.
5. Diversifizierung des lokalen Anteils an Komponenten, bei denen Südafrika seine Stärken in der Fertigung ausspielen kann.
6. Ausweisung von Sonderwirtschaftszonen für die Produktion von Schlüsselkomponenten, um die saubere Energieindustrie voranzutreiben.
7. Qualifizierungsprogramme für erneuerbare Energien durch Berufsbildungseinrichtungen, um vielen Menschen Karrierechancen zu eröffnen.
8. Kinderbetreuungseinrichtungen in der Nähe von Ausbildungszentren, um Elternpflichten und berufliche Entwicklung miteinander vereinbaren zu können.
9. Unternehmerische Schulung von Frauen, um den Zugang zu Märkten und Netzwerken zu erleichtern.

Die aufgezeigten sozioökonomischen und sozialen Potenziale erneuerbarer Energien für Südafrika und die Empfehlungen, den Kohleausstieg fair und inklusiv zu gestalten, können dazu beitragen, die angekündigte Partnerschaft zur Unterstützung der Dekarbonisierung der südafrikanischen Wirtschaft zum Leben zu erwecken. Dabei kann Deutschland auf etablierte politische Dialogformate im Rahmen der Internationalen Klimaschutzinitiative der Bundesregierung und der Deutsch-Südafrikanischen Energiepartnerschaft aufbauen.

Originalpublikation:

David Jacobs, Sebastian Helgenberger, Laura Nagel: From coal to renewables in Mpumalanga: Employment effects, opportunities for local value creation, skills requirements, and gender-inclusiveness. Assessing the co-benefits of decarbonising South Africa's power sector, IASS/IET/CSIR (January 2022) DOI: 10.48481/iass.2022.002

Institute for Advanced Sustainability Studies e.V.