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Imperialistisches Projekt

Sinns Super-Kyoto erweist sich zuallererst – darüber dürfte kaum Zweifel bestehen – als ein ausgeklügeltes superimperialistisches System der Eigentums- und Einnahmeübertragung von den Ressourcenstaaten auf die Verbraucherstaaten. Er will zwar Klimaschutz, jedoch einen solchen, der dem Westen keine ökonomischen Nachteile, sondern sogar Vorteile bringt. Sinn setzt auf Enteignung der Öl- und Gaseigentümerstaaten, er bewegt sich dadurch in einem konfrontativen Denkgebäude, in dem es Gewinner und Verlierer gibt und eine globale Kooperation ausgeschlossen ist. Sein Konzept ist genauso auf die Interessen der Nachfrageseite ausgerichtet, wie das gegenwärtige Kyoto–System auch. Der Unterschied besteht lediglich in der Radikalität, mit der Sinn den Klimaschutz imperialistisch betreiben will. Wie soll dieses konfrontative Konzept funktionieren und wie werden sich die Anbieterstaaten auf die Rolle überhaupt einlassen, die Sinn für sie vorgesehen hat? Natürlich nicht, das weiß Sinn auch: „Die Ressourcenländer werden sich mit Händen und Füßen gegen eine solche Lösung wehren. Sie werden versuchen, die Bildung eines weltumspannenden Nachfragekartells durch die UNO zu verhindern und möglichst viele Länder durch Sonderlieferungen billigen Kohlenstoffs aus dem Kartell heraus zu brechen.“23)

Freiwillig werden die Anbieterstaaten also die gewünschte Rolle nicht übernehmen, auch Sinns Klimaschutzkonzept würde, gerade weil es eine konfrontative Strategie darstellt, auf seine Weise das „ grüne Paradoxon“ hervorrufen, das er vorgibt verhindern zu wollen. Möglicherweise schwebt ihm insgeheim vor, die Anbieterstaaten durch flächendeckende militärische Interventionen zu enteignen und sämtliche Öl- und Gasquellen, zumal für den guten Klimaschutzzweck, der UNO zu übertragen. Dazu äußert sich Sinn nicht offen, jedoch salomonisch: „Nur der Schrecken der weiteren Erwärmung der Atmosphäre, gepaart mit dem Umstand, dass die Verbraucherländer ständig erhebliche Teile ihres Realeinkommens zur Ersteigerung immer geringer werdender Kohlenstoffmengen werden aufwenden müssen, macht das weltumspannende Nachfragekartell, das die UNO plant, attraktiv. Die Politik hat die Wahl zwischen Scylla und Charybdis.“24) Selbst wenn Sinn hier die Menschheit nicht vor die Alternative stellt, entweder eine Klimakatastrophe oder eine konfrontativ–imperialistische Enteignung hinzunehmen, muss jede Klimaschutzstrategie, die eine Seite der globalen Akteure zu Verlierern macht, letztlich in die militärische Sackgasse einmünden, ohne im Geringsten zur Verhinderung der Klimakatastrophe einen Beitrag zu leisten. Das Klimaproblem ist ein globales Problem, und es kann gelöst oder wenigstens entschärft werden, wenn statt Konfrontation und Diskriminierung der einen Seite die Kooperation Aller - der Verbraucher, wie die Anbieter von fossilen Energieträgern - zur ethischen Grundlage eines neuen Kyoto–Modells gemacht würde, dessen Konturen längst formuliert wurden.25)


Zuerst erschienen in "Junge Welt", am 27.August 2012.
© Mohssen Massarrat


1) Es handelt sich um die Kurzfassung von Massarrat, Mohssen: „Sinns Paradoxon oder warum Marktkräfte das Klima nicht schützen können“, der in „Z“ im September 2012 erscheinen wird.
2) Hans-Werner Sinn: Das grüne Paradoxon. Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik. 2009. Hamburg.
3) N. Stern: The Economics of Climate Change. The Stern Review, 2007, Cambridge UK.
4) Sinn 2009, a.a.O., S. 376.
5) Ebenda, S. 405f.
6) Ebenda, S.330
7) So 1993: Endlichkeit der Natur und Überfluss in der Marktökonomie und 2000:Das Dilemma der ökologischen Steuerreform, beides im Marburger Metropolis-Verlag.
8) In einem Brief wehrt sich Sinn mit dem Verweis gegen einen möglichen Plagiatsvorwurf - den ich an keiner Stelle erhoben hatte – ich hätte das „Intertemporale Optimierungskalkül gar nicht benutzt“, weshalb ich seine Forschungsergebnisse nicht “vorweggenommen“ haben könnte.
9) Ausführlicher dazu siehe Massarrat, 2012.
10) Allen voran sei hier der Ökonomie-Nobelpreisträger Robert Solow genannt, der in seinem von den neoklassischen mainstream-Ökonomen viel zitierten Standard-Beitrag das Problem der Knappheit fossiler Ressourcen schlicht leugnete. Robert M. Solow: The Economics of Ressources or the Ressources of Economics, in: The American Economic Review, 1974, vol. LXIV, No. 2.
11) Ausführlicher vgl. Massarrat, Mohssen: Rätsel Ölpreis, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2008
12) Stiglitz, Joseph, Wachstum mit links, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 9/2011, S. 58.
13) Sinn, 2009, a.a.O., S. 426 f.
14) Ebenda, S. 427.
15) Ebenda, S. 432.
16) Ebenda, S. 431.
17) Ebenda, S. 433.
18) Ebenda, S. 417.
19) Ebenda.
20) Ebenda, S. 418.
21) Ebenda, S. 417 f.
22) Ebenda, S. 419 f.
23) Ebenda, S. 421.
24) Ebenda, S. 421.
25) Vgl. dazu die Langversion dieses Beitrages, in Massarrat, 2012, a.a.O.