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Die neusten wissenschaftlichen Grundlagen zum Klimawandel sind nun öffentlich. Die zuständige Arbeitsgruppe des UNO-Wissenschaftsrats IPCC, unter der Ko-Leitung des chinesischen Wissenschaftlers Qin Dahe der China Meteorological Administration Beijing und des Berner Klimaforschers Thomas Stocker, hat in Stockholm die Resultate vorgestellt. Danach sind die technischen und landwirtschaftlichen CO2-Emissionen der Menschheit der Hauptfaktor für die Klimaerwämung.


Anstieg des CO2-Gehaltes der Atmosphäre
(Grafik © IPCC, Fifth Assessment Report, Climate Change 2013: The Physical Science Basis,SPM Fig. 4a)

Professor Thomas Stocker, Klimaphysiker der Universität Bern und Ko-Leiter der IPCC-Arbeitsgruppe, erläuterte vor den Medien die 22-seitige Zusammenfassung "Summary for Policymakers", abgekürzt SPM, des umfassenden Klimaberichts der Arbeitsgruppe. Diese dient nun als Grundlage für die politischen Entscheidungsträger aus 195 Ländern. Der aktuellste Stand der Klimaforschung zeigt klar: Der Mensch ist der Verursacher des Temperaturanstiegs der unteren Atmosphäre. "Der Einfluss des Menschen auf das Klimasystem ist clear", also eindeutig und klar. 2007 und 2001 wurde der menschliche Einfluss von IPCC noch mit den Wahrscheinlichkeiten von 90 und 66 Prozent angegeben.

Die Arbeitsgruppe I zu den wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels des IPCC hat derzeit ihren Sitz an der Universität Bern. Die Schweiz finanziert die Ko-Leitung der Arbeitsgruppe durch ein Mandat des Bundesrates an Prof. Thomas Stocker, zweiter Ko-Leiter ist Qin Dahe aus China. In Bern angesiedelt ist auch das Sekretariat der Arbeitsgruppe I. Gemeinsam hat diese mit 259 Autoren und Review-Editoren sowie über 600 beitragenden Autoren in der ganzen Welt über 50´000 Kommentare verarbeitet und das Klimawissen in einem über 2000-seitigen Bericht zusammengefasst. 


Parallel zum CO2-Anstieg steigt die Temperatur. Das erste Jahrzehnt im 21. Jahrhundert ist das wärmste seit 1850
(Grafik © IPCC, Fifth Assessment Report, Climate Change 2013: The Physical Science Basis, SPM Fig. 1a)


Temperatur und Meeresspiegel steigen an

Haupttreiber der Klimaerwärmung gemäss dem neuen IPCC-Bericht seien die CO2-Emissionen aus fossilen Brennstoffen, erklärt auch Fortunat Joos, vom Oeschger-Zentrum für Klima- und Klimafolgenforschung der Universität Bern und früherer Vice-Chair der Arbeitsgruppe I. Dieses Treibhausgas habe seit Mitte der 1990er Jahre um die Hälfte zugenommen, das heisst zwischen 1995 und 2011 von 23 auf 33 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr. 90 Prozent der gesamten CO2-Emissionen sind heute fossilen Ursprungs und stammen somit aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas. Um die Klimaerwärmung abzubremsen, muss man gemäss Joos bei den fossilen Energieträgern ansetzen: "Um eine Stabilisierung der globalen Temperatur zu erreichen, müssen die CO2-Emissionen weltweit um den Faktor 10 reduziert werden", so der Berner Klimaexperte.

Die mittlere globale Oberflächentemperatur der Erde ist von 1880 bis 2012 um 0.85° Celsius gestiegen – und der Trend zeigt weiter nach oben, wenn auch in der letzten Dekade eine Verlangsamung festgestellt wurde, welche die Forscher den üblichen natürlichen Schwankungen im Klimasystem zuschreiben. Alle Indikatoren deuten daraufhin, dass sich der Anstieg der Temperatur ohne eine drastische Reduktion der CO2-Emissionen fortsetzt. Die Wissenschaftler dokumentieren im IPCC-Bericht umfassend den beobachteten Klimawandel: Die Gletscher haben sich im letzten Jahrzehnt weiter zurückgezogen, die Ozeantemperaturen und die Ozeanversauerung sind weiter gestiegen, der Verlust an Eis in Grönland und der Antarktis hat sich ungebremst fortgesetzt und die Treibhausgas-Konzentrationen liegen weit über den Werten der letzten 800‘000 Jahre.


Ebenfalls gleichzeitig mit dem CO2- und dem Temperaturanstieg steigt auch der Meeresspiegel an
(Grafik © IPCC, Fifth Assessment Report, Climate Change 2013: The Physical Science Basis, SPM Fig. 3d)

Auch der Meeresspiegel wird voraussichtlich einen weiteren Anstieg erfahren: Von 1901 bis 2010 stiegen die Meere im globalen Mittel um 19 Zentimeter, jetzt gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der Meeresspiegel bis 2100 je nach Verlauf der CO2-Emissionen um weitere 30 bis 100 Zentimeter steigen wird. Es sei praktisch sicher, dass dieser globale Anstieg über Hunderte von Jahren weitergehe: "Das Signal der Erwärmung dringt langsam, aber kontinuierlich in die tiefen Ozeane ein. Als Folge davon treten extreme Flutpegel an den Küsten immer stärker und häufiger auf", erklärt Fortunat Joos. Soviel zu den wesentlichen Aussagen der Pressekonferenz, auf der es nach Angaben aus informierten Kreisen immer wieder Nachfragen aufgrund des gegenwärtig weniger steilen Temperaturanstiegs gab. Dies sei aber kein Zeichen dafür, dass die Erderwärmung zum Stillstand komme sondern Ergebnis natürlicher Schwankungen, so die Antworten der Wissenschaftler.


Der Ozean wird wärmer aber auch saurer, da er immer mehr CO2 aufnehmen muss
(Grafik © IPCC, Fifth Assessment Report, Climate Change 2013: The Physical Science Basis, SPM Fig. 4b)

Wie eine Auswertung der Zusammenfassung "SPM" deutlich macht finden im gesamten Klimasystem vielfältige Veränderungen statt: Nicht nur dass die Temperatur der unteren Atmosphäre steigt, nicht nur dass der Meeresspiegel weiter ansteigt, die Ozeane werden auch wärmer und saurer, Gletscher tauen, Permafrostböden erwärmen sich, Eisschilde verlieren an Masse. Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes, verwies in einer Pressemeldung zum IPCC-Bericht, auf dessen zentrale Aussagen: "Die globale Mitteltemperatur der unteren Atmosphäre ist seit Ende des 19. Jahrhunderts bereits im Mittel um 0.85 Grad Celsius gestiegen. Jedes der drei vergangenen Jahrzehnte war wärmer als alle vorhergehenden seit 1850. Auch viele extreme Wetterereignisse zeigen Veränderungen, so sind Hitzewellen in einigen Regionen häufiger aufgetreten." Infolge der fortgesetzten Tauprozesse von Gletschern und Eisschilden und der Ausdehnung des erwärmten Ozeanwassers stieg der globale mittlere Meeresspiegel im Zeitraum von 1901 bis 2010 um etwa 19 Zentimeter. Dessen Anstieg habe sich in den letzten 20 Jahren sogar noch beschleunigt. Im letzten Jahrzehnt sei sechsmal so viel Grönlandeis geschmolzen wie in den 10 Jahren davor. "Die Aussagen des Weltklimaberichts sind gegenüber dem letzten Bericht von 2007 noch sicherer und fundierter geworden. Sie zeigen einen großen Handlungsbedarf auf."


Während die Luft- und Ozeantemperaturen steigen schmilzt das arktische Eis
(Grafik © IPCC, Fifth Assessment Report, Climate Change 2013: The Physical Science Basis, SPM Fig. 3b)

Prof. Dr. Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar und Meeresforschung, ergänzte: "Aussagen über mögliche künftige Entwicklungen des Klimas sind auf der Grundlage von erweiterten und verbesserten Modellen belastbarer und sicherer geworden. Ein weiterer ungebremster Ausstoß von Treibhausgasen ließe an vielen Stellen des Klimasystems deutliche Veränderungen erwarten, wie sie seit hunderten bis tausenden von Jahren nicht aufgetreten sind." Dazu zählen Niederschläge, Eis und Schnee, einigen Extremwetterereignisse, Meeresspiegelanstieg und Versauerung der Ozeane. Alle Regionen der Erde wären betroffen. Viele der Änderungen im Klimasystem blieben für Jahrhunderte bestehen, auch wenn keine Treibhausgase mehr freigesetzt würden.

Der Bericht ist der erste von 3 Teilbänden des 5. IPCC-Sachstandsberichtes. Der zweite Band beschäftigt sich mit den Folgen des Klimawandels und Fragen der Anpassung, der dritte mit den Handlungsoptionen zur Vermeidung weiterer Treibhausgasemissionen. Ihre Veröffentlichung ist für Ende März und Mitte April 2014 geplant.


Die neuen CO2-Temperatur-Prognosen des IPCC mit ihren unterschiedlichen Verläufen, die unterschiedliche Handlungsweisen der Menschheit repräsentieren
(Grafik © IPCC, Fifth Assessment Report, Climate Change 2013: The Physical Science Basis, SPM Fig. 10)


Regierung und Opposition sehen unterschiedliche Handlungsnotwendigkeiten

Bundesumweltminister Peter Altmaier und Bundesforschungsministerin Johanna Wanka werten den neuesten Bericht des Weltklimarats als untrügliches Zeichen dafür, dass der Klimawandel voranschreitet. "Der IPCC zeigt der Weltgemeinschaft, dass ein ambitionierter Klimaschutz unumgänglich ist", unterstrich Altmaier die Ergebnisse der gestrigen Vorstellung des Berichts. Mehr Ehrgeiz beim Klimaschutz sei notwendig: "Mit entschlossenem Handeln können wir eine Erwärmung um mehr als 2 Grad noch verhindern. Das ist eine wichtige Botschaft für die internationalen Klimaschutzverhandlungen. Es gilt, bis 2015 ein neues ambitioniertes Abkommen auszuhandeln. Die EU muss hier die Führung übernehmen. Darum müssen wir dringend den Emissionshandel stärken, das EU-Klimaschutzziel anschärfen und für 2030 ein ambitioniertes Klimaschutzziel vereinbaren." Auch für die nationale Klimapolitik seien die IPCC-Ergebnisse von unmittelbarer Bedeutung. "Die Bundesregierung hat sich mit dem Energiekonzept ehrgeizige Klimaschutzziele gesetzt. Das Ziel, die Emissionen in Deutschland bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 zu senken, ist auf Berechnungen des IPCC zurückzuführen. Mit der Energiewende haben wir den schrittweisen und langfristig angelegten Umbau unserer Energieversorgungssysteme begonnen. Der Klimaschutz ist – neben dem Atomausstieg – ein entscheidender Treiber für diesen Umbau."


Obwohl hauptsächlich über CO2 gesprochen wird betrachtete der IPCC auch andere Verstärkungen und Abschwächungen des Treibhauseffektes; zu den Verstärkern gehören ebenfalls Treibhausgase wie Methan, Distickstoffmonoxid, Fluorgase, Stickoxide, Wasserdampf oder auch schwarzer Kohlenstoffruß. Zu den Abschwächern Aerosole und Wolken. Die dünnen Linien kennzeichnen den Unsicherheitsbereich; die unteren roten Balken zeigen die Zunahme des aus der Addition resultierenden Gesamtstrahlungsantriebs, aufgrund der überwiegenden Verstärkung des Treibhauseffektes
(Grafik © IPCC, Fifth Assessment Report, Climate Change 2013: The Physical Science Basis, SPM Fig. 5)

Eva Bulling-Schröter, umweltpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE und Vorsitzende des Umweltausschusses sieht den Ball nicht vorrangig bei der EU, sondern die neue Bundesregierung müsse Klimaschutz zum Kernthema machen. „Egal von welchen Parteien die neue Bundesregierung getragen wird: Das Ausscheiden der ewigen Blockiererin FDP muss auch vor dem Hintergrund des neuen und alarmierenden Berichts des Weltklimarates IPCC genutzt werden, um den Klimaschutz wieder voranzubringen“. Bulling-Schröter weiter: „Der aktuelle Trend zu wieder steigenden Treibhausgasemissionen in Deutschland ist verheerend. Wegen des Versagens des EU-Emissionshandels wachsen vor allem die CO2-Emissionen im Energiesektor wieder an. Aber auch im Verkehrsbereich ist keine grundlegend Wende zu mehr Klimaschutz erkennbar. In beiden Sektoren hat die alte Bundesregierung wirksame Reformen verhindert. Im Gebäudesektor hat sie gar nicht erst versucht, plausible Maßnahmen zu ergreifen, um den Energieverbrauch insbesondere im Bestand zu senken."  Der neue IPCC-Bericht zeige, dass sich der Klimawandel beschleunigt. Unter seinen katastrophalen Auswirkungen müssten zunehmend vor allem diejenigen Leiden, die ihn nicht verursacht haben. Darum sei es auch ein Gebot der globalen Gerechtigkeit, hier in der Bundesrepublik umzusteuern. Dazu gehöre nicht nur, alle Angriffe auf die Substanz des erfolgreichen Erneuerbaren-Energien-Gesetzes zurückzuweisen. Auch die Kraftwerksemissionen müssten begrenzt werden. Nach dem Scheitern des Emissionshandels käme dafür etwa ein Kohleausstiegsgesetz in Frage.
 

Vereinte Nationen erzielten letzte Woche einen wichtigen Fortschritt für Klimaschutz und Entwicklung

Sicher auch unter dem Eindruck der bereits durchgesickerten Ergebnisse des IPCC-Berichtes, gelang es einer Sonderveranstaltung der 68. UN-Vollversammlung in New York, in den vergangenen Tagen, den Verhandlungsprozess zur neuen Entwicklungsagenda zu vereinbaren. Die Staaten haben sich nun verpflichtet, gemeinsame Entwicklungs- und Umweltziele für die globale Entwicklungsagenda nach 2015 zu entwickeln. "Angesichts ökologischer Krisen, die Entwicklung insbesondere für die Ärmsten zunehmend bedrohen, muss die Entwicklungs- und Umweltagenda zusammen gedacht werden. Gerade der Klimawandel ist eine zentrale Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsherausforderung und damit das stärkste Argument gegen die Etablierung von zwei konkurrierenden Prozessen“, erläutert Christoph Bals, von Germanwatch, die Vereinbarung in einer öffentlichen Erklärung. Die Organisation begrüße deshalb das Ziel, die Prozesse für die Millenium-Entwicklungsziele und die Nachhaltigkeitsziele zusammenzulegen. Bals gibt aber zu bedenken:  "Die Armutsbekämpfung darf dabei nicht unter die Räder kommen. Die Verteidigung der Menschenrechte - die auch das Recht auf  ausreichend Nahrung und Trinkwasser umfassen - sowie die Beachtung der Grenzen des Planeten sind die zwei harten Leitplanken, an denen sich die neuen Ziele orientieren müssen." Die UN haben zudem die Verpflichtung der Industrieländer bekräftigt, 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens (BNE) in die Entwicklungszusammenarbeit zu investieren und dabei 0,15 bis 0,2 Prozent für die ärmsten Länder der Welt aufzuwenden.

Bis 2015 will die Staatengemeinschaft einen neuen Klimavertrag verabschieden. „Um das Klimaabkommen erfolgreich abzuschließen, ist auch die Führung von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon notwendig“, sagt Sönke Kreft, Teamleiter Internationale Klimapolitik bei Germanwatch. "Wir begrüßen daher, dass er die Staats- und Regierungschefs noch einmal nachdrücklich aufgefordert hat, bis zur nächsten UN- Vollversammlung 2014 nationale Klimaschutzziele auszuarbeiten“.

Weitere Infos: Klimafakten-Spezial zum IPCC-Bericht

Zusammenfassung der Kernbotschaften durch BMU, BMBF, UBA und Deutsche IPCC Koordinierungsstelle

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