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Heute früh hat der Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) im japanischen Yokohama seinen Bericht zu den Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch und Natur vorgelegt. Er ist der zweite von drei Teilen des 5. IPCC-Sachstandsberichtes und beschäftigt sich mit den Folgen des Klimawandels und Möglichkeiten der Anpassung. Der IPCC zeigt in ihm auf, dass ein Temperaturanstieg um 4°C gegenüber vorindustriellem Niveau, auf den die Menschheit mit den gegenwärtigen Maßnahmen zusteuert, mit sehr hohen Risiken verbunden wäre. Der Report sagt auch erhebliche Auswirkungen auf Mensch und Natur in vielen Regionen der Welt voraus. Auch Europa wird beispielsweise durch Hitzewellen künftig stärker beeinträchtigt sein. Darüber hinaus könnten, in anderen Teilen der Welt, Nahrungskrisen und sogar bewaffnete Konflikte eine Folge des menschengemachten Klimawandels sein.

Temperaturänderung auf der Erdoberfläche
Anstieg der Temperaturen auf der Erdoberfläche, links bei einer schnellen Reduzierung der Treibhausgasemissen, rechts wenn wir so weitermachen wie bisher
(Grafik © IPCC Report (AR5), Climate Change 2014: Impacts, Adaption and Vulnerability,SPM Fig. 4c)

Zentrale Botschaften des Reports:

1. Noch ist die Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs in diesem Jahrhundert auf weniger als zwei Grad möglich. Beim derzeitigen Emissionstrend ist aber mit 3,5 bis 5,4 Grad zu rechnen.

2. Die Risiken, mit denen bei den jeweiligen Szenarien zu rechnen ist, unterscheiden sich gravierend. Zwar gibt es auch schon bei zwei Grad Temperaturanstieg erhebliche Gefahren etwa für wichtige Ökosysteme oder in Bezug auf extreme Wetterereignisse. Bei 3,5 bis 5,4  Grad aber steigt das Risiko flächendeckend auf ein hohes bis sehr hohes Niveau. Selbst die Möglichkeit, in diesem Jahrhundert Kipp-Punkte zu überschreiten, die ganze Kontinente umgestalten oder erheblichen irreversiblen Meeresspiegelanstieg anstoßen, ist dann hoch.

3. In keinem Teil der Welt ist man auf die schon jetzt nicht mehr abwendbaren Folgen des Klimawandels ausreichend vorbereitet.

4. Je später die Staaten gegen die noch vermeidbare Verschärfung des Klimawandels vorgehen, desto schwieriger und teurer wird es. Die Zahl der Studien und Daten, auf die sich die Wissenschaftler in Yokohama stützen konnten, hat sich im Vergleich zum letzten Report 2007 ungefähr verzehnfacht. Entsprechend größer ist die wissenschaftliche Sicherheit und Genauigkeit der vorgelegten Ergebnisse.

5. Geänderte Niederschlagsverteilung, regional eingeschränkte Wasserverfügbarkeit oder zunehmende Erosionsgefährdung, sowie Artensterben und Ozeanversauerung können die menschliche Sicherhiet durch zunehmende soziale- und wirtschaftliche Ungleichheit gefährden und Armut und Hunger und Konflikte verursachen.


Das offizielle IPCC-Video zum zweiten Teil des fünften Sachstandsberichtes

Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe, Meteorologe und Forschungsbereichsleiter "Klimawirkung und Vulnerabilität" am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) macht die Auswirkung deutlich: "Extreme wie Hitzewellen oder Überschwemmungen nehmen zu, wenn weiter soviel Treibhausgase aus der Verbrennung von Kohle und Öl in die Atmosphäre geblasen werden. Wir verändern damit die Energiebilanz unseres Planeten - und stören Windströmungen und Niederschlagsmuster. Das Ergebnis sind Wetter-Extreme: Diese haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten bereits verdoppelt, und der Trend weist weiter nach oben. Sie treffen uns in Europa und den USA schmerzhaft, besonders hart aber die Menschen in den armen Ländern der Welt, wie der Bericht jetzt beeindruckend vor Augen führt."

Hermann Lotze-Campen, Agrar-Ökonom und Forschungsbereichsleiter "Klimawirkung und Vulnerabilität" am PIK sieht die menschliche Ernährung gefährdet: "Wird der Klimawandel nicht gebremst, hat das Folgen dafür, was wir weltweit auf dem Teller haben - und was wir dafür bezahlen. Der Bericht zeigt klar: Ernten werden ohne Anpassung unter globaler Erwärmung öfter schlechter als besser, und das kann auf dem Weltmarkt die Preise für Nahrungsmittel hochtreiben. Das passiert nicht immer und überall, und an manchen Punkten forschen wir noch weiter. Aber das Risiko ist deutlich genug"

Als dringenden Appell zum Handeln an Politiker weltweit haben Germanwatch und Brot für die Welt deshalb den neuen Report bezeichnet. "Der Bericht zeigt zudem deutlich, dass international die Ernährungssicherheit wegen des menschgemachten Klimawandels abnehmen wird", sagt Sabine Minninger von Brot für die Welt. "Schon bei einem Grad Erwärmung werden die Erträge von wichtigen Grundnahrungsmitteln wie Weizen, Reis oder Mais in vielen Regionen der Welt zurückgehen. Derzeit steuern wir aber eher auf vier Grad oder mehr zu, wodurch die Risiken für die Ernährungssicherheit und die Wasserversorgung ganz massiv zunehmen."

Konkreter als bisher benennen die Wissenschaftler auch die Finanzierungslücke für die notwendige Anpassung an den Klimawandel in Entwicklungsländern. In der Langversion des IPCC-Berichts wird diese auf 4 bis 109 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt. Hier sieht Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von Germanwatch, Handlungsbedarf für die deutsche Politik: "Die Bundesregierung verweigert selbst die schon zugesagte Unterstützung. Im Haushaltsentwurf ist kein Cent eingestellt, um den lange verhandelten internationalen Klimafonds mit Geld zu füllen, der Entwicklungsländer bei Klimaschutz und Anpassung unterstützen soll." Sabine Minninger ergänzt: "Anders als im Koalitionsvertrag versprochen, ist bisher auch nicht vorgesehen, vom geplanten Aufwuchs der Entwicklungshilfe um zwei Milliarden Euro einen Teil für Klimaschutz und -anpassung bereitzustellen."

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks und Bundesforschungsministerin Johanna Wanka sehen in dem Bericht zwar einen weiteren Beleg für die Dringlichkeit der Bekämpfung des Klimawandels, streichen aber vor allem die bisherigen Leistung der Bundesregierung heraus: „Wir nehmen diese Risiken sehr ernst und haben in Deutschland bereits eine Anpassungsstrategie und einen Aktionsplan entwickelt. Denn wir müssen uns die auf die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels vorbereiten. Es gilt, die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Lebensbereiche wie Stadt, menschliche Gesundheit, Verkehr oder Landwirtschaft abzuschätzen. Die resultierenden Herausforderungen sind vielfältig und reichen etwa von Frühwarnsystemen für Extremwetterereignisse bis zu städteplanerischen Anpassungskonzepten und konkreten Änderungen im Baurecht“, sagte Hendricks.

Auch international stelle sich die Bundesregierung der Verantwortung: Das Bundesumweltministerium finanziere mit der Internationalen Klimaschutzinitiative IKI seit dem Jahr 2008 Klimaschutz- und Biodiversitätsprojekte in Schwellen- und Entwicklungsländern in Höhe von insgesamt 1,4 Milliarden Euro. Das Volumen der anpassungsrelevanten Vorhaben daran beträgt über 250 Millionen Euro. Das Bundesforschungsministerium habe für Projekte und Forschungseinrichtungen im Bereich Klimaschutz und Energie rund 750 Millionen Euro allein im Jahr 2013 aufgewendet. Es arbeite mit rund 40 Ländern international zusammen. Beispielsweise baue Deutschland derzeit gemeinsam mit afrikanischen Partnerländern zwei regionale Kompetenzzentren für Klimawandel und angepasstes Landmanagement im südlichen und in Westafrika auf und investiere dafür bis zu 100 Millionen Euro. In der neuen Afrika- Strategie für Bildung und Forschung werde das Thema Klimawandel eine herausragende Bedeutung einnehmen. In Deutschland ermögliche das Förderprogramm KLIMZUG die Erprobung von Anpassungsstrategien an den Klimawandel und damit einhergehende Wetterextreme in unterschiedlichen Regionen. „Forschung und Bildung können weltweit dazu beitragen, unser Klimabewusstsein zu verändern. Wenn Menschen vor Ort, in ihrer Heimat, Erfolge bei der Anpassung an Klimaveränderungen erzielen, ist das auch ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz insgesamt“, sagte Wanka. Aber kein Satz zur Finanzierung des internationalen Klimafonds, die ja von Christoph Bals angemahnt wurde. Offenbar gibt es hier noch Nachholbedarf und man spricht natürlich lieber über Erfolge als über Versäumnisse.

Der erste Teilbericht des 5. IPCC Reports erschien im September vergangenen Jahres und widmete sich der Physik des Klimawandels. Der dritte Teil stellt Handlungsoptionen zur Vermeidung weiterer Treibhausgasemissionen dar und wird am 12. April 2014 in Berlin verabschiedet.

Zur Webseite des Weltklimarates IPCC