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Die Befürworter der sogenannten Kapazitätsmärkte argumentieren, dass angesichts eines steigenden Anteils erneuerbarer Energien fossile Kraftwerke als Reservekapazitäten verfügbar sein sollten, um Versorgungsengpässe zu überbrücken. Wegen dieses Vorhaltens von Kraftwerks-Kapazitäten wird diese Struktur als Kapazitätsmarkt bezeichnet. Allein die Bereitstellung soll dann - unabhängig davon ob die Anlagen überhaupt Strom erzeugen - finanziell vergütet werden. Nach Ansicht der Kritiker solcher Strukturen wäre dies unnötig, weil es derzeit zu keinen Engpässen käme und deshalb sei dies eine Subventionierung von Kohle-, Öl-, und Erdgaskraftwerken.


Kohlekraftwerk sollte man nicht über sogenannte Kapazitätsmärkte subventinieren (Foto: Tetris L; Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Ein kürzlich veröffentlichtes Gutachten des Bundeswirtschaftsministeriums bewertete in einem übergreifenden Ansatz zum einen die Leistungsfähigkeit des Strommarkts und zum anderen die Wirkungen von so genannten Kapazitätsmechanismen. Nach Einschätzung der Gutachter sei ein optimierter Stromgroßhandelsmarkt - ggf. ergänzt durch eine Reservelösung - den derzeit diskutierten Kapazitätsmärkten überlegen. Die Experten sehen für die nächsten Jahre keine Engpässe in der deutschen Stromversorgung.

Die Studie kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass die von der fossilen Energiewirtschaft geforderten Kapazitätsmärkte zu Mehrkosten für die Stromverbraucher von bis zu 15 Mrd. Euro bis zum Jahr 2030 führen würden. Die Autoren empfehlen daher statt neuer Subventionen eine Flexibilisierung des bestehenden Systems. Sollte die Politik in einigen Jahren doch Bedarf für eine zusätzliche Absicherung sehen, wäre das Modell der Strategischen Reserve wesentlich besser geeignet als Kapazitätsmärkte. Nach den Kriterien Effizienz, Wettbewerbsintensität, Flexibilität und europäische Einbindung sei dieses Modell - also das der strategischen Reserve - das Beste.

Die Grundlagen der strategischen Reserve hatte der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) im Mai 2013 gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium und dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft erarbeitet und steht hier zum Download bereit.  Sie steht im Gegensatz zu den Kapazitätsmärkten die auf eine „Sozialisierung der Risiken“ hinauslaufe, so der BEE, die Kunden müssten für die Bereithaltung verlustbringender Kraftwerke zahlen. Auch seien Kapazitätsmärkte nicht dazu geeignet, CO2-Emissionen zu senken. Durch das Gutachten des Wirtschaftsministeriums fühlt sich der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), der schon länger Kapazitätsmärkte für überflüssig hält, voll bestätigt.

„Es wäre ein schwerer Fehler, neue Finanzhilfen für alte, schmutzige Kraftwerke einzuführen“,

warnt BEE-Geschäftsführer Dr. Hermann Falk. „Das würde Milliardenkosten für die Stromverbraucher bedeuten und den Umbau unserer Energieversorgung in Richtung Nachhaltigkeit blockieren. Hier muss die Bundesregierung standhaft bleiben und sich Forderungen der grauen Herren in den Vorstandsetagen verweigern.“

Die Diskussion um die künftige Versorgungssicherheit zeigt nach Auffassung von Falk, dass gerade in Süddeutschland mit seinen großen industriellen Zentren mehr kostengünstige Windkraft ans Netz gehen, um die Abschaltung der Atomkraftwerke in den nächsten Jahren zu kompensieren. Nochmal O-Ton Falk: "Abstandsregelungen wie in Bayern und vorgeschobene Naturschutzargumente wie in Baden-Württemberg dürfen diese Energieform nicht ausbremsen.“

Vertreter der Industrie sehen die Forderung nach Kapazitätsmärkten ebenfalls kritisch: „Wir sollten nicht zu schnell Kapazitätsmechanismen einführen“, so Achim Dercks, Vize-Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, zur der Rheinischen Post und weiter: 

„Weitgehende Festlegungen auf staatliche ‚Schattenkapazitäten‘ führen zu hohen Kosten, die am Ende die Stromabnehmer nicht zuletzt in der Wirtschaft zahlen müssen“.

Auch die großen Stromerzeuger sind sich offenbar in der Forderung nach Kapazitätsmärkten nicht einig. Nach einem Bericht des Spiegel widerspricht der "Energieriese Vattenfall" seinen Konkurrenten E.on und RWE: "Anders als die deutschen Unternehmen erklärt der schwedische Staatskonzern sogenannte Kapazitätsmärkte für alte Kraftwerke in einer internen Analyse bis mindestens 2020 für überflüssig."

Angesicht dieser schwerwiegenden Argumente gegen Kapazitätsmärkte darf man gespannt sein, welche Entscheidung die Bundesregierung dazu fällt. Hoffentlich nicht zugunsten von RWE und E.on wie beim EEG.