Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) und Oppositionspolitiker widersprechen der Einschätzung von Bundesumweltminister Peter Altmaier, dass ein kostenoptimaler Ausbau Erneuerbarer Energien nur durch eine Verlangsamung der Energiewende zu erreichen sei. „Die bespiellose Technologie- Entwicklung der Erneuerbaren wurde durch die spezifische Einspeisevergütung und deren degressiver Ausgestaltung in Gang gesetzt. Innerhalb von zwei Dekaden wurden die Erzeugungskosten für eine Kilowattstunde Windstrom halbiert, die Kosten für die Kilowattstunde Fotovoltaik-Strom sogar in weniger als zehn Jahren. Marktdynamik hat hier mehr bewirkt als 40 Jahre Grundlagenforschung“, erklärt BEE-Geschäftsführer Dr. Hermann Falk.


(Foto: Udo Schuldt)

„Abgesehen von unseren Klimaschutzzielen brauchen wir auch deshalb einen schnellen Ausbau, damit Erneuerbare Energien die Netz- und Systemsicherheit übernehmen können, die heute noch von konventionellen Kraftwerken geleistet wird“, so Falk weiter. Jede Verlangsamung der Energiewende führe zu einer Zementierung fossiler Kraftwerksstrukturen, die den Erneuerbaren bereits heute oft im Weg stünden.

Nach Ansicht der Vorsitzenden des Umweltausschusses des Deutschen Bundestages, Eva Bulling-Schröter (DIE LINKE.) werden die Kosten auch durch die beispiellose Befreiung eines Teils der Industrie von den Netzentgelten in die Höhe getrieben. "Es wird Zeit, dass Brüssel die üppigen Ausnahmen für die energieintensive Industrie unter die Lupe nimmt. Die Netzentgeltbefreiungen sind dabei nur ein kleiner Teil der Industriesubventionen im Energiebereich, die auf den Prüfstand gehören".

Insgesamt würden die Unternehmen der energieintensiven Industrie mit 16 Milliarden Euro im Jahr bei Energiekosten subventioniert. Künftig sollten solche Vergünstigungen nur noch unter strengen Regeln eingeräumt werden. Und zwar nur dann, wenn Industrieunternehmen trotz Produktion nach Stand der Technik bei einem wesentlichen Teil ihrer Produkte eine hohe Energie- oder CO2-Intensität während der Herstellung haben und gleichzeitig mit diesen Produkten im Wettbewerb mit außereuropäischen Unternehmen stehen. Das würde weit weniger Firmen betreffen als heute befreit werden. Somit würden künftig nur jenen Unternehmen einen Vorteil haben, deren Produkte tatsächlich mit Erzeugnissen konkurrieren müssen, welche in Staaten hergestellt wurden, die meist keine vergleichbare Umweltgesetzgebung haben, wie sie in Europa existiert.

Die Privilegien bei den Netzentgelten machen in Deutschland in diesem Jahr rund 800 Millionen Euro aus. Energieintensive Unternehmen werden laut einer aktuellen Studie von Arepo darüber hinaus allein bei der EEG-Umlage fast mit 5,5 Milliarden Euro begünstigt. Beide Vergünstigungen führen zu höheren Strompreisen für die restlichen Verbraucherinnen und Verbraucher. Auf noch einmal 9,8 Milliarden Euro summieren sich Einnahmeausfälle der öffentlichen Haushalte, weil zu Gunsten von Unternehmen beim Strompreis auf Ökosteuer, Konzessionsabgaben und Versteigerungen von Emissionsberechtigungen verzichtet wird. Soweit Eva Bulling-Schröter.

Eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Consentec und des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (Fraunhofer IWES) im Auftrag der Agora Energiewende zeige außerdem, so der BEE, dass sich bis 2023 jährlich rund zwei Milliarden Euro sparen ließen, wenn deutlich mehr Windenergieanlagen an Land gebaut würden. „Genau hier aber will der Bundesumweltminister auf die Bremse treten“, kritisiert Verbands-Geschäftsführer Falk die aktuellen Pläne. Auch zeige die Studie, dass ein dezentraler Ausbau von Wind- und Solaranlagen nahe den Verbrauchszentren, keine höheren Kosten verursache als an den so genannten „besten Standorten“ (Wind im Norden, Fotovoltaik im Süden). „Eine Konzentration Erneuerbarer Energien auf wenige Standorte bedeutet mehr Netzausbau und höhere Erzeugungsschwankungen, da sich örtliche Wetterlagen stärker bemerkbar machen als bei einer breiten regionalen Streuung der Anlagen“, sagt Falk.

Damit Erneuerbaren Energien in Zukunft die notwendige Ausgleichsenergie bereitstellen können, um ihre eigenen Schwankungen zu kompensieren, braucht es unter anderem einen breiten Technologiemix. „Wind- und Solarenergie können diese Aufgabe nicht allein stemmen“, stellt Falk fest. Neben gut regelbaren Bioenergie- und verlässlichen Wasserkraftanlagen sei die Energiewende ebenso auf Geothermiekraftwerke angewiesen, deren Potenziale dringend gehoben werden müssten, so Falk.