Der dritte Teilbericht des fünften IPCC-Reports. Langsam wird es langweilig die immer wieder ähnlichen Nachrichten zu hören. Im Wesentlichen haben sie alle die Aussage, dass die Menschheit nun endlich handeln muss. Von daher ist kaum damit zu rechnen, dass mein Text viele Leser findet. Dabei habe ich mir mit dem soviel Mühe gegeben, extra einen Urlaubstag genommen und bin auf eigene Kosten nach Berlin zu gefahren um an der Präsentation des IPCC teilzunehmen.


Info zum Foto: Greenpeace empfängt die Besucher der IPCC-Veranstaltung (Foto: Udo Schuldt)

Was soll´s also? Natürlich habe ich mir überlegt, ob es sich lohnt, oder ob es nicht einfacher ist eine Zusammenfassung der englischen Zusammenfassung zu geben und gut ist´s. Die Welt ist ohnehin immmer schnelllebiger und immer weniger tiefgründig. Dann kommt der Artikel auch noch zwei Tage zu spät zu einem Zeitpunkt zu dem andere Medien schon lange berichtet haben. Dennoch, jetzt habe ich eine Einladung zur Präsentation bekommen, weil das Klimaschutz-Netz offenbar schon eine gewisse Bekanntheit hat, dann will ich auch mal daran teilnehmen.

Pünktlich an der TU Berlin angekommen wird man vor der Tür von Greenpeace-Aktivisten empfangen. Eine Mahnung für die SPD haben sie parat und zielen damit wohl auf Minister Gabriel, der auch erwartet wird. Im Inneren muss man vor Betreten des Veranstaltungsraums, des Audimax, erst mal eine Taschenkontrolle zulassen, wenn man sie nicht abgeben will. Die Kamera wird überprüft ob es auch wirklich eine ist und keine Schießkamera oder Bombe. Nicht nur der Eingang, der ganze Raum wird vom Sicherheitsdienst überwacht. Links und rechts stehen Aufpasser und behalten alles im Blick. Sicher eine schwierige Aufgabe, bei den hunderten von Besuchern.

Noch vor den Reden wird Posaune geblasen. Eine symbolische Geste, sozusagen als Warnung? Mir fällt dazu die biblische Johannes Offenbarung ein, obwohl ich überhaupt nicht gläubig bin, darin heißt es: "Und der erste blies seine Posaune; und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und fiel auf die Erde; und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte."

Im Anschluss an die unvermeidlichen Begrüßungen durch den TU-Präsidenten und die anderen Mitveranstalter gibt Prof. Chris Chair, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitgruppe II zunächst einen Ausblick auf deren Ergebnisse (Klimaschutz-Netz berichtete bereits), denn die Handlungsoptionen, die ja hauptsächlich vorgestellt werden sollten, hängen selbstverständlich mit den Bedrohungen für die Zivilisation und die Natur zusammen.

Prof. Ottmar Edenhofer hält dann den Haupvortrag. Er erklärt, dass es sowohl um Fakten, als auch um Wertungen ginge, insbesondere im 2. und 3. Teil des Reports. Ich denke mir dazu, vielleicht so eine Bewertung wie: Was ist wichtiger? Weiterhin gute Profite der konventionellen Energieversorger oder der Erhalt der Alpengletscher?  Ist es wichtiger, dass die Malediven nicht versinken oder der Erhalt der Arbeitsplätze in der Autoindustrie? Oder das Beispiel Atomenergie, welches auch von Edenhofer erwähnt wird. Auch dabei geht es um die Bewertung von deren Risiken gegenüber der Möglichkeit mit ihr CO2 zu vermeiden. Tatsache sei, so Edenhofer, dass die Emissionen steigen, steigen und steigen, trotz der Finanzkrise, trotz vielfältiger Versuche die Emissionen zu reduzieren. Der Treibhausgas-Ausstoß nähme dabei insbesondere in den letzten 4 Jahrzehnten zu. Aber gerade in den Ländern mit hohem Einkommen sei eine Veränderung aufgrund politischer Maßnahmen möglich. In ärmeren Ländern wäre dies schwieriger, daher sei Zusammenarbeit notwendig. Die aktuelle Weltwirtschaft sei auch sehr viel kohlenstoffintensiver wie im Jahrzehnt zuvor. Das wäre insbesondere auf eine verstärkte Kohlenutzung zu zurückzuführen. Wir würden auch Technologien brauchen die CO2 aus der Atmosphäre entfernen, wenn die Menschheit nicht schnell genug handelt um das 2 Grad Ziel noch zu erreichen, so der Professor. Ab 2030 müssten dann z.B. 6% des CO2 pro Jahr entfernt werden, wenn wir so weiter machen wie bisher und nicht schnell reduzieren. Das ist natürlich technisch völlig unmöglich, denke ich, weil Wald gar nicht so schnell nachwächst, wie man ihn dann zu Holzkohle verarbeiten müsste, um mit dieser dann die Böden zu verbessern. Wieder zu Edenhofer: Der Bericht kommt zum Ergebnis, dass Land- und Forstwirtschaft eine enorme Rolle in der Zukunft spielen um die  Gesellschaft und Wirtschaft an die Erderwärmung anzupassen. Wesentlich seien außerdem folgende Aspekte:

1. Eine gute internationale Zusammenarbeit bei Anpassungsmaßnahmen.

2. Ein globales Handelssystem für Treibhausgasemissionen.

3. Ein Technologietransfer für alle Schlüsseltechnologien zur Anpassung an den Klimawandel.

Soweit Professor Edenhofer.


Einige der gegen Gabriel protestierenden jungen Leute (Foto: Udo Schuldt)

Als Siegmar Gabriel den Raum betritt, kommt Bewegung in die Schar der Foto- und Film Journalisten. Offenbar will sich einer der Fotografen dem Minister zu sehr nähern. Jedenfalls ist sofort der Sicherheitsdienst zur Stelle, der ein weiteres Vordringen verhindert. Seelenruhig zieht der Fotograf daraufhin sein Hemd aus. Das T-Shirt darunter ist mit Parolen bedruckt und nun gehen auch andere Frauen und Männer mit bedruckten T-Shirts und bemalten Gesichtern nach vorne, d.h. so weit wie die Security sie lässt. Es ist ein Protest für erneuerbare Energien, was man auf meinen Fotos leider nicht so gut sieht. Gabriel hatte ja gerade den neuen EEG-Entwurf vom Bundeskabinett absegnen lassen, der viele schwer verdauliche Kröten für die Anhänger der erneuerbaren Energien enthielt. Treffend ist in diesem Zusammenhang seine eigene Beschreibung der Situation: Ökonomische Interessen seien auf die Gegenwart gerichtet nicht auf die Zukunft. Ökonomischer Erfolg sei aber eigentlich kein Gegensatz zum Klimaschutz. Wenn ein Europäer jedoch mit einem Chinesen über Treibhausgasemissionen verhandele, so Gabriel, dann versteht der Chinese das so, dass der Europäer ihm neue Lasten auferlegen will, um die chinesische Ökonomie zu schwächen. Es müsse daher eine Vorbild-Ökonomie in Europa geschaffen werden, die auf die Welt abfärbt. An Prof. Edenhofer gerichtet spricht sich Gabriel dagegen aus Atomenergie einzusetzen. Er sehe auch keine Chance dafür, da diese auch die teuerste Energieform sei. Das EU-Emissionshandelsystem sei wieder flott zu machen, gegenwärtig wäre es kein gutes Vorbild. Die Energieerzeugung wäre das Hauptproblem, wenn wir über Treibhausgase sprechen. Jedes Land und jeder Einzelne bräuchte daher eine Strategie um seine Treibhausgasemissionen zu verringern. Im Moment sei es jedoch sehr schwierig, weil auch viele Regierungen aus Osteuropa denken, dass die Lasten einer Emissionsverminderung der Treibhausgase für die Ökonomie zu groß seien. Auf diese Weise werde Europa nicht viel von anderen fordern können. Deutschland möchte trotzdem Vorreiter sein, z.B. mit den Atomausstieg. Die europäische und die deutsche Wirtschaft dürfe aber auch nicht unter zu hohen Energiekosten leiden, sonst würden die Betriebe in Länder mit niedrigeren Energiekosten auswandern. Auch die Netzentwicklung hinke der Entwicklung der Erneuerbaren Energien hinterher, das sei schwierig. Soweit der Wirtschaftsminister.


Der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri bei seiner Rede (Foto: Udo Schuldt)

Rajendra Pachauri, der Abschlussredner, erklärt an Edenhofer gewandt, dass er als Student Parolen gegen Atomenergie an die Wände gemalt hätte. Ich denke mir dabei: Nun hat das Heimatland Pachauris, Indien, inzwischen Atombomben und es begann mit der sogenannten friedlichen Nutzung. Für Gabriel hat er ein paar lobende Worte parat. Er kenne ihn aus der Zeit als er noch Umweltminister war. Damals hätte Gabriel in Anspielung auf den berühmten Spruch von Neil Armstrong, als dieser als erster Mensch den Mond betrat, über einen klimaskeptischen Verhandlungspartner gesagt, als dieser zugab, dass der Klimawandel eventuell doch menschengemacht sei: "Das war ein großer Schritt für ihn aber ein kleiner Schritt für die Menschheit". Ich frage mich dabei, ob Pachauri wohl mitbekommen hat, dass Gabriel mit seinem neuen Erneuerbaren Energiegesetz die Schrittweite für den Klimaschutz in D nun wieder verkleinern will? Wir müssten schnell handeln, sagt Pachauri, Verzögerung sei keine Option.

Nach der recht kurzen Abschlussrede des IPCC-Vorsitzenden laden die Veranstalter alle Zuhörer noch in den Lichthof des TU-Hauptgebäudes. Es gibt dort kleine Spießchen und Getränke. Am Stehtisch komme ich mit einem Studenten ins Gespräch. Er verfolgt die Klimaproblematik schon länger und sieht ebenso wie ich mit Sorge, dass das Interesse an Klimapolitik nachgelassen hat. Der Klimagipfel in Kopenhagen wäre der Höhepunkt des Interesses gewesen, seitdem hätte es nachlassen, was wohl auch an der relativen Erfolglosigkeit der Verhandlungen läge. Dem kann ich nur zustimmen. Eine Diskussion entspinnt sich noch über die Frage der Atomenergie, die im 3. Teil des neuen IPCC-Berichts ja als Option angesehen wird. Mein Gesprächspartner kann sich vorstellen, dass sie ein Beitrag zur Lösung wäre. Ich wende ein, dass sie zu teuer, zu langsam verfügbar und vor allem zu gefährlich ist. Wobei ich die Gefährlichkeit schwerpunktmäßig in der ungelösten Atommüllfrage und der Weiterverbreitung von Atomwaffen sehe, wie das bereits erwähnte Beispiel Indien zeigt.


Der Lichhof der TU mit einem Teil der Teilnehmenden (Foto: Udo Schuldt)

Abends im Bus, auf dem Weg nach Hamburg, schaue ich noch die Presseerklärungen des Tages, auf meinem Netbook, durch. Eine von Eva Bulling-Schröter, Herausgeberin des Klimaschutz-Netzes und linke Bundestagsabgeordnete, ist auch dabei: "Der Weltklimarat sagt klar, wohin die Reise gehen muss: Nur mit mehr Erneuerbaren Energien und weniger schmutziger Kohlekraft kann Deutschland zum Zwei-Grad-Klimaziel beitragen. Stattdessen fährt die Bundesregierung munter in Richtung fossile Brennstoffe. Dieser fossile Kurs geht auf Kosten des Klimas. Der Ausstoß des CO2-Klimakillers ist auch in Deutschland wieder angestiegen. Der Bericht des Weltklimarates zeigt, dass die Maßnahmen der Bundesregierung nicht genügen, um den Ausstoß der Treibhausgase bis 2020 um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu reduzieren. Das SPD-Wahlversprechen, ein Klimaschutzgesetz auf den Weg zu bringen, ist schon im Koalitionsvertrag nicht zu finden. Im Gegenteil: Kanzlerin Angela Merkel und Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel haben die Energiewende mit der jüngsten EEG-Novelle zugunsten von Industrie und großer Energiefirmen ausgebremst. Darüber hinaus hat Deutschland international eine besondere Verantwortung. Mit knapp zehn Tonnen ist der CO2-Ausstoß je Einwohner in Deutschland mehr als doppelt so hoch wie der globale Durchschnitt und beträgt das Zehnfache der pro-Kopf-Emissionen des afrikanischen Kontinents. DIE LINKE im Bundestag fordert die Halbierung des Klimagas-Ausstoßes in Deutschland bis zum Jahr 2020 und eine Minderung um mindestens 90 Prozent bis Mitte des Jahrhunderts. Deutschland muss eine Energiewende hin zu erneuerbaren Energien bei gleichzeitig sparsamerem Umgang mit Energie vorantreiben."

Ja, so ist das. Ich frage mich dabei wer die Treiber sein werden, die diese Klimapolitik durchsetzen könnten, denn trotz der ganzen Problematik, gibt es keine starke außerparlamentarische Kraft und ist Klimapolitik ja nicht wahlentscheident. Was mir Hoffnung macht, ist die Tatsache, dass erneuerbare Energien immer günstiger werden und Methoden wie Kohlekraft-CCS und Fracking keine Akzeptanz finden, was wiederum bedeutet, dass sich hier für den fossil-industriellen Komplex kein Ausweg aus dem unvermeidlichen Niedergang eröffnet. Kurz bevor ich im Sitz des Reisebusses einschlafe fällt mir noch ein SPON-Kommentar von Christoph Seidler auf. Insbesondere spricht mich folgende Aussage an: " ... die Folgen der Erderwärmung verschwinden nicht dadurch, dass man sie ignoriert." Jedenfalls werde ich mir den IPCC-Bericht nochmal ganz genau ansehen, denn ich glaube nicht, dass ich schon ausreichend über seinen Inhalt informiert bin, auch nicht nach diesem Tag in Berlin.