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Um den notwendigen Wandel zu beschleunigen sind 150 Milliarden aber zu wenig

Die durchschnittlichen CO2-Emissionen der Menschen in Afrika sind gering im Vergleich zu jenen Europas. Damit das so bleibt, ist dort der Einsatz fossiler Brennstoffe immer weiter zu verringern. Während viele Orte auf dem Kontinent noch immer keinen Stromanschluss haben, kann eine Elektrizitätsversorgung zukünftig durch Solar- und Wind-Energie-Lösungen erfolgen. Der EU-Beitrag geht in die richtige Richtung, ist aber zu gering.

AU EU Gipfel
Pressefoto zum Afrika-EU-Gipfel (Foto © EU-Kommission)

Die 150 Milliarden, welche die EU, in den kommenden sieben Jahren, für den Wandel in Afrika bereitstellt, sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wobei dieses Geld auch in andere Projekte fließen soll, z.B. in Verkehrsnetze und Digitaltechnik. 

Immerhin stellt EU-Kommissions-Präsidentin von der Leyen den Klimaschutz ins Zentrum ihrer Erklärung zum Afrika-EU-Gipfel.

"Wichtig ist mir auch, zu betonen, dass eine engere Partnerschaft bedeutet, unseren gemeinsamen Kampf gegen den Klimawandel zu verstärken. Wir wollen, dass grüne Partnerschaften, wie wir sie mit Südafrika oder Marokko haben, auf dem gesamten Kontinent florieren. Denn Klimaschutz ist die Herausforderung unserer Generation. Dies war ein wichtiges Thema auf dem Gipfeltreffen."

So Frau von der Leyen. In diesem Zusammenhang hebt sie die "grünen" Partnerschaften mit der Republik Südafrika und Marokko, als beispielhaft, hervor. Aber abgesehen davon, dass außer Absichtserklärungen noch nicht viel passiert ist, zeigt sich hier das riesige Ausmaß an notwendigen Veränderungen in Südafrika. 

Beispielsweise Südafrika

Die Republik Südafrika hängt an der Kohle. Über 90 % des elektrischen Stroms kommt aus Kohlekraftwerken. Deshalb ist das Land, mit gut 60 Millionen Mitmenschen, auf Platz 12 der Liste der Staaten mit den größten CO2-Emissionen.

Kohleprotest Südafrika
Protest gegen Kohleverbrennung in Südafrika (Foto: Kgara Kevin Rack, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Die Pro-Kopf-Emissionen des Treibhausgases lagen 2019 mit 8,5 Tonnen pro Person fast 2 Tonnen über dem EU-Durchschnitt von 6,6 Tonnen. Darüber hinaus ist Südafrika eines der größten Kohle-Exportländer. Nach Australien, mit 39,6% Anteil am Welt-Kohle-Export, nach Indonesien, Russland und den USA, liegt Südafrika, mit 4,7% Weltmarktanteil, auf Platz 5 der Weltrangliste.

Begünstigt wird die Umstellung auch dort durch den niedrigen Strompreis für Solarstrom aus neuen Anlagen. Für den Klimaschutz spielt jedoch der Faktor Zeit eine zentrale Rolle. Es kommt darauf an, die alten Anlagen schnell stillzulegen und durch Erneuerbare Energie zu ersetzen. Beispiele für neue Solaranlagen gibt es bereits. So erstellte die Juwi-Gruppe verschiedene größere und kleinere Installationen in der südafrikanischen Republik.

Erneuerbare Energie allerorten möglich

Afrikanische Länder werden oft als Entwicklungsländer bezeichnet. Das ist durchaus berechtigt, aber nur, weil fast alle Länder der Erde in Bezug auf eine klima- und umweltfreundliche Wirtschafts- und Lebensweise Entwicklungsländer sind. In diesem Sinne ist auch Deutschland Entwicklungsland. Das Gute ist, dass die Technologien für eine klimafreundliche Entwicklung vorhanden sind. Neue Sonnen- und Windenergieanlagen produzieren heute Elektrizität günstiger als Atom-, Kohle- oder Gaskraftwerke.

Solartainer
Solarcontainer in Mali, im Dorf Toukoto, Kayes-Region (Foto: Torsten Schreiber, Lizenz: CC BY-SA 4.0)

In Afrika gibt es immer noch viele Dörfer, die an kein Stromnetz angeschlossen sind. Dies betrifft sogar etwa 80% der Bevölkerung. Wer Strom braucht, etwa um ein Mobiltelefon zu laden, am Abend Licht zu haben oder um Medikamente zu kühlen, lässt diesen häufig - laut und schmutzig - von Dieselgeneratoren erzeugen.

Viele Hütten in den Dörfern haben keine tragfähigen Dächer, auf denen Solaranlagen installiert werden könnten. Es ist aber möglich Elektrizität klimafreundlich mit Solarcontainern - z.B. der Firmen Multicon Solar oder Africa GreenTec - zu erzeugen. Diese Container enthalten das komplette System: Solarmodule, Steuerung und Stromspeicher. In diese Container können auch Wasseraufbereitungsanlagen und Internetverbindungen über Satelliten integriert werden. 

Solar Decathlon Africa
Sind stabile Dachkonstruktionen vorhanden, dann eignen sich diese auch für Dach-Solaranlagen (Solar-Ausstellung in Marokko, 2019, Foto: Public Domain

Weniger geeignete Standorte gibt es für konventionelle Windenergieanlagen. Diese findet man vor allem an der Küste. Windenergieanlagen sind aufgrund höherer Investitionskosten wohl auch eher für die Einspeisung ins Stromnetz verwendbar, bzw. zur Herstellung von grünem Wasserstoff zu gebrauchen. Grüner Wasserstoff war ebenfalls Thema auf dem Gipfel. Bleibt zu hoffen, dass dieser dann zur Verwendung in Afrika erzeugt werden soll und nicht vorrangig für den Export nach Europa. Dezentral ließe sich Windstrom mit Flugwinddrachen erzeugen. Diese Technik ist aber offenbar noch nicht ausgereift und eine kommerzielle Anwendung ist nicht bekannt.

Enerkite
Flugwinddrachen zur Erzeugung von Elektrizität aus Windenergie (Foto: © EnerKite) 

Verpasster Ausschluss von fossilem Gas birgt große Risiken

Neben einer grundsätzlich positiven Bewertung des Gipfels kommt von der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch auch Kritik, weil die Vertreterinnen und Vertreter von Europäischer (EU) und Afrikanischer Union (AU) sich nicht auf einen expliziten Ausschluss von fossilem Gas einigen konnten. Stattdessen werde Erdgas die Hintertür geöffnet – als angebliches Mittel für eine stufenweise Energiewende. 

„Fossiles Gas birgt große Risiken für Umwelt, Mensch und Demokratie. Es ist eine verpasste Chance, dass sich Europa und Afrika nicht gemeinsam gegen die Finanzierung aller fossilen Brennstoffe inklusive Gas ausgesprochen haben“,

stellt Kerstin Opfer klar. Sie ist Germanwatch-Referentin für Energiepolitik und Zivilgesellschaft in Afrika und somit eine Kennerin der Materie. Fälschlicherweise werde die Nutzung von fossilem Gas oftmals als nationales Projekt und als Voraussetzung für Energiesicherheit verstanden. Erneuerbare Energien – insbesondere dezentrale Projekte – können aber weit besser einen zuverlässigen und erschwinglichen Energiezugang bieten sowie qualifizierte Arbeitsplätze für die junge Bevölkerung schaffen. Sie ist der Meinung, dass EU, AU und G7 eng zusammenarbeiten sollten, um spätestens auf der Weltklimakonferenz Ende des Jahres in Ägypten ein klares Bekenntnis zu Erneuerbaren Energien und gegen fossiles Gas abgeben zu können.

Öffentlicher Druck ist nötig, damit es vorangeht

Dass Klimaschutz überhaupt zu einem zentralen Thema geworden ist, verdanken wir den Jugendprotesten der "Fridays for Future"- Bewegung. Meinem Eindruck nach sind diese Proteste aber zu stark auf Veränderungen in den Industriestaaten gerichtet. In Deutschland einen Wandel hin zum kompromisslosen Klimaschutz zu erreichen ist zwar wichtig - weil man schlecht von anderen verlangen kann, was im eigenen Land nicht geschieht - aber der internationale Aspekt des Klimaschutzes ist zumindest gleichrangig, wenn nicht wichtiger. Das gilt auf der Ebene der EU, unter bilateralen Aspekten mithilfe sogenannter Entwicklungspatenschaften und auf UNO-Ebene, z.B. bei den Klimaverhandlungen.

Klimadiplomatie gehört in das Zentrum des Interesses, das gilt selbstverständlich auch für die Berichterstattung in der Presse. Journalistinnen und Journalisten sollten sich - zum Beispiel - schon mal in ihre Kalender schreiben, wann und wie sie den klimapolitischen Fortschritt in Afrika messen und kommentieren wollen. Der Kontinent könnte nämlich ein Beispiel dafür werden, dass man die fossile Phase abkürzen bzw. sogar ganz überspringen kann. Dafür lohnt es sich einzusetzen.