Am 31.8.2011 fand die 3. Norddeutsche Passivhauskonferenz in Hamburg statt. Als ich das letzte Mal vor 2 Jahren an der 1. Norddeutschen Passivhauskonferenz teilnahm, war diese noch kostenlos. Diesmal mussten die Teilnehmer 90 € hinblättern, das war schon mal der erste Unterschied. Ein Unterschied, der sicherlich dem Interesse an dieser Konferenz folgte. Man konnte das einfach verlangen und trotzdem kam das Publikum. Über 300 Personen, vorwiegend Fachpublikum - Architekten, Bauingenieure, Journalisten, Politiker und natürlich Aussteller.


Plenum der Passivhauskonferenz im feinen Empire Riverside Hotel; Foto: Udo Schuldt

Der zweite Unterschied, neben dem Eintrittsgeld, war die erkennbare Dynamik, welche die Passivhaustechnologie gewonnen hatte und das zu Recht. Das Passivhaus ist die konsequente Weiterentwicklung einer energiesparenden Gebäudetechnologie, hin zu einem Haus, welches im Winter keine Heizung mehr benötig und im Sommer keine Kühlung, da es die Wärme passiv gewinnt, sogar die Körperwärme der im Haus lebenden Menschen trägt dazu bei. Im Sommer verringern Abschattungselemente ein Eindringen der Wärme und auch die Isolierung hält das Haus kühl. (Was gegen Kälte schützt hilft auch gegen Hitze.)

Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht mit "Heatballs" heizen, denn das Passivhaus zeichnet sich auch dadurch aus, dass es energiesparendste Elektroinstallationen verwendet, denn die Gesamtbilanz wird aus allen notwendigen Energieverbrauchern gebildet, dazu gehört dann auch die Beleuchtung.

Ein gut Teil dieser Dynamik ist hier sicher der europäischen Gesetzgebung geschuldet. Der eloquente Dipl.-Ing. Architekt Günther Lang aus Wien machte in diesem Sinne deutlich, dass, gemäß EU, bis 2020 eine CO2-Emissions-Reduktion bei Gebäuden von 53% und bis 2050 sogar um 91%, zu erfolgen habe. Eine neue EU-Richtlinie lege außerdem fest, dass ab 2020 nur noch Fast-Nullenergie-Häuser zu bauen seien. Österreich, so wusste Lang zu berichten, nimmt in diesem Kontext bereits eine Vorreiterrolle ein. Die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat Tirol errichtet gegenwärtig, aufgrund der guten gemachten Erfahrungen, nur noch Wohnhäuser in Passivhausweise. Überhaupt sollen in Tirol ab 2012 nur noch Gebäude im Passivhausstandard gebaut werden, wenn die SPÖ in der nächsten Woche mit einem entsprechenden Antrag erfolgreich ist, was wohl zu erwarten sei. Ab 2015 werde in A praktisch der gesamte Neubau im Passivhaus-Standard erfolgen. Die bisher realisierten Bauten hätten zur Hälfte außerdem Solarenergie-Anlagen. Passivhausbau befände sich, so äußerten sich noch mehrere Referenten, aber auch in der ganzen EU im exponentiellen Aufschwung.

Die Notwendigkeit für diese Haustechnik machte ausgerechnet ein Staatssekretär der deutschen Regierung deutlich. MinRat Dipl.-Ing. Hans-Dieter Hegner, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung erläuterte, dass Gebäudesektor und Verkehr, in Deutschland, zusammen etwa 70% der Energie verbrauchen. Weil dies so ist, darum sind Gebäude die keine Heizung benötigen, wie die Passivhäuser, oder solche, die sogar mehr Energie erzeugen, wie sie verbrauchen, wie die Plusenergiehäuser, für den Klimaschutz so wichtig. Dabei sei das Plusenergiehaus nur ein Passivhaus mit Solaranlagen auf dem Dach, oder irgendwann vielleicht auch mit Kleinwindkraftanlagen.

Die führende Institution in Passivhausfragen ist wohl das Passivhaus-Institut. Dessen Vertreter Wolfgang Hasper machte deutlich, dass Passivhäuser nicht mehr als 15 kWh/(m2a) Energie verbrauchen dürfen, bzw. die Heizlast nicht höher als 10 W/m2 sein dürfe. Auch der Primärenergiebedarf dürfe 120 kWh/(m2a) nicht überschreiten (inklusive aller Stromanwendungen). Die Luftdichtigkeit der Gebäudehülle muss mindestens N50=0,6/h betragen und die Übertemperaturhäufigkeit im Sommer unter 10% liegen. Realisiert werde dies durch gute Wärmedämmung, Vermeidung von Wärmebrücken, eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und große Fenster mit Südlage, sowie durch Maßnahmen zur Abschattung der Fenster im Sommer. Im Laufe der Veranstaltung wurde deutlich, dass viele Architekten mittlerweile ein größeres Problem darin sehen, dass Haus im Sommer kühl zu halten, wie im Winter warm.

Verschiedene Referenten führten aus, dass Qualitätssicherung bei der Planung (und der Bauausführung) unabdingbar sei, d.h. eine unabhängige Gegenkontrolle, welche alle Planungsunterlagen prüft, und zwar in Bezug auf Geometrie, Fläche, U-werte, Materialdaten (Dämmstoffe), Bauteileigenschaften (Fenster, Lüftung) und Verschattung durch die Umgebung. Kriterien seien z.B. Vollständigkeit, Luftdichtigkeit, Wärmebrücken, Lüftungssystem.

Jedes neu gebaute Haus erzeugt einen Beitrag zur Umweltzerstörung, z.B. durch Flächenverbrauch, auch Passivhäuser. Etwas anders sieht es bei dem Ersatz nach Abriss aus, aber auch hier fällt der Energie- und Rohstoffaufwand für die Materialien ins Gewicht. Also, am Wichtigsten für den Klimaschutz ist die Sanierung des Bestands. Wegen dieses Themas war ich begierig auf den Beitrag "das Passivhaus im Bestand - ein gefördertes Mehrfamilienhaus", von Dipl.-Ing. Arch. Jan Günther.

Sanierungfall war ein Nachkriegs-Mehrfamilienhaus in Hamburg, Marienthalerstraße Straße ( da habe ich vor 40 Jahren Zeitungen ausgetragen, genau in den Häusern ). Ein Problem war die Herstellung der luftdichten Gebäudehülle, da der ursprüngliche Beton porös wie ein Schweizer Käse war. Realisiert wurde diese schließlich durch einen Außenputz mit vorgesetzten Fensterscheiben und viel Kreativität beim Aufspüren der Leckagen. Ein VW-Zuhausekraftwerk im Keller sorgt für die Restenergie. Es wird eine Mietsteigerung von 4 € pro qm geben. Das Passivhaus war die günstigste Entscheidung, d.h. es gab ein umfassendes Wirtschaftlichkeitskonzept.


Fassadenansicht der Häuser Marienthaler Str. am 31.8.2011; Foto: Udo Schuldt

Übereinstimmung gab es bei den meisten Referenten auch mit der Auffassung, dass, "wenn man saniert, dann sollte man es richtig machen", noch kostengünstiger sei diese im Zusammenhang mit einer "Sowieso"-Sanierung, also, wenn die Einrichtungen oder die Fassade, bzw. das Dach sowieso eine Sanierung erfordern. Passivhäuser müssen noch nicht mal teurer als Niedrigenergiehäuser sein. Man fände entsprechende Baufirmen!

Karl-Ulrich Kuhlo, der ehemaliger Chefreporter von Bild am Sonntag und Aufsichtsrat bei n-tv, war für mich die Überraschung des Tages, weil ich von einem Liberalen eigentlich keinen Einsatz für das Energiesparen erwarte. Nun ist seine Ansicht vielleicht auch etwas speziell. Kuhlo fragte sich lange Zeit, warum denn nichts geschehe, angesichts von Umfrageergebnissen, die Klima- und Umweltschutz als wichtig ansehen. Öko habe für viele Menschen einen gewissen Mief, so seine Antwort. Begriffe wie "Energiesparen" und "Klima schützen" seien mit Einsparen oder Zwang verbunden. Dagegen müsse Energiesparen ein völlig neues Image bekommen. Passivhaus muss Spaß machen, muss ein gutes Image repräsentieren, Z.B. in folgendem Sinne: "Unabhängig und frei von Öl und Gas - Energy Style" (... Yeah ...) Der Traum habe Chancen. Nicht mehr Verzicht predigen, sondern aktives Erzeugen von Energie propagieren. Das Plusenergiehaus. Wer sich gegen das Plusenergiehaus entscheide sei morgen der Looser. Wer dagegen heute so ein Haus baut, der hat keine Probleme mehr für die Zukunft.

 

Meine Stichworte zu den Plenumsvorträgen und den Vorträgen der Foren B1 und B2

Hinweis: Die nächste Internationale Passivhaustagung findet vom 4. bis 5. Mai 2012 im Hannover Congress Center statt.