Jetzt, da diese Zeilen geschrieben werden, erlebt Deutschland den trockensten Frühling seit 1893. Nicht, dass dies irgendeine Besorgnis bei den Bürgern auslösen würde oder Diskussionen über den Klimawandel, alles läuft in seinen gewohnten Bahnen und, zum Beispiel die internationalen Klimaverhandlungen, dieser Tage in Bonn, finden kaum Beachtung. Den Eindruck, dass die Gefahr des Klimawandels häufig unterschätzt wird, gewinnt der gut informierte Beobachter immer wieder. Das letzte Mal entstand dieser Eindruck bei einem Fachgespräch zur ökosozialen Gebäudesanierung, welches von der Linksfraktion des Bundestages durchgeführt wurde. Dort fragten doch einige Experten, allen Ernstes, ob man nicht den Zeitraum, in dem die energetische Sanierung durchgeführt werden sollte, verlängern könnte.


Jahrhundertflut in Pakistan; Foto gemeinfrei

Tatsächlich hat die Menschheit überhaupt keine Zeit und müsste unmittelbar handeln, um sämtliche Verbrennungsprozesse so schnell wie möglich zu beenden, bzw. im Falle von Holz und anderen Nawaro, so stark wie möglich zu reduzieren.

Worin mag diese Fehleinschätzung begründet sein? Vermutlich werden die gegenwärtig stattfindenden Katastrophen noch nicht als so dramatisch empfunden. Möglicherweise besteht die Auffassung, dass diese Katastrophen beherrschbar sind.

Dabei war das Jahr 2010 eines der katastrophenreichsten und das wärmste Jahr der jüngeren Geschichte.

Zu Beginn des Jahres 2010 lagen Teile Nordamerikas, Europas und Asiens unter dem Einfluss sehr kalter, arktischer Polarluft. In Großbritannien wurde der kälteste Winter seit 1978/79 beobachtet. Warmluft strömte dagegen nordwärts nach Kanada und verursachte dort den mildesten Winter seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahre 1948, da dann auch das Frühjahr, der Sommer und Herbst selten warm blieben, erlebte Kanada das wärmste Jahr seit 1948. Legendär waren die "Grünen Olympischen Winterspiele", weil der Winter auch der trockenste seit 1948 war, d.h. auch die kalte Feuchte in Form von Schnee blieb aus.

In Australien begann das Jahr 2010 dagegen sehr heiß an – das Land erlitt den wärmsten Sommer seit Beginn der Temperaturmessungen. In Europa wütete im Februar das gewaltige Orkantief „Xynthia“, welches in Frankreich, Spanien und Deutschland mindestens 53 Menschenleben forderte, 45 Todesopfer allein in Frankreich.

Im April suchte eine Hitzewelle Indien heim, Neu-Delhi vermeldete den wärmsten April seit 1958. Im selben Monat regnete es in Rio de Janeiro 17 Stunden lang ohne Unterbrechung. Durch Erdrutsche und Überschwemmungen kamen in ganz Brasilien rund 230 Menschen ums Leben.

Im Mai steigerte sich die Hitzewelle in Indien und Pakistan noch. In Mohenjo-Daro, in Pakistan, wurden am 26. des Monats 53,5°C gemessen, die höchste, je in Pakistan gemessene Temperatur und die höchste in Asien gemessene Temperatur seit 1942. Für Indien war es das bis dahin wärmste Jahr seit 2001. Ebenfalls im Mai kostete „Agatha“, der erste Tropensturm der Saison, in den zentralamerikanischen Staaten Guatemala und El Salvador 180 Menschen das Leben. Wassermassen rissen ein 30 Meter tiefes Loch in Guatemala-Stadt.

Mitte Juni bis Mitte August erfasste eine beispiellose Hitzewelle Westrußland. Am 29. Juni stellte das Moskauer Observatorium die höchste, je gemessene Temperatur fest: 38,2°C. Der letzte Wärmerekord betrug 36,8°C und lag 90 Jahre zurück. Damit beherrschte die schlimmste Hitzewelle seit 1000 Jahren das Land. Durch verheerende Wald- und Torfbrände kamen mindestens 50 Menschen ums Leben und ganze Dörfer wurden zerstört. Auch in Finnland wurde am 29. Juli mit 37,2°C der bisherige Wärmerekord aus dem Jahre 1914 (35,9°C) gebrochen.

Im Juli forderte eine Jahrhundertflut, im Norden Pakistans, 1700 Todesopfer. 20 Millionen Menschen wurden obdachlos. Während die Menschen in Pakistan noch vor der Jahrhundertflut flohen, stürzen nächtliche Wolkenbrüche in Indien die nördliche Himalaya-Stadt Leh ins Chaos. Mindestens 150 Menschen kommen dadurch ums Leben. Starke Monsunniederschläge prasselten noch bis in den September hinein auf Pakistan und Indien.

Sehr heiße Sommer verzeichneten auch China (heißester Sommer seit 1961) und Japan (heißester Sommer seit 1898). Im August waren der Nordosten Chinas und Nordkorea starken Regenfällen und Überschwemmungen ausgesetzt. Starke Monsunniederschläge traten im Oktober in Vietnam, Thailand und Südostchina auf.

Die westlichen USA wurde im September von einer Hitzeperiode erfasst. Am 27. des Monats ermittelten die Wetterdienste in Los Angeles eine Rekordtemperatur von 45°C.

Im Oktober überschwemmte in Ungarn ätzender Rotschlamm mehrere Orte, nachdem, infolge extremer Regenfälle, ein Damm eines Rotschlammbeckens brach. Die Bilanz: Vier Tote, über Hundert Verletzte - ein ökologisches Desaster.

Im Frühling 2011 traten in Australien außerordentlich starke Niederschläge auf. Besonders in Queensland setzten sich diese bis in den Dezember hinein fort und führten dort zu Hochwasser der Flüsse und starken Überschwemmungen.

Aktuell berichtet Prof. Stefan Rahmstorf von einem erheblich schnelleren Meeresspiegelanstieg wie noch im 2007er Bericht des Weltklimarates IPCC angenommen. Dieser ginge dreimal so schnell wie dort prognostiziert. Ende dieses Jahrhunderts könne man mit einem Meeresspiegelanstieg um 0,90 bis 1,60 Meter rechnen.

Daran anknüpfend möchte ich auf die Frage zurück kommen, warum die Gefahr des Klimawandels unterschätzt wird? Vermutlich handelt es sich zum Teil um ein Problem der menschlichen Wahrnehmung und des Vergessens. Dies ist aber nur ein Teil der Erklärung. Was wahrscheinlich weitgehend unbekannt ist, dass wir heute erst spüren, was vor 30 bis 40 Jahren an Treibhausgasen in die Atmosphäre entlassen wurde und das war wesentlich weniger als gegenwärtig. Mit anderen Worten, die Emissionen und die CO2-Konzentration der Gegenwart erfährt die Menschheit erst um 2040 bzw. 2050. Gleichzeitig findet im Zeitraum bis dahin weiteres CO2 seinen Weg in die Atmosphäre, gewiesen von zahlreichen menschenverursachten Verbrennungsprozessen und der Waldvernichtung. Verursacher dieser Verzögerung sind komplizierte Ozean- Atmospäre- Wechselwirkungen, einfach ausgedrückt ein kühlender Effekt der globalen Wassermassen, weil diese sich mit erheblicher Verzögerung erwärmen.

Was wir heute an Erderwärmung spüren ist also erst der Anfang eines sich nun schnell fortsetzenden und unaufhaltsamen Prozesses der globalen Erwärmung, selbst dann wenn die gesamte Menschheit ab sofort kein CO2 emittiert. Offensichtlich fällt es vielen Menschen schwer, losgelöst von den alltäglichen Wahrnehmungen und den Alltagsproblemen, zu verstehen, welches gewaltige Ausmaß die heutigen CO2-Emissionen bereits haben. Diese Erkenntnis erfolgt ja auch nicht unmittelbar, sondern es ist abstrakt, da komplizierte Zusammenhänge zu verstehen sind.

Dabei ist der Mensch grundsätzlich in der Lage selbst komplizierteste Zusammenhänge zu erfassen und auch in die Zukunft zu denken. Aber wie sagt der Volksmund: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“. In dieser Aussage steckt viel menschliche Erfahrung, daher muss die Vermittlung der Fähigkeiten, das Ausmaß des Klimawandels zu erkennen und kreative Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, viel früher beginnen, d.h. bereits in der Schule. Dort müssen die Lehrer den Kindern und Jugendlichen - beispielsweise - experimentell die Treibhauswirkung des CO2 demonstrieren. Das ist eigentlich ganz einfach, wie der folgenden Film zeigt, der leider nur in englischer Sprache vorliegt: Greenhouse effect in a bottle

Wer dann diese und ähnliche Experimente nachvollzogen hat, versteht auch den Klimaeffekt der Treibhausgase. Davon unabhängig bleibt es aber wichtig, alle Menschen von der Dringlichkeit des Themas zu überzeugen. Dazu können die Kinder und Jugendlichen dann im Gespräch mit ihren Eltern beitragen und vor allem auch die Umweltverbände und überhaupt alle die dazu in der Lage sind.

Damit es nicht wieder zu solchen falschen Fragen und Annahmen kommt, die ich zu Anfang dieses Artikels beschrieb. Denn wir müssen nicht irgendwann handeln, sondern eigentlich schon gestern, aber zumindest Jetzt.

Zu den Ereignissen des Jahres 2010 hat das Umweltbundesamt einen Text herausgegeben