War Grönland eisfrei als die Besiedlung der Insel durch Wikinger begann?

Um es vorwegzunehmen: Grönland ist seit mindestens einhundertzehntausend Jahren zu etwa 80% von Eis bedeckt. Es gibt aber eine bekannte Legende in der behauptet wird, dass Grönland damals, als die Insel - übrigens an ganz wenigen Stellen - von Wikingern besiedelt wurde, eisfrei und eine grüne Insel war. Daher käme der Name Grönland, so die Legende. Tatsächlich sind die Eismassen auf der Insel aber mindestens 110 000 Jahre alt. Wie kam es also zu diesem Gerücht?

Itinneq River valley in summer 2010
Es gibt an den Rändern der Insel grüne Gegenden wie hier an der südwestlichen Seite der Insel ... (Foto: Chmee2/Valtameri; Lizenz: CC-BY-3.0)

Als ich Schüler in der 5. oder 6. Klasse war erzählte man uns auch die Legende von der eisfreien Insel Grönland. Unsere Lehrerin Fräulein Q. - sie wollte im Alter von geschätzt 60 Jahren immer noch Fräulein genannt werden - erzählte uns diese Sage von den Wikingern die im Mittelalter auf der eisfreien Insel Grönland siedelten. Davon war sie offenbar auch überzeugt und auch ich habe dieses Märchen jahrelang als Wahrheit angesehen.

Wie war das aber tatsächlich mit Grönland und den Wikingern?

Bereits um das Jahr 900 war der Seefahrer Gunnbjörn Úlfsson auf einer Fahrt von Norwegen nach Island weit vom Kurs abgekommen und er gelangte mit seinem Schiff an eine westlich gelegene Küste, wahrscheinlich in die Gegend der Südspitze Grönlands. Er ging aber nicht an Land, denn er fand Eisberge, Schären und eine öde, menschenfeindliche Landschaft vor.

Satellitenaufnahme Greenland 42.74746W 71.57394N
... aber der größte Teil der Insel besteht aus einem bis zu 3 Kilometer dicken Eisschild. Beinahe so wie auf diesem Satellitenbild sah Grönland auch schon vor 1000 Jahren aus, als Erik der Rote und andere Wikinger an der Küste siedelten. (Bild: NASA; Lizenz: Public Domain)

Etwa hundert Jahre später besiedelten Wikinger unter Erik dem Roten einen kleinen Flecken im südlichen Teil der riesigen Insel. Zum Vergleich, diese Siedlung - Eystribygð - lag etwa auf dem 61. Breitengrad, die Norwegische Stadt Trondheim liegt etwa auf dem 63. Breitengrad und damit deutlich nördlicher. Eigentlich könnte man daher erwarten, dass Trondheim kälter ist, als diese erste Wikingersiedlung auf Grönland. Das ist aber nicht so, weil der Golfstrom Europa und Norwegen erwärmt, aber Grönland kalt lässt.

Der Begriff Grönland wurde vermutlich von Erik dem Roten geprägt um weitere Siedler anzulocken, wobei die nicht unter dem Eis liegenden Flächen Grönlands tatsächlich auch teilweise mit Gras bedeckt waren und auch heute noch sind. Aber der Name Grönland war stark beschönigend für eine Insel die zu etwa 80% mit "ewigem" Eis bedeckt war.

Woher weiß man wie alt das Eis auf Grönland ist?

Eine Methode zur Altersbestimmung des Eises ist das Entnehmen von Eisbohrkernen. Dazu bohrt man in die Tiefe der Eisschichten. Bei der tiefsten Bohrung wurde eine Tiefe von 3085 Metern erreicht. Diese NGRIP (North Greenland Ice Core Project) genannte Bohrung erfolgte im Jahre 2003. Das älteste Eis aus den damals entnommenen Eiskernen der Bohrung ist 123 000 Jahre alt und stammt aus der letzten Warmzeit vor der heutigen, der Eem-Warmzeit.

Die Eisdicken der Erde wurden auch mit Satelliten vermessen. Der ESA-Satellit Cryosat 2 lieferte z.B. 2010 umfangreiche Daten zur Eisdicke Grönlands. Aus dem Vergleich der Eisdicken mit den Daten der Eisbohrkerne kann man dann das Alter des Eisbedeckung ungefähr bestimmen. Aufgrund der Jahreszeiten bilden die jährlichen Niederschläge nämlich Eisschichten. Das Alter des Eises wird dann teilweise durch einfaches Auszählen der Schichten im Eiskern erfasst, teilweise auch durch Isotopenuntersuchungen der im Eis eingeschlossenen Gase.

Greenland Ice
Mächtigkeit des grönländischen Eisschildes in Metern (Grafik: Allstrak; Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Grönland war die letzten 2000 Jahre ungefähr genauso eisbedeckt wie heute

Die größte Insel der Erde war also die letzten 110 000 Jahren niemals eisfrei und auch vor 2000 oder 1000 Jahren etwa zu 80% von Eis bedeckt. Das Klima auf der Insel veränderte sich seitdem auch nur wenig. Zwar war es zur Zeit der Wikingerbesiedelung etwas wärmer, aber nicht wärmer als heute, denn gegenwärtig wirkt vor allem der menschengemachte Treibhauseffekt auf die Insel, was zu dem starken Schmelzen des Eises in den vergangenen Jahren führte. Wenn die Temperatur bis Ende des Jahrhunderts um 8 Grad Celsius ansteigen würde, dann bräuchte es immer noch 3000 Jahre bis Grönland fast vollständig eisfrei wäre. Da der Temperaturunterschied zwischen der Mittelalterlichen Warmzeit und der durchschnittlichen Temperatur des Zeitraums zwischen 1880 und 1960 aber nur 0,6 Grad betrug, ist auch dies ein Argument gegen die Annahme, dass angesichts eines so geringen Temperaturunterschiedes so eine gigantische Eisdecke aufgebaut werden konnte. Heute, im Jahr 2015, liegt die Temperatur bereits deutlich höher als während der Mittelalterlichen Warmzeit und sie wird noch weiter steigen, selbst dann, wenn es ab morgen keine technischen und landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen mehr geben würde, da das Erdsystem mit jahrzehntelanger Verzögerung reagiert. Die heutige Treibhausgaskonzentration reicht aus um die Temperatur um 1,5 bis 2 Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit (vor 1850) zu erhöhen.

Der Meeresspiegel des 19. Jahrhunderts ist gegenüber der Zeit um 1000 ebenfalls weitgehend unverändert

Ein weiteres Argument dafür, dass Grönland seinen Eispanzer auch vor tausend Jahren hatte ist der nahezu unveränderte Meeresspiegel. Wäre das Eis Gröndlands vor 1000 Jahren tatsächlich geschmolzen gewesen und hätten sich die bis zu 3000 m dicken Eisschilde innerhalb von tausend Jahren aufgebaut, so müssten Hafenstädte wie Hamburg oder Lissabon, die schon älter sind, viel höher und weiter entfernt vom Wasser liegen, denn der Meeresspiegel hätte - im Jahre 1000 - mindestens etwa 6 Meter höher sein müssen als heute. Die Küste hätte sich also entfernen müssen, weil der Meeresspiegel um 6 m sinken müsste, denn soviel Wasser ist in den Eismassen Grönlands gespeichert. Da die Hafenstädte der Welt ihre Lage aber praktisch nicht verändert haben, kann man davon ausgehen, dass der Meeresspiegel damals annähernd die gleiche Höhe hatte wie z.B. um 1900. Seidem ist er allerdings um etliche Zentimeter angestiegen und Hamburg musste bereits die Deiche erhöhen. Ursache für das Ansteigen des Wasserspiegels ist bekanntlich das weltweite Schmelzen der Gletscher und Eismassen aufgrund des menschengemachten Klimawandels.

Schmelzwasserseen
Schmelzwasserseen auf dem grönlandischen Eisplateau (Foto: NASA; Lizenz: CC-BY-2.0)

Das Märchen vom eisfreien Grönland um das Jahr 1000 wird immer wieder von Klimawissenschaftsleugnern erzählt und wie alle Gerüchte wird es weiter erzählt, mit dem Ziel uns weis machen, dass die meisten Klimawissenschaftler keine Wissenschaftler, aber dafür dumm oder Lügner, wären. Angeblich erkennen ja die Klimawissenschaftler nicht, dass es schon immer ziemlich kurzfristige natürliche Veränderungen der Erdoberflächentemperatur gab. Dabei versuchen die Leugner an die teilweise bereits in der Schule erzählten Sagen anzuknüpfen. Psychologisch sehr klug, aber überhaupt nicht von der Idee wahrheitsgemäßer Aufklärung beseelt. Über die Gründe für die Falschinformationen durch Leugner der Klimawissenschaften haben wir schon oft berichtet. Sie liegen zum Teil in dem Versuch das Geschäft der Kohle-, Öl-, Gas- und der fossilen Energiekonzerne zu schützen, zum Teil aber auch darin, dass Anhänger neoliberaler Ansichten staatliche Eingriffe aus ideologischen Gründen verhindern wollen. Denn Klimaschutz erfordert staatliche Eingriffe um dem menschengemachten Klimawandel entgegen zu wirken, z.B. indem Beschränkungen von CO2-Emissionen per Gesetz oder Verordnung verabschiedet werden.

Dann steht noch die Frage im Raum, warum man solchen falschen Gerüchten entgegentreten und sie korrigieren sollte? Und warum soll man versuchen zu verhindern, dass die Würde von Menschen verletzt wird - in diesem Fall die Würde seriöser Klimawissenschaftler - und die zu Unrecht angeprangerten verteidigen? Antwort: Weil es darauf ankommt - denn zum einen sollte niemand mit Lügenmärchen überzogen werden und zum anderen kommt es wirklich darauf an zu zeigen, dass der Klimawandel menschengemacht ist und das andere Ursachen auszuschließen sind. Täte man das nicht und der menschengemachte Klimawandel fände trotzdem statt, während die Ansicht, dass alles natürlich wäre, vorherrscht, dann würde man die zu erwartenden katastrophalen Folgen der Erwärmung nicht aufhalten können.

Seien Sie kritisch

Also, wenn Ihnen mal wieder jemand erzählen will, dass die gegenwärtige Eisschmelze Grönlands ja gar nicht so schlimm wäre, weil es schon zur Zeit der Wikingerbesiedelung eine eisfreie grüne Insel gab, dann fragen Sie ihn zunächst mal nach den Quellen seiner Informationen und überprüfen Sie diese bitte, ebenso wie Sie meine Quellen überprüfen sollten, die als Textlinks innerhalb des Artikels zu finden sind.