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#IPCC

Band III des Sechsten IPCC-Sachstandsberichts: „Minderung des Klimawandels“ wurde veröffentlicht

Germanwatch: Report des IPCC zeigt drastisch: Emissionen müssen in diesem Jahrzehnt massiv sinken - Klimafinanzierung muss steigen.

Potsdam Institut für Klimafolgenforschung: Weltweiter Ausstieg aus der Kohle dringend, denn allein die existierenden und geplanten Kohlekraftwerke würden in ihrer Laufzeit das unter dem Ziel von 1,5°C noch mögliche Budget von CO2-Emissionen aufbrauchen.

BUND: Deutschland muss den Weg zu einem sauberen, erneuerbaren, sozialgerechten globalen Energiesystem antreiben, statt sich vor der Verantwortung zu drücken.

Fridays for Future: Das politische Warten auf ein technologisches Wunder wird vergebens sein.

WGIII AR6(Foto © IPCC)

Bonn/Berlin. Der diese Woche vorgelegte dritte Teil des neuen Reports des Weltklimarats IPCC zeigt nach Ansicht von Germanwatch in nie da gewesener Deutlichkeit, dass die für die Bewältigung der Klimakrise entscheidende Dekade begonnen hat.Die Organisation identifiziert drei wesentliche Aspekte zur Abwendung der Krise in dem Bericht:

„Der IPCC zeigt, dass wir zur Eindämmung der Klimakrise nur noch eine Option haben: die massive Senkung der globalen Emissionen bereits bis Ende dieses Jahrzehnts und eine entsprechende Steigerung der dafür nötigen Investitionen“, betont Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch. „Der Krieg gegen die Ukraine zeigt zudem, dass es zwei gute Gründe für diese Beschleunigung gibt: Ein rascher Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas ist der einzige Weg zur Abwendung einer eskalierenden Klimakrise und der schnellste Weg zu Stabilität und Frieden, da er gas- und ölreichen autokratischen Regimen ihre schärfste Waffe nimmt.“

„CO2-Entnahme ist kein Rabatt auf nötige große Emissionsminderung“

Der IPCC stellt klar, dass er ohne massive Emissionssenkungen bereits bis 2030 keinerlei Chancen mehr sieht, ein zumindest zeitweises Überschießen des 1,5-Grad-Limits zu vermeiden. Vermutlich ist selbst bei durchgreifenden und schnellen Reduktionen ergänzend auch die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre notwendig. Bals: „Jedem sollte klar sein: Die Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre gibt uns keinen Rabatt auf die nötigen massiven Emissionseinschnitte bis 2030. Ohne ungefähr eine Halbierung der globalen Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2010 wird das sehr wichtige Ziel zur Abwendung einer möglicherweise eskalierenden Klimakrise - das 1,5-Grad-Limit -  gerissen. Wir brauchen aber zusätzlich Forschung dazu, ob und wie ergänzend eine möglichst risikoarme Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre gelingen kann. Dies würde die Chancen erhöhen, die Auswirkungen der Klimakrise abzumildern. In welchem Ausmaß das gelingen kann ist ebenso offen, wie mögliche Rückkopplungen und Risiken für Mensch und Natur, die damit verbunden sein könnten. Wenn der Turbo beim Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas gelingt, dann kann diese zusätzliche Absicherung eventuell das Überschreiten der Hochgefahrenschwelle von 1,5 Grad vermeiden.“

Dekarbonisierung des Flugverkehrs macht Fliegen nicht klimafreundlich

Bals kritisiert, dasse die Übernahme einer wichtigen Aussage des Hauptberichts zum Flugverkehr in die Summary for Policymakers verhindert wurde. Klimaschutz müsse beim Flugverkehr über die Emissionseinsparung hinausgehen, da beim Fliegen zwei Drittel der Erwärmungswirkung der Emissionen nicht von CO2, sondern von anderen Emissionsbestandteilen herrühren. Eine Dekarbonisierung der Treibstoffe allein mache den Flugverkehr also noch nicht klimafreundlich.

Die Zusammenfassung für die politischen Entscheidungsträger mache auch deutlich, dass zwischen 2020 und 2030 durchschnittlich weltweit drei bis sechs Mal mehr in Klimaschutz pro Jahr investiert werden muss als bisher, wenn der globale Temperaturanstieg auf weniger als 2 Grad oder gar 1,5 Grad begrenzt werden soll. Die Lücke zwischen aktuell tatsächlichen und notwendigen Investitionen sei im Landnutzungssektor und in Entwicklungsländern am größten. Deutlich größere Zuschüsse von Industriestaaten für Klimaschutz und -anpassung in verletzlichen Regionen, ganz besonders in Sub-Sahara-Afrika, würden sich nicht nur ökonomisch lohnen, sondern hätten auch große soziale Vorteile – etwa für den Zugang zu einer Grundversorgung mit Energie.

Rixa Schwarz, Leiterin des Teams Internationale Klimapolitik bei Germanwatch: „Der IPCC zeigt, dass Alle mehr investieren müssen, aber dass vor allem die besonders Verletzlichen im globalen Süden bisher keine Unterstützung erhalten, die dem tatsächlichen Bedarf auch nur annähernd entspricht. Die Wissenschaft hat dies noch nie so klar wie jetzt formuliert.“ Es sei wichtig, dass der IPCC nun erstmals in der Zusammenfassung für die politischen Entscheidungsträger auch die notwendige Finanzierung für die wachsenden klimabedingten Schäden und Verluste anspreche. Schwarz: „Für klimabedingte Schäden und Verluste kommen die historischen Hauptverursacher aus dem globalen Norden und die großen Schwellenländer mit noch immer steigenden Emissionen bisher überhaupt nicht auf.“

Mehr und breitere Klimapartnerschaften mit Schwellenländern nötig

Berechnungen auf Grundlage des IPCC-Reports ergeben: Würden die weltweiten Emissionen auf dem Stand von 2019 (vor Corona) verharren, wäre das noch zur Verfügung stehende Budget für das 1,5-Grad-Limit in ca. 11 bis 13 Jahren komplett aufgebraucht.

Doch der Report sieht auch Anlass zur Hoffnung, denn der Siegeszug der Erneuerbaren Energien ist weltweit ungebrochen. In den meisten Regionen der Welt ist Strom aus Wind und Sonne heute deutlich günstiger zu gewinnen als aus fossilen Quellen oder Atomenergie. Und der IPCC zeigt eine Vielzahl von kostensparenden Möglichkeiten zur Emissionssenkung auf.

Durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine sind die Kosten insbesondere von Gas und Öl weiter gestiegen, Erneuerbare sind dadurch im Vergleich noch günstiger geworden. Genau an diesem Punkt sollte die G7, die in diesem Jahr unter deutscher Präsidentschaft steht, ansetzen.

Christoph Bals: „Wir brauchen mehr Energiewendepartnerschaften der großen Industriestaaten mit Schwellen- und Entwicklungsländern. Es gilt zu verhindern, dass diese Staaten angesichts der hohen Gaspreise vermehrt in Kohle investieren. Dort sollte jetzt mit entsprechender Unterstützung großflächig in Energieeffizienz und eine erneuerbare Stromversorgung investiert werden. Außerdem geht es darum, insbesondere den Ärmsten dabei zu helfen, sich an die Folgen der Klimakrise anzupassen und nicht mehr vermeidbare Schäden zu bewältigen.“ Die Länder am Horn von Afrika und in Nordafrika sind derzeit massiv von Dürre und steigenden Getreidepreisen betroffen.

Bals weiter: „Auch bei der Bewältigung der Ernährungskrise ist die Bundesregierung als G7-Präsidentschaft in den nächsten Wochen ganz besonders gefordert. Dies alles wäre im Übrigen auch ein wertvoller Beitrag zur Friedenssicherung: Beschleunigter Klimaschutz führt zu weniger Kundschaft für Gas- und Öl-Autokraten. Und Unterstützung für die Anpassung an die Klima- und Ernährungskrise hilft, arme Regionen zu stabilisieren.“

Es ist jetzt die Zeit der Entscheidungen

Elmar Kriegler, vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Ko-Leiter der Forschungsabteilung Transformationspfade, war Leitautor des Berichtskapitels zu Minderungspfaden und Langfristzielen sowie Mitwirkender bei der Zusammenfassung des Berichts für politische Entscheider und Entscheiderinnen.

Sein Resümee:

"Die Einigung von Wissenschaft und Staaten auf die Zusammenfassung des Berichts für die Politik war schwierig – was vor allem eines zeigt: Es ist jetzt die Zeit der Entscheidungen. Der Bericht, das sind nicht einfach nur Worte, sondern er fordert Taten. Es ist gut, wenn das jetzt die Regierungen erkennen. Zum Beispiel müssen wir weltweit aus der Kohle aussteigen. Denn allein die existierenden und geplanten Kohlekraftwerke würden in ihrer Laufzeit das unter dem Ziel von 1,5°C noch mögliche Budget von CO2-Emissionen aufbrauchen. Die Kosten des Klimaschutzes sind dabei im Weltmaßstab und über Generationen hinweg betrachtet ökonomisch absolut machbar. Nur sind die Kosten regional sehr unterschiedlich. Auf CO2-intensive Entwicklungsländer können hohe Kosten zukommen. Effiziente Industrieländer wie Deutschland, die derzeit noch fossile Brennstoffe importieren und dann umstellen, sind die Gewinner. Deshalb ist unbedingt ein fairer Ausgleich erforderlich, nicht nur innerhalb der einzelnen Länder sondern auch international. Denn klar ist: Der Nutzen des Klimaschutzes übersteigt seine Kosten deutlich."

Hierzu auch Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Klima-Ökonom und früherer Ko-Leiter der Arbeitsgruppe 3 des IPCC-Berichts von 2014:

„Schockierend klar zeigt der Bericht: Wir haben die Emissionskurve der Treibhausgase nicht nach unten gebogen, wir haben nur ihren Anstieg etwas abgeflacht. Mit den Emissionen aber steigen auch die Klimarisiken, die bisher ergriffenen Maßnahmen sind zu schwach. Wir brauchen also eine neue Politik – und angesichts der russischen Aggression eine, die Energiesicherheit und Klimasicherheit verbindet. Nur mit einem starken CO2-Preis können wir das Comeback der Kohle stoppen und zugleich unsere Energiequellen diversifizieren sowie Einnahmen erwirtschaften für den nötigen Sozialausgleich hoher Energiekosten. In Deutschland und Europa darf der Emissionsdeckel nicht geschwächt werden; in der Welt sollten sich Europa, China und die USA als Klima-Club zusammentun und auf einen Mindestpreis für CO2 verständigen. Der Bericht rechnet vor: Die Hälfte der global nötigen Emissionsminderungen können mit Technologien erbracht werden, die bereits bei einem CO2-Preis unter 100 Euro pro Tonne rentabel wären. Der Einstieg ist also zum Greifen nahe. Nun muss die Politik auch zupacken.“

Weltklima in Aufruhr – Nein zu Kohle, Gas, Öl und Atom 

Der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Olaf Bandt, haut in dieselbe Kerbe:

„Die Klimakrise schreitet unaufhaltsam fort, unser Energiehunger steigt und steigt und steigt und mit ihm die Temperaturen auf unserem Planeten. Es ist Alarmstufe rot für unseren Planeten, das Zeitfenster zum Handeln minimiert sich jeden Tag.

Wir müssen auf einen 1,5-Grad-Pfad kommen, um Klimaauswirkungen und geopolitische Konflikte zu verringern – aber nur auf einem klima- und sozialgerechten Weg. Die nächsten Jahre sind entscheidend und deshalb braucht es mehr Tatendrang besonders von denen, die die Klimakrise verursacht haben.

Der globale Norden muss den verschwenderischen Umgang mit Energie und Ressourcen systematisch und sozialgerecht beenden. In allen Sektoren muss der Verbrauch drastisch und absolut sinken. Auch Deutschland tut bislang zu wenig, um die Klimaauswirkungen so gering wie möglich zu halten. Jede weitere Erderwärmung ist zu viel. Das heißt: Nein zu Kohle, Gas, Öl und Atom.

Welche Auswirkung ein ‚overshoot*‘ für den Planeten bedeutet, ist nicht absehbar. Einen ‚overshoot‘1) zu riskieren und die Hoffnung an nicht erprobte geo-engineering Technologien zu hängen, ist aus unserer Sicht ein absolut falscher Weg. Statt auf Phantasie-Instrumente zu setzen sollten wir uns auf Maßnahmen konzentrieren, die wir in der Hand haben.  

Unser aller Leben verändert sich durch die Klimakrise. Nicht nur im globalen Süden, sondern auch hier bei uns. Die internationale Staatengemeinschaft muss den Globalen Süden angemessen finanziell unterstützen, mit Geldern für die Anpassung und mit Geldern für dauerhafte Schulden und Verluste. Deutschland muss den Weg zu einem sauberen, erneuerbaren, sozialgerechten globalen Energiesystem antreiben, statt vor der Verantwortung zu drücken.“

Zeitfenster schließt sich

Fridays for Future sieht ein rasantes Schließen des Zeitfenster für die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens.

Bereits jetzt müsse für das Einhalten der 1,5-Grad-Grenze Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre entfernt werden. Der Bericht zeige jedoch auch deutlich: das politische Warten auf ein technologisches Wunder wird vergebens sein.

Es gibt keine Möglichkeit zur CO₂-Entfernung, die die Notwendigkeit radikaler Emissionsreduktion ersetzt.

Die nächsten Monate und Jahre seien entscheidend und müssen unter anderem von einer sozial gerechten Wärme-, Verkehrs- und Energiewende geprägt sein. In der aktuellen Situation zeige sich deutlich: Eine unabhängige, dezentrale Versorgung mit erneuerbaren Energien ist essentiell für unsere Sicherheit. 

Aktuell versage die Ampel mit jedem Tag, an dem sie nicht handelt, so Fridays for Future. Ihre Ziele reichen nicht – und ihre Maßnahmen noch viel weniger. Am Tagebau bei Lützerath und auf jeder Baustelle für eine weitere Autobahn werde schmerzhaft klar, dass eine klimagerechte Welt politisch nicht gewollt ist.

Auf internationaler Ebene muss Deutschland endlich seiner Verantwortung nachkommen. Fridays for Future fordert von der Bundesregierung die Festlegung von mindestens 14 Milliarden Euro jährlich für internationale Klimafinanzierung und den Ausschluss der Ratifizierung klima- und umweltschädlicher sowie menschenrechtsgefährdender Handelsverträge.

Im Osterpaket müsse die Bundesregierung als ersten Schritt einen entschlossenen, detaillierten und verbindlichen Plan für die längst überfällige Energiewende vorlegen.

Friday for Future: "Wir fordern, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: eine ehrliche und mutige Politik, die endlich angemessen auf die dramatische Situation reagiert."

Zum IPCC-Bericht (englisch)

Germanwatch

Potsdam Institut

BUND

Fridays for Future


1) *overshoot = durchschnittliche weltweite Temperatur wird zeitweilig das Temperaturziel übersteigen, bevor sie wieder sinkt